Lässt Corona die Serienblase platzen?

dpa/fts

19.9.2020 - 18:00

Louis Hofmann konnte als Protagonist der deutschen Serie «Dark» einen weltweiten Erfolg feiern.
Netflix

Die Pandemie könnte zum Ende des Serienhypes führen. Manche würde das womöglich beruhigen, denn Binge-Watching, also Komaglotzen, und Allesgeguckthabenmüssen kann stressig werden und belasten.

Wann platzt die Serienblase? When will the bubble pop?, fragte Anfang des Jahres – noch vor der Coronakrise – die «New York Times». Marktforscher hatten soeben für 2019 allein für die USA die Höchstzahl von mehr als 500 neuen Serienproduktionen bekannt gegeben. Die Antwort auf die Frage ist komplex. Doch sicher ist: 2020 ist für die Serienproduktion ein schwieriges Jahr. Wegen der Coronabeschränkungen wurden viele Drehs monatelang unterbrochen. Serienfans könnten 2021 einer Durststrecke entgegensehen, weil sich vieles verzögert hat. Steht der Hype gar vor dem Aus?

Sieben Prozent mehr an neuen Staffeln von Drama bis Comedy, Miniserie et cetera als noch 2018 wurden im Jahr 2019 in Amerika veröffentlicht, wie es von den Forschern des FX Network hiess, einem amerikanischen Pay-TV-Kabelsender aus dem Hause Walt Disney.



Im Laufe des vergangenen Jahrzehnts hat sich demnach die Zahl der pro Jahr neu gestarteten (oder fortgesetzten) US-Serien mehr als verdoppelt. Seit etwa acht Jahren nehmen in erster Linie Produktionen der Streamingdienste zu. Seit 2014 hat sich deren Zahl verfünffacht. Kamen vor etwa 20 Jahren nur etwa 180 US-Serien innerhalb von zwölf Monaten raus, vor zehn Jahren knapp 220, waren es 2019 insgesamt 532.

Der Anfang des Hypes liegt lange zurück

So richtig los mit dem Serienhype, also den High-End-Reihen und komplexer angelegten Qualitätsserien ging es vor 30 Jahren, mit «Twin Peaks», dem von David Lynch entwickelten Mystery-Format.

Spätestens seitdem sind horizontal erzählte Fernsehserien, die ihre Handlungsbögen über viele Episoden ziehen, der Megatrend. Wo früher Auto, Mode, Bücher oder Plattensammlung zur Distinktion reichten, wurde es jetzt immer öfter die TV-Serie oder später Streaming-Serie. Ein Lifestyle-Import aus Amerika: auch eine neue Art, sich abzugrenzen. Sag mir, was du guckst, und ich sage dir, wer du bist.



Auch wenn in den 80ern natürlich schon die populären Edel-Soaps «Dallas» und «Denver-Clan» existierten, gab es erst seit den 90er-Jahren eine Trendserie nach der anderen: zum Beispiel «Ally McBeal», «Sex and the City», «24», «Six Feet Under – Gestorben wird immer», «Lost», «Mad Men», «The Walking Dead», «Game of Thrones», «Homeland», «Breaking Bad», «Downton Abbey», «House of Cards», «Better Call Saul», «The Crown», «Stranger Things», «The Young Pope», jüngst nun «Unorthodox» oder «Babylon Berlin». Es hört und hört nicht auf.

Weniger Bahnbrechendes – und der Kampf gegen Corona

Hat die Kunstform Serie nun ihren Zenit überschritten? Timo Gössler, Dozent für Dramaturgie und Serielles Erzählen an der Filmuniversität Babelsberg Konrad Wolf in Potsdam, gibt eine differenzierte Antwort: «Möglicherweise ist es wahr, dass aus den USA, dem Mutterland der modernen Serie, immer weniger Bahnbrechendes kommt», sagt der 42-Jährige. Doch wer seit Jahren Hunderte Serien auf den Markt werfe, habe irgendwann fast alles gemacht. «Neue und frische Impulse kommen – Plattformen sei Dank – immer häufiger auch aus Europa.»

Nie zuvor sei der Serienmarkt derart international gewesen. «Spitz, also nur für eine sehr kleine, spezifische Publikumsgruppe zu erzählen, kann sich auch finanziell auszahlen, wenn eine Serie überall dieses kleine Publikum bekommt und daraus dann global ein grosses wird.» Das beweise zum Beispiel die deutsche Netflix-Serie «Dark», die weltweit Kult sei und keineswegs dem Mainstream-Geschmack folge, meint Gössler. Deren deutsche Verortung und philosophischer Ansatz seien sicher ein Faktor für den Erfolg auf der ganzen Welt.

«Was alle anderen Länder ausser den USA betrifft, halte ich den Zenit noch längst nicht für überschritten», sagt Gössler. «So viele Themen, Spielfelder, Perspektiven und Narrative sind noch gar nicht bearbeitet worden, in Sachen Diversität haben wir zum Beispiel noch gewaltig Luft nach oben.»

Zurück zur Startseite