Wie lebt man mit der Schuld am Tod eines Freundes?

tsch

23.11.2018

Vor 18 Jahren hat Jonas unter dramatischen Umständen seinen Freund verloren. Auch heute hat die Titelfigur im französischen Drama «Jonas – Vergiss mich nicht» das Erlebte noch nicht verarbeitet.

Einer der bemerkenswertesten Schweizer Filme überhaupt trägt den wunderbaren Titel «Jonas, der im Jahr 2000 25 Jahre alt sein wird». Alain Tanners Werk von 1976 dreht sich um eine Gruppe desillusionierter 68er, die ihre alten revolutionären Hoffnungen auf die gerade erst geborene Titelfigur projizieren.

Jener Jonas, der heute erwachsen wäre, könnte durchaus gleichzusetzen sein mit der gleichnamigen tragischen Figur, die dem französischen Drama «Jonas – Vergiss mich nicht» den Namen verleiht. Dieser Jonas aus Christophe Charriers Erstlingsfilm von 2016, der nun bei Arte seine Free-TV-Premiere feiert, repräsentiert die gescheiterten utopischen Entwürfe und aufgegebenen Hoffnungen der folgenden Generationen. Félix Maritaud überzeugt als junger schwuler Mann, oberflächlich freiheitsliebend, aber von einem schrecklichen Ereignis traumatisiert.

Er trinkt und prügelt sich

Jonas, jetzt 33 Jahre alt, ist wieder mal aus der Gay-Disco «Boys» im südfranzösischen Toulon rausgeflogen – zu viel Alkohol, zu viele Männer. Einen hat er in den Arm gebissen und damit eine Schlägerei angezettelt. Jetzt sitzt er im Polizeiauto, das ihn aufs Revier bringen wird.

Neben ihm Caroline, eine freundliche Polizistin, die vor vielen Jahren mit ihm in die Schule gegangen ist. Caroline kann es kaum fassen, dass er sich so gar nicht mehr an sie erinnern kann. Doch Jonas hatte damals eben nur Augen für den frechen, so selbstsicheren Nathan, der ihm zeigte, wie das Leben geht – auch das von Mann zu Mann.

Es war eine kurze Liebe, damals 1997. 18 Jahre danach ist Jonas noch immer nicht über das plötzliche Ende seiner Freundschaft mit Nathan hinweggekommen. Einfach verschwunden war er, und Jonas' Eltern nahmen auch ihn von der Schule.

Der Zuschauer rätselt

Heute, mit 33, ist er ein gebrochener, noch immer auf der Suche nach sich selbst befindlicher Mann. Immer wieder werden von Christophe Charrier (Buch und Regie) die Szenen von damals und heute ineinander geschnitten, um Jonas Trauma, sein Aus-der-Zeit-gefallen-sein, zu verdeutlichen. An sich keine schlechte Idee, aber sie verhindert auch, sich in Jonas wirklich hineinzuversetzen, der immer noch mit dem Gameboy von damals spielt, den ihm Nathan schenkte. Seine Unruhe, seine Wut geben Rätsel auf.

Dabei wird bereits früh angedeutet, dass Jonas damals eine schwere Schuld auf sich geladen hat, er verliess in einer prekären Lage den wohl toten Freund. Letztlich begibt sich der Versuch, eine Coming-of-Age-Geschichte mit thrillerhaften Spannungsmomenten zu kreuzen, dann doch in recht seichte Gewässer. Die von Nicolas Bauwens (Jonas jung) und Tommy-Lee Baik (Nathan) lebensnah gespielten Freunde, vor allem aber Félix Maritaud als traumatisierter Wutmensch halten die Spannung jedoch trotz der Zeit übergreifenden Springprozession am Schneidetisch lange erstaunlich hoch.

«Jonas – Vergiss mich nicht» läuft am Freitag, 23. November, um 20.15 Uhr auf Arte. Mit Swisscom TV Replay können Sie die Sendung bis zu sieben Tage nach der Ausstrahlung anschauen.

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