Wenn «Der Pate» auf das eigene Leben abfärbt

#Von Carlotta Henggeler

3.5.2021

American actor Marlon Brando, as Don Vito Corleone, with some children at her daughter's wedding reception in the movie The Godfather by Francis Ford Coppola. 1972. (Photo by Mondadori via Getty Images)
Marlon Brando als Don Vito Corleone an der legendären Hochzeit. Fressgelage, viele Kinder und die Mafia am Tisch. Francis Ford Coppolas «Pate» von 1972 zeichnet ein abgedroschenes Italien-Bild.
Mondadori via Getty Images

Das Mafia-Epos «Der Pate» ist für die Kolumnistin gleichzeitig Fluch und Segen. Ein Meisterwerk, das wirklich jeder und jede kennt. Die Trilogie untermauert rassistische Stereotypen – und ist eine Beleidigung für ihren Opa. 

#Von Carlotta Henggeler

3.5.2021

Filme und Bücher haben mir die Pandemie erträglicher gestaltet. Doch irgendwann ist auch Netflix leergeschaut. Also ran an die Klassiker. «Der Pate» ist eine meiner Binge-Watch-Delikatessen. Egal, wie oft man die Trilogie schon gesehen hat, die Filme langweilen nie. Er ist der Grand Cru unter den Mafia-Filmen. Einfach gut gealtert.

Ein Teil des Films spielt auf Sizilien. Besser gesagt in Corleone, berühmtestes Mafia-Kaff Siziliens, nein, der Welt! Kein anderer Flecken Erde ist ein solch starkes Synonym für die organisierte Kriminalität, die Cosa Nostra. 

Und genau da liegt das Problem. Wenn ich in meiner Vergangenheit nach meinem exotischen Vornamen gefragt wurde, antwortete ich mit Italien als meinem Herkunftsort. Italien, wo denn genau? Denn Schweizer*innen halten sich sehr oft für Kenner des Landes, nachdem sie zwei-, dreimal schon ihre Ferien dort verbracht und an der Bar einen Espresso bestellt haben. Ich zähle auf: Sizilien, Sardinien und Rom. 

Und dank des Paten klingelt es in den Ohren der Cineasten. «Sizilien, wirklich? Du bist also eine Mafia-Braut aus Corleone? Da muss ich ja direkt aufpassen, was ich sage.» Diese stupide Antwort habe ich früher oft, sehr oft zu hören bekommen. Klar, man sollte solche Aussagen von Alles-in-den-gleichen-Topf-Werfern nicht zu ernst nehmen. Trotzdem, ein fader, rassistischer Nebengeschmack bleibt hängen. 



Das ist nicht die einzige Rassismus-Episode in meinem Leben. Carlotta lässt sich auch in Carletta Spaghetta verwandeln, wenn man ein Kind ist und viel Fantasie hat. Haben mich diese Hänseleien getroffen? Als Kind schon ein wenig, man fühlt sich ausgeschlossen. Eine Exotin unter den Zürcher Stadtkindern. In Zürich der Tschingg, in Rom la Svizzera. Ein Leben in zwei Kulturen, ein bisschen wie im Transit.

Was mich aber am meisten schmerzt, ist die Tatsache, dass die sizilianische Familie meines Grossvaters, meines Nonnos, mit solch einem mafiösen Stempel versehen wurde. Menschen, die genau eine einzige Gemeinsamkeit mit der Cosa Nostra haben: die Armut. 

Bitte lasst mich ein paar wenige Eckpunkte aus Nonno Paolos Biografie erwähnen. Mit 28 Jahren muss er 1939 für Mussolini nach Albanien ins Nirgendwo ausrücken. Eines Morgens fühlt er sich unwohl – und bleibt im Lazarett. Seine ausgerückten Militärfreunde aus der Erkundungstruppe verschwinden an diesem Morgen für immer. Mochte man doch seine Kompagnons, flickte ihnen die Schuhe oder schnitt ihnen die Haare. Nonno Paolo war überzeugt, ein begnadeter Coiffeur zu sein und für die Enkelkinder gab's jeden Sommer einen schicken Gratis-Militärhaarschnitt. Kurz, knackig, unmodisch-schlimm.

Paolo ist der Kriegshölle Albaniens nur um ein Haar entkommen. Er hat später sein weniges Hab und Gut gepackt und sein Heimatdorf, Palazzolo Acreide (Siracusa), das zum Unesco-Welterbe gehört, verlassen. In Rom nach seinem Glück gesucht. Er fand es in seiner Arbeit als Staatsbibliothekar und seiner Familie samt den drei Kindern. Geblieben ist ihm ein lebenslanger Hass auf den Duce und ein unbändiger Hunger. Jeden Tag aufzuwachen mit der Angst, kein Essen oder zu wenig Essen zu haben.

Diametral entgegengesetzt

Paolos Biografie könnte nicht weiter entfernt von einem waschechten Mafioso sein. Aber eben, Klischees bleiben Klischees, wenn man die Realität und deren Geschichten nicht kennt – oder es einen nicht interessiert. 

Trotzdem: Mir hat es die Freude an «Der Pate» nicht verdorben. Ein Meisterwerk bleibt ein Meisterwerk, auch wenn es Vorurteile zementiert.

Regelmässig gibt es werktags um 11:30 Uhr und manchmal auch erst um 12 Uhr bei «blue News» die Kolumne am Mittag – sie dreht sich um bekannte Persönlichkeiten, mitunter auch um unbekannte – und manchmal wird sich auch ein Sternchen finden.