Wie bekommt man eigentlich Polizeischutz?

tsch

14.2.2021

In Ludwigshafen wandelte sich ein scheinbar politischer «Tatort» zum Familiendrama. Trotzdem blieben vor allem zwei junge Schauspielerinnen sowie die Frage hängen, was passieren muss, damit bedrohte Normalbürger von der Polizei beschützt werden?

Die Ludwigshafener Kommissarinnen Odenthal (Ulrike Folkerts) und Stern (Lisa Bitter) reiben sich gerade am System Deutschland. In ihrer Weihnachtsfolge «Unter Wölfen» mussten sie den Rechtsstaat vor der Übernahme durch die Türsteher-Szene bewahren, in der Folge «Hetzjagd» kamen nun die Neonazis in Spiel.

Dass am Ende die liebeskranke Mutter der Freundin das Opfer war, erinnerte an griechische Dramen. Es war eine zumindest gewagte Wendung des Films, der als Polit-Thriller begann. Zwei junge, noch recht unbekannte Darstellerinnen sorgten für das szenische Highlight der knapp 90 «Tatort»-Minuten. Die Frage, wer wann Polizeischutz erhält, blieb unbeantwortet.

Worum ging es?

Das Neonazi-Pärchen Ludger Reents (Daniel Noël Fleischmann) und Hedwig Jörges (Anne-Marie Lux) will den streitbaren linken Konzertveranstalter Tillmann Meinecke (Tom Sommerlatte) beim Joggen am Rheinufer erschiessen. Meinecke stirbt tatsächlich, der wenig später gefasste Reents gibt jedoch an, er habe Meinecke bereits tot aufgefunden.

Maria (Anna Herrmann), die Freundin des Opfers, macht der Polizei schwere Vorwürfe. Ihr Partner hatte sich vergeblich um Polizeischutz bemüht. Nun, da das Drama passiert ist, nimmt sich der Staatsschutz der Sache an. Er will Lena Odenthal (Ulrike Folkers) und ihrer Kollegin Johanna Stern (Lisa Bitter) den Fall entreissen.

Worum ging es wirklich?

Nun, gar nicht so leicht zu sagen. Jene Spuren, die der Ludwigshafener Stamm-Autor und -Regisseur Tom Bohn legte, führten nämlich in eine falsche Richtung. Weder Organisationsformen und Gefahrenpotenzial gewaltbereiter rechter Gruppen wurde tiefer ausgelotet, noch die Frage weiter thematisiert, was passieren muss, damit man Polizeischutz erhält.



«Tatort»-Autor und -Regisseur Tom Bohn kennt die Veranstalter-Szene, da er früher selbst ein Rockfestival und ein Filmfestival organisiert hat. Zum Hintergrund seines Films «Hetzjagd» sagt er: «Rock-gegen-Rechts-Organisatoren haben mir immer wieder bestätigt, dass es unmittelbar vor und während dieser Festivals Drohungen gegen Veranstalter und auftretende Musiker gegeben hat. Zum grossen Teil von wirklichen Rechtsradikalen, aber manchmal wurden auch Trittbrettfahrer von links vermutet, die sich als Rechte ausgaben, um deren Gefährlichkeit mehr Gewicht zu geben.»

Wer entscheidet in der Schweiz über Personenschutz?

Die Zuständigkeit in der Schweiz liegt bei der Bundesbehörde über Personenschutz. Das Bundesamt für Polizei Fedpol mit Sitz in Bern beurteilt die Bedrohungslage einzelner Personen. So werden zum Beispiel Magistratsmitglieder, eidgenössische Parlamentarier und ausländische Staatsgäste geschützt, meist durch kantonale und städtische Polizeikorps, die solche Massnahmen im Auftrag des Fedpol umsetzen. Wie in vielen anderen Ländern boomt jedoch auch in der Schweiz der private Markt des Personenschutzes.

Wie ist die Lage in Deutschland?

Wegen einer hohen individuellen Gefährdung standen in Deutschland zum Stichtag 30. Januar 2020 36 Politiker und Politikerinnen des Bundes unter Personenschutz, wie «Polizeischutz» korrekterweise heisst. Über die Gefährdungslage entscheidet das Bundeskriminalamt (BKA), das den Schutz auch organisiert. Grundsätzlich kann auch jeder Normalbürger Personenschutz beantragen. Wird dieser gewährt, ist er für den Antragsteller kostenlos.



Die Polizei ist verpflichtet, jeden Antrag zu prüfen. So wurde beispielsweise Satiriker Jan Böhmermann nach seinem Erdogan-Schmähgedicht für eine Weile von der Polizei geschützt. Oft geschieht dies in Form eines Streifenwagens, der vor dem Haus des potenziell Bedrohten parkt. Familienstreitfälle mit Mord- oder Entführungsdrohungen oder auch Zeugenschutz sind Beispiele, in denen der Staat auch nicht prominenten Bürgern Schutz gewährt. Ein konkretes Gesetz dazu existiert nicht. Basis des Personenschutzes ist das Polizeigesetz, dessen Generalklausel vorsieht, «Gefahren von Personen und Sachen abzuwehren».

Wer waren die jungen Schauspielerinnen?

Am interessantesten war der «Tatort», als sich die Freundin des Toten und jene des mutmasslichen Nazi-Täters während einer durchstreiften Nacht in Ludwigshafen zufällig kennenlernen – ohne die wahre Identität der anderen zu erahnen. Zwei junge Frauen in der Nacht, die das Potenzial hätten, Freundinnen zu werden. An dieser Stelle fing der «Tatort» ein bisschen zu träumen an.

Gespielt wurden die jungen Frauen von zwei eher unbekannten Schauspielerinnen: Die 29-jährige Berlinerin Anna Herrmann wurde in Leipzig zur Schauspielerin ausgebildet. Seit gut zehn Jahren sieht man sie regelmässig in vorwiegend kleineren Rollen im TV. In den Serien «Weinberg» (vier Folgen) und sogar in dem US-Serienhit «Homeland» (zwei Folgen) war sie dabei. Das Neonazi-Mädchen wurde von Anne-Marie Lux, 32, gespielt. Wie Herrmann ist auch sie ausgebildete Diplom-Schauspielerin (Hannover), man sieht sie vor allem am Nationaltheater Mannheim. Skurrilerweise hatte Lux auch im Vorgängerfall «Unter Wölfen» einen kleinen Auftritt – als Volontärin.

Zurück zur Startseite