Wie gefährlich ist die Russenmafia hierzulande?

tsch

19.4.2021

Die Kommissare Falke (Wotan Wilke Möhring) und Grosz (Franziska Weisz) drehten am grossen Rad: Russenmafia, Waffenhandel, Ost-Agenten und verdeckte Ermittler. Und: Die Oligarchen leben mitten unter uns. Wie übertrieben war der Hamburger Russenmafia-Thriller unter dem «Tatort»-Siegel?

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19.4.2021

Sie zitierten Tolstoi und spielten Rachmaninow auf dem Klavier: die feingeistigen, aber mit tödlichen Waffen handelnden Angehörigen der Familie Timofejew in Hamburg. Die Kommissare Falke und Grosz waren in «Tatort: Macht der Familie» nah dran an der Aufdeckung derer Geschäfte – als ihr verdeckter Ermittler einem Mordanschlag zum Opfer fällt. Wie realistisch ist die massive Präsenz der Russenmafia in Deutschland? Und wer bitteschön war die Episoden-Hauptdarstellerin mit der besonderen Aura?

Worum ging es?

Frisch zur Hauptkommissarin ernannt, leitet Julia Grosz einen Zugriff, bei dem ein verdeckter Ermittler in den inneren Kreis der russischen Waffenhändler-Familie Timofejew vordringen soll. Die Bundespolizei ist kurz davor, einen Deal des alten Oligarchen Victor Timofejew (Wladimir Tarasjanz) auffliegen zu lassen, der moderne russische Raketenwaffen neuen Besitzern zuführen möchte.

Der Einsatz endet im Debakel, auch die Familie Timofejew erleidet einen tragischen Verlust. Weil die Polizei dringend einen neuen Zugang zum Clan benötigt, aktiviert man die verdeckte LKA-Ermittlerin Marija Timofejew (Tatiana Nekrasov) – zufälligerweise auch die Nichte des Waffenhändlers. Kann die deutsch-russische Powerfrau das Geheimnis lösen – oder arbeitet sie am Ende doch im Sinne ihrer eigenen Familie?



Worum ging es wirklich?

Der 60-jährige Autor und Regisseur Niki Stein, zuletzt inszenierte er das im Oktober 2020 gesendete Biopic «Louis van Beethoven» mit Tobias Moretti, hatte sich für seinen neuen «Tatort» viel vorgenommen: die harte Lebensrealität verdeckter Ermittler beschreiben, den moralischen Kodex russischer Oligarchen mit verwerflichen Geschäftsmodellen beleuchten und schliesslich komplexe Familienbande in Jagd-Villen mit denen in Falkes Altpunk-Wohnung vergleichen. Welche Möglichkeiten hat der Mensch (Verbrecher), seine gelebte Moral vor sich zu legitimieren? Das war die grosse Hintergrundfrage in diesem – seien wir ehrlich – eher überkonstruierten Familien-Thriller?

Residiert die Russenmafia wirklich in Deutschland?

Deutschland gilt als bevorzugtes Aktionsgebiet der Russenmafia, gerade was das Prinzip der Geldwäsche betrifft. BKA-Chef Holger Münch schlug schon im Jahr 2016 Alarm. «Die russisch-eurasische organisierte Kriminalität erleben wir als sehr dynamisch, sie expandiert gerade in den Westen hinein», sagte er damals der Tageszeitung «Die Welt».

Als Beispiel für einen Fall mit extrem hohen Summen sowie russischer Mafia-, Oligarchen- und Regierungsverbindungen in Deutschland gilt der Kauf des drittgrössten deutschen Werftenverbundes 2008 in Wismar und Warnemünde. Angeblich 249 Millionen Euro zahlten zwei Russen an den norwegischen Konzern Aker Yards. Keiner wusste, woher die Käufer – einer davon ein ehemaliger russischer Offizier – so viel Geld hatten. Doch auch die Landesregierung stellte keine Fragen. Später wurde der Ex-Offizier in einem Moskauer Lokal erschossen, die windige Investoren-Firma ging insolvent. Zuvor führte der Mann trotz mies laufender Geschäfte ein Luxusleben an der deutschen Ostsee. Ein Vorbild für diesen «Tatort»?

Gibt es auch Russland-Paten in der Schweiz?

Berühmt wurde 1998 der Prozess gegen Sergei Michailow in Genf, weil er als einer der ersten westeuropäischen Prozesse gegen die Russenmafia galt. Der schillernde Unternehmer Michailow wurde vor 23 Jahren wegen «Beteiligung an einer kriminellen Organisation» angeklagt. Drogenhandel, Schutzgelderpressung, Schmuggel, Zuhälterei, Auftragsmorde warf man jenem russischen Syndikat vor, dem Michailow vermutlich vorstand.

Der sehr teure Prozess geriet jedoch zum Desaster. Ausser dem widerrechtlichen Erwerb von Eigentum in der Schweiz konnte man dem Angeklagten nichts nachweisen. Zu allem Übel für die Schweizer Behörden mussten sie dem mutmasslichen Paten für 778 Tage in Untersuchungshaft eine Entschädigung von 800'000 Franken zahlen. Heute ist mächtigste Pate des grössten und einflussreichsten russischen kriminellen Syndikats «Solnzewskaja Bratwa» 63 Jahre alt.

50 Jahre «Tatort»: Interview mit Regisseur Florian Froschmayer

50 Jahre «Tatort»: Interview mit Regisseur Florian Froschmayer

Was macht diese Krimi-Reihe derart erfolgreich? Das fragen Vania und Frank Regisseur Florian Froschmayer. Der Exil-Zürcher hat schon fünf «Tatort»-Folgen gedreht. Darunter den besten «Tatort» 2015 «Ihr werdet gerichtet».

28.11.2020

Wer war die Darstellerin der russischen Ermittlerin?

Die charismatische Schauspielerin Tatiana Nekrasov, die als Wandlerin zwischen den Welten deutsche Polizei und russische Oligarchen-Familie einen ziemlichen Spagat vollziehen muss, stach aus dem Ensemble heraus. Das faszinierende Spiel der 37-jährigen Deutsch-Russin in der Rolle einer Undercover-Ermittlerin, deren Motive angenehm lange in der Schwebe bleiben, verlieh dem bestenfalls mittelmässigen «Tatort» gehörigen Glanz.

Die in Berlin geborene Nekrasov darf fast schon als Muse des Filmemachers Niki Stein bezeichnet werden – schliesslich wurden ihre Rollen in dessen letzten Filmen stetig grösser. Auch in seinem nächstem «Tatort», der gerade abgedrehten Stuttgarter Folge «Der Mörder in mir» wird Nekrasov übrigens wieder eine grössere Rolle spielen.

Wie geht es weiter beim «Tatort» mit Falke und Grosz?

Falke und Grosz, die bereits im Februar 2021 auf Norderney ermittelten, tauchen für den Rest des «Tatort»-Jahres voraussichtlich ab. Ihr nächster Fall ist aber unter dem Arbeitstitel «Tyrannenmord» abgedreht. Er führt auf das internationale diplomatische Parkett: Nachdem der 17-jährige Sohn eines Botschafters aus einem norddeutschen Elite-Internat verschwunden ist, taucht ein Erpresserschreiben auf. Die Entführer versuchen, inhaftierte Regimegegner und Journalisten freizupressen. Drehbuchautor Jochen Bitzer («Der Fall Jakob von Metzler») schrieb die Vorlage, Regisseur Christoph Stark («Letzte Spur Berlin») setzte sie in und um Holzminden sowie in Hannover in Szene.