Schweizerin überzeugt Coaches «Wo ein Wille, ist auch ein Weg» – blinde Bernarda begeistert bei «The Voice»

Cilgia Grass

22.10.2018

Mit ihrer Darbietung von «I Heard It Through The Grapevine» punktet Bernarda (25) aus Dietikon ZH bei «The Voice of Germany». Die blinde Sängerin über ihren Auftritt, ihre Erkrankung und ihren Glauben.

Herzlichen Glückwunsch, Sie haben sich gestern bei «The Voice» weitergesungen. Was ist das für ein Gefühl?

Wow! Es ist einfach unbeschreiblich! Ich freue mich einfach riesig. Die Atmosphäre im Raum war ultrapositiv, die Band hat den Song so arrangiert, dass er mir so noch besser gefällt als im Original, und das Original ist schon klasse! Ich bin vor allem glücklich, dass sich alle Coaches zu mir gedreht haben. Mit einem Vierer-Buzzer habe ich echt nicht gerechnet, zu einem weil ich praktisch «taub» aufgetreten bin, da ich mit einer schweren Mittelohrentzündung kämpfen musste. Plus war ich, was die Stimme betrifft, alles andere als fit – und doch hat's gereicht. Der emotionale Höhepunkt kam dann, als mir gesagt wurde, dass ich viermal gebuzzert wurde. Diesen Moment vergesse ich nie, und die Coaches waren alle so nett. Es war am Schluss wirklich hart, mich für einen entscheiden zu müssen. Andererseits war es aber eine «süsse Qual».

Ihre Wahl fiel auf Michael Patrick Kelly ...

Ich bin hundertprozentig sicher, dass ich bei jedem der Coaches gut aufgehoben sein würde, aber das ist so eine Situation im Leben, da kann man  nicht alles haben. Ich finde meine Entscheidung war die Richtige. Wieso? Das kann ich auch nicht wirklich beschreiben. So ein Gefühl muss man erst mal erfahren. Jedenfalls bin ich richtig happy.

Sie sind sehbehindert, können nur Licht und Schatten sehen. Inwiefern beeinflusst das Ihre Auftritte?

In so einem Fall ist es mir enorm wichtig, dass ich mich entweder auf der Bühne gut auskenne oder mir den Raum gut merke, in dem ich mich bewegen kann, ohne dass ich der Band in die Quere komme oder gar von der Bühne herunterfalle. Am besten fühle ich mich, wenn ich in der Nähe der Monitore stehe, dann habe ich einen Orientierungspunkt. Andererseits ist es mir auch wichtig, dass ich mich selbst richtig höre. Alles andere kommt dann eigentlich spontan. Ein super Song, eine tolle Band, und dann geht die Post ab! In solchen Momenten lasse ich mich einfach von der Musik und der Atmosphäre im Raum mitreissen und tauche dann komplett in meine Welt ein.

Woran sind Sie erkrankt?

Die Sehbehinderung, die von den Ärzten «Kongenitaler Glaukom» oder stark erhöhter Augeninnendruck genannt wird, habe ich schon seit Geburt. Keine der vielen Operationen hat helfen können. Aber nur, weil die Medizin ihre Grenzen hat, lasse ich mir doch nicht sonst im Leben Grenzen setzen. Man kann damit leben: Wo ein Wille, ist auch ein Weg.

Wann und wie haben Sie Ihre Liebe zur Musik entdeckt?

Seit frühester Kindheit war die Musik ein steter Begleiter meines Lebens. Schon früh war ich verschiedensten Stilrichtungen ausgesetzt. Immer wieder geschah es, dass mich Songs so tief berührten, dass ich einfach noch mehr davon hören wollte. Irgendwann  wurde mir bewusst, das ich, was die Musikalität betrifft, eine Gabe bekommen habe. Es brauchte aber eine gewisse Zeit, bis mir klar wurde, dass an diesem Talent auch gearbeitet werden muss, um es immer weiterentwickeln zu können. Das ist ein Abenteuer, das niemals aufhört.

Sie haben 2010 an der Schweizer Ausscheidung zum «Eurovision Song Contest» teilgenommen. Inwiefern hat Sie das weitergebracht?

Ich hatte davor und danach kleinere Auftritte an verschiedenen Anlässen. Eine grössere Karriere ist daraus nicht geworden. Ich glaube, das liegt daran, dass ich unbedingt das Gymnasium abschliessen wollte, um ein Studium anzufangen – als Standbein. Eine Musikkarriere ist ein harter Weg. Und es ist klug, sich nicht in eine «hineinstürzen» zu wollen. Es braucht eine gewisse Bereitschaft, die gut durchdacht werden muss, eine gewisse Reife und Weisheit, um sich im Showbusiness zurechtfinden zu können. Alles mag auf der Bühne super aussehen, aber dahinter und ausserhalb des Auftrittsortes ist das Leben nicht so einfach, wie man es sich vorstellen würde. Einerseits war ich ziemlich sicher, dass ich mein Talent nicht vergraben wollte. Andererseits, glaube ich, mussten davor gewisse grundlegenden Entscheidungen getroffen werden, was meine ganze Einstellung zur Musik betrifft. Dies brauchte, so sehe ich es im Nachhinein, seine Zeit.

Sie haben selber schon etwa 250 Lieder geschrieben und sind in einer Band. Wie läuft es?

Die allermeisten Songs, die ich geschrieben habe, sind noch nicht aufgenommen, sondern werden nach und nach überarbeitet, weil ich im Songwriting und Composing immer Neues dazulerne. In der Band bin ich erst seit letzten Dezember. Mit dieser habe ich in der Schweiz einige Auftritte gehabt. In Kroatien bin ich jeweils solo an Festivals aufgetreten. Im Moment geschieht vieles eher hinter der Bühne als auf ihr. Ich bleibe mal realistisch, weil bis jetzt sieht meine Karriere nicht wie die eines High Profile Celebrity aus. Aber ich bin auch optimistisch, weil ich glaube, was jetzt geschieht, kann man als Wachstumsphase bezeichnen oder gar als «Stille vor der Explosion». Ich schaue nach vorne und warte ab, wie sich die Situation entwickelt.

Sie studieren Theologie an der Uni Luzern. Wieso haben Sie diese Studienrichtung gewählt?

Ich habe Theologie gewählt, weil ich mich sehr für das Christentum interessiere, nicht nur als Religion selber, sondern auch als Religion im Dialog mit der Philosophie, der Weltgeschichte, den verschiedenen Wissenschaften. Über viele Themen und Fragen wird gelesen, geschrieben, diskutiert, nachgeforscht. Ich habe ein unerschöpfliches Verlangen nach Wissen und Weisheit. Im Studium kann ich bei den Themen so richtig in die Breite und Tiefe gehen.

Sind Sie selber gläubig?

Ja, absolut. Ich sage vorläufig am besten nichts weiter, sonst wird aus ein paar Interview-Zeilen eine ganze Bibliothek! Zu meiner grossen Freude wird es sicherlich Gelegenheiten geben, über so ein Thema zu sprechen. In allen weiteren Fällen ist es wichtig, nach der noch grösseren Freude zu streben: den Glauben in Taten auszuleben.

«The Voice of Germany» lief am Sonntag, 21. Oktober, um 20.15 Uhr auf Sat.1. Mit Swisscom TV Replay können Sie die Sendung bis zu sieben Tage nach der Ausstrahlung anschauen. Den Auftritt von Bernarda gibt es aber auch online zu sehen.

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