Psycho-«Tatort» mit Schweizer Roeland Wiesnekker: Ist das Krankheitsbild realistisch?

tsch

6.1.2019 - 21:45

Nach dem Kölner «Tatort: Weiter, immer weiter» war man als Zuschauer reif für eine Therapiesitzung. Aber wie realistisch war der Film?

Da haben uns die Kölner «Tatort»-Macher aber mal ordentlich an der Nase herumgeführt: Was erst nach einem packenden Kriminalfall aussah, mit Russenmafia, Maulwürfen, Verschwörungen und allem Drum und Dran, entpuppte sich als zähe Psychonummer, der wohl allenfalls ein paar interessierte Therapeuten mehr abgewinnen konnten als ein verwirrtes Kopfschütteln. Nur Ärzte werden am Ende mit Exaktheit sagen können, inwieweit der «Tatort: Weiter, immer weiter» realistisch war.

Worum ging's?

Dem Streifenpolizisten Frank Lorenz (Roeland Wiesnekker), einem alten Kumpel von Hauptkommissar Freddy Schenk (Dietmar Bär), ist eine Verkehrskontrolle gewaltig aus dem Ruder gelaufen: Ein verhaltensauffälliger Fahrer kam Lorenz' Anweisung, aus seinem Wagen zu steigen, zwar nach, er rannte dann aber von eigenartiger Panik ergriffen vor eine Strassenbahn – und war sofort tot. Dass aus dem Unfallszenario ein Fall für die Mordkommission wurde, hatte damit zu tun, dass Drogen im Pkw gefunden wurden – einhergehend mit einer eigentümlichen Beobachtung: Lorenz wollte gesehen haben, dass direkt nach dem tragischen Ereignis ein schwarzer Jeep mit bewaffneten, auffällig tätowierten Männern am Ort des Geschehens vorbeigefahren ist. Ein klares Indiz für die Russenmafia.

Worum ging's wirklich?

Erst sah es so aus, als wolle einer, der im Leben zu kurz gekommen ist, allen zeigen, was wirklich in ihm steckt: Lorenz, nach 40 Jahren immer noch «Streifenhörnchen», wie er seinen niederen Dienstgrad selbst nannte, mischte sich ein, trieb die Ermittlungen mit fiebrigem Engagement voran und die Kommissare Schenk und Ballauf (Klaus J. Behrendt) vor sich her. Ballauf war von Anfang an genervt, Schenk hingegen lange geneigt, seinem Freund Lorenz die Theorie von der Russenmafia, deren Arm bis in Polizeikreise reiche, abzukaufen. Aber kurz vor dem (völlig überflüssigen) Showdown stellte auch er fassungslos fest: «Es war alles nur in seinem Kopf.» Frank Lorenz lebte in seiner eigenen Realität, und er log mit pathologischer Qualität. Am Ende war nichts von dem, was er diesem Fall andichten wollte, wahr – noch nicht einmal, dass er sich mit seiner Schwester die Wohnung teilt, stimmte. Denn die Frau, so fanden die Kommissare heraus, nahm sich einst das Leben. Sie lief vor einen Zug.

Gibt es dieses Krankheitsbild wirklich?

Ja. Tatsächlich deutet alles auf eine schwere Erkrankung hin. Sicherlich ist Lorenz traumatisiert vom Suizid der Schwester und von verstörenden Erfahrungen beruflicher Art. Er weist Symptome einer «histrionischen Persönlichkeitsstörung» auf. Auf der Plattform «therapie.de» heisst es, Betroffene neigten dazu, «starke, übertriebene Gefühle zu zeigen und haben ein starkes Bedürfnis nach Aufmerksamkeit, Anerkennung und Lob». Zudem hätten sie «eine geringe Frustrationstoleranz, sodass selbst kleine Anlässe oft zu einem starken Ausbruch von Gefühlen führen».

All das bekam man von Lorenz reichlich vor Augen geführt. Auch Wachfantasien, real erscheinende Tagträume, und eine sogenannte «Pseudologie», der Hang zum zwanghaften Lügen, dürften eine Rolle spielen. Ebenso waren Wahnvorstellungen auszumachen, die der kranke Polizist unbeirrbar für real hielt. «Du bist krank, du brauchst Hilfe», sagte Schenk seinem Haufen Elend von einem Freund am Ende ins Gesicht. Und genau so ist es: Das gezeichnete Krankheitsbild ist wohl weitgehend realistisch, wobei die Experten eigentlich sehr wohl zwischen pathologischer Lüge und Wahn abgrenzen und hier allzu vieles in einen Topf gerührt wurde. Aber nur Ärzte und professionelle Therapeuten können in einem solchen Fall Diagnosen stellen und weiterhelfen.

Wer ist der Schauspieler, der den Polizisten verkörperte?

Roeland Wiesnekker (51) stammt aus Uster bei Zürich. Der Schweizer mit niederländischen Eltern liess sich in den späten 80er Jahren an der Schauspielakademie Zürich ausbilden und zählt längst zu den gefragtesten Charakterdarstellern im deutschsprachigen Raum. In der neu geschaffenen «Prag-Krimi»-Reihe der ARD spielt Wiesnekker nun selbst einen Ermittler, grundsätzlich ist er ein Mann für die extremen Rollen. Anstrengende Figuren wie den psychisch kranken Frank Lorenz im Kölner «Tatort», den er mit enormer Wucht alles auf einmal sein lässt: freundlich, herzlich, melancholisch, aufbrausend, verbittert, wütend. Diese, mit allem Respekt, arme Sau bleibt einem noch lange in Erinnerung – als ein Mensch, der schon lange in der Sackgasse steckte und vom Leben schliesslich den Rest gekriegt hat. Eine Wahnsinnsleistung!

Was sagen die Macher?

«In unserer Geschichte wollten wir den harten Arbeitsalltag einfacher Streifenpolizisten thematisieren – und haben uns gefragt, was passiert, wenn diese Arbeitslast auf eine instabile Persönlichkeit prallt», erklären die Autoren Arne Nolting und Jan Martin Scharf. «Auf einer zweiten Ebene kreist die Geschichte um die Zuverlässigkeit von Beobachtungen, Schilderungen und vermeintlichen Gewissheiten. Was ist Tatsache, was These und was Vorurteil?»

Wie geht es für die Kölner weiter?

Es bleibt extrem am Rhein. Noch ohne Sendetermin ist der dramatische «Tatort: Ausser Kontrolle», in dem Schenk und Ballauf im Fall eines totgeprügelten homosexuellen Streifenbeamten in den eigenen Reihen ermitteln. Auch die Titel der folgenden «Tatort»-Ausgaben – «Bombengeschäft» und «Gegen den Strom» – versprechen Spannung.

Der «Tatort: Weiter, immer weiter» lief am Sonntag, 6. Januar, um 20.05 Uhr auf SRF 1. Mit Swisscom TV Replay können Sie die Sendung bis zu sieben Tage nach der Ausstrahlung anschauen.

Abschiede, Neulinge – und Cowboys: So wird das «Tatort»-Jahr 2019
Nichts für schwache Nerven: Die bizarrsten Leichenfunde beim «Tatort»
Zurück zur Startseite