Mike Müller: «Die Fichen-Affäre war das Dümmste»

Lukas Rüttimann

1.2.2020 - 15:04

«Moskau Einfach!» wird morgen die Filmtage in Solothurn eröffnen. «Bluewin» war am Filmset der Komödie über die Fichen-Affäre dabei.

Wenn «Moskau Einfach!» morgen die Filmtage in Solothurn eröffnet, werden die Temperaturen wohl zum Filmtitel passen. Regisseur Micha Lewinsky und sein Team hingegen dürften sich das eine oder andere Mal an den Sommer letzten Jahres erinnern. Bei über 30 Grad hatten sich Regisseur, Crew und Schauspieler in den leer stehenden Räumlichkeiten der Plattenfirma Musikvertrieb AG in Zürich eingerichtet, um dort eine Komödie über eines der kontroversesten Kapitel der Schweizer Geschichte zu drehen.

Mike Müller steht der Schweiss an diesem späten Junitag denn auch ins Gesicht geschrieben, als er zum wiederholten Mal seinen Monolog in die Kameras spricht. Eine anspruchsvolle Szene, selbst für einen erfahrenen Schauspieler wie ihn.

Als Chef der Geheimpolizei sieht sich Müller zusammen mit seinen Beamten Videoaufnahmen einer Theaterprobe im Schauspielhaus Zürich an und schwört diese auf subversive Botschaften ein. Das ist alles andere als Fiktion: In linken Theaterkreisen wollten die Spitzel aus Bundesbern damals tatsächlich ein besonders hohes Risiko für den Staat ausgemacht haben. Müllers Chefbeamter warnt sein Team denn auch mit bebender Stimme, den Feind «ja nicht zu unterschätzen» und sich «auf keinen Fall in einer trügerischen Sicherheit zu wiegen».

Zwischen Job und Liebe

«Das ist tatsächlich eine eher anspruchsvolle Szene, die ich deshalb auch mehrfach mit einem Coach proben musste», bestätigt Müller später im Gespräch gegenüber «Bluewin.ch» am Set. Dieses Vorgehen sei sonst nur bei besonders emotionalen Szenen üblich. Hier jedoch liege die Herausforderung in der Ausführlichkeit des Monologs sowie der bedrohlichen Grundstimmung im Raum, die er als Schauspieler adäquat herüberbringen müsse. «Da kannst du nicht jedes Mal neu ansetzen, das muss sitzen.»

Obwohl Müller der bekannteste Name in «Moskau Einfach!» sein dürfte, spielt der Satiriker nicht die Hauptrolle. Diese gehört Philippe Graber. Er spielt einen braven Polizeibeamten, der von seinem Vorgesetzten Marogg (Müller) verdeckt ins Schauspielhaus eingeschleust wird, um Informationen über linke Theaterleute zu sammeln. Als er sich in Schauspielerin Odile (Miriam Stein) verliebt – jene Person, die er observieren soll –, muss er sich zwischen seinem Job und seinem Herzen entscheiden.

«Es hat mich selbst überrascht, dass ich nach vielen Castings wieder bei Philippe Graber gelandet bin, mit dem ich schon mehrfach zusammengearbeitet habe», sagt Regisseur Micha Lewinsky zu seiner Wahl. Graber habe ein grosses Talent für Figuren, die «liebenswert, ein bisschen tollpatschig, aber nicht albern» seien. Ausserdem habe der Schauspieler ein ganz präzises Gefühl für Komödien. Lewinsky: «Das ist eine Gabe.» Begeistert ist der Regisseur aber auch von Mike Müller. Den populären Komiker könne man in diesem Film so erleben, «wie man ihn bisher bestimmt noch nie gesehen» habe.

Intensiv, aber auch lustig

Müller zeigt in «Moskau Einfach!» tatsächlich ein anderes Gesicht als beispielsweise in der erfolgreichen SRF-Serie «Der Bestatter» oder als Gastgeber beim ausgelaufenen Satireformat «Giacobbo/Müller» (2008 bis 2016).

Auch, weil der sonst oft so gemütliche Solothurner hier für einmal nicht den Sympathieträger, sondern so ziemlich das Gegenteil davon spielt. Müllers Wandelbarkeit dürfte dabei den einen oder anderen überraschen. Um der angespannten Situation Ende der Achtziger, Anfang der Neunziger gerecht zu werden, spielt der Satiriker den Chefbeamten in «Moskau Einfach!» mit einer intensiven Ernsthaftigkeit, die ihm so wohl nicht viele zugetraut hätten. Müller: «Das Schwierige ist, solche Leute glaubhaft abzubilden, ohne sie lächerlich zu machen. Denn das wäre zu einfach.»

Die Komik entstehe denn auch eher durch absurde Situationen, nicht durch Pointen, so Müller. Geholfen hat ihm bei der Umsetzung seine eigene Biografie: «Ich habe versucht, mich an diese Jahre zurückzuerinnern. Es war eine Wahnsinnszeit mit der Armeeabschaffungsinitiative und den Feierlichkeiten zu 700 Jahre Eidgenossenschaft. Die Fichen-Affäre war natürlich das Dümmste, das der Schweiz damals passieren konnte», lacht Müller, der selber – «leider» – keinen Fichen-Eintrag vorweisen kann. Zum Lachen sei das Thema dennoch nicht: «Die Fichen hatten für viele Betroffene durchaus schwere Konsequenzen; etwa, weil sie dadurch ihren Job verloren.»

Dunkles Kapitel

Nicht nur deshalb ist es einigermassen erstaunlich, dass die Fichen-Affäre bislang noch nie in einem Spielfilm aufgearbeitet wurde. Das findet auch Micha Lewinsky: «Viele über 40-Jährige können sich noch gut erinnern und werden sofort hellhörig, wenn man über die Fichen spricht. Noch erstaunlicher ist aber, dass die Jüngeren kaum davon gehört haben», so der Regisseur. Er fände es deshalb wichtig, daran zu erinnern. Denn: «Die Überwachung der Bevölkerung ist auch heute wieder ein grosses Thema.»

Tatsächlich ist der Zeitpunkt für einen Film über Bespitzelung in Zeiten von Big Data günstig. Mit seinem politischen Unterton erinnert «Moskau Einfach!» deshalb ein bisschen an den Grosserfolg «Die Schweizermacher». Glaubt Mike Müller, dass dieser Film so erfolgreich werden könnte wie dieser Schweizer Klassiker? Er lacht: «Dafür müssten schon alle Rädchen ineinandergreifen. Ich gebe lieber keine Prognosen ab. Dafür bin ich schon zu oft falschgelegen.»

«Moskau Einfach!» von Micha Lewinsky, mit Mike Müller, Philippe Graber und Miriam Stein ab 13. Februar im Kino.

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