Auch ein Blinddarm spielt manchmal «Versteckis»

Runa Reinecke

16.10.2020 - 16:54

Blinddarmentzündung oder nicht? Eine Ultraschalluntersuchung kann auf dem Weg zur Diagnose hilfreich sein. 
Bild: Getty Images

Die sogenannte Appendizitis zu diagnostizieren, ist gar nicht so einfach. Ein Experte erklärt, warum nicht immer operiert werden muss, wann Lebensgefahr droht und was sich sonst noch hinter rechtsseitigen Bauchschmerzen verbergen kann.

Am 6. Dezember 1735 schrieb ein Arzt der britischen Armee unter König Georg II. Geschichte. Claudius Amyand gelang – zumindest ist es so dokumentiert – als erstem Chirurgen der Welt eine Appendektomie. Sein Patient, ein elfjähriger Bub, war nach der gewagten und damals noch mit schlimmen Schmerzen verbundenen Prozedur wohlauf.

Zwar bezeichnet die Appendektomie das Herausoperieren des Blinddarms, richtig ist das aber nicht, zumindest nicht ganz: Vielmehr wird nur ein Teilbereich, der Wurmfortsatz, entfernt. Zu seinem Namen kam der Blinddarm übrigens, weil dieser Darmabschnitt in einem Übergangsbereich zwischen Dünn- und Dickdarm liegt und gewissermassen «blind» in einer Art Sackgasse, dem Wurmfortsatz, endet.

Was im 18. Jahrhundert zu Recht als Sensation gehandelt wurde, ist längst zu einem Routineeingriff geworden. In vielen Fällen lässt er sich heute sogar anhand der Schlüssellochmethode, also minimalinvasiv und mittels Spezialendoskop, durchführen.

Zur Person: Philipp Schütz
Bild: zVg

Prof. Philipp Schütz ist Chefarzt der Allgemeinen Inneren & Notfallmedizin am Kantonsspital Aarau und Titularprofessor an der Universität Basel. Er hat eine aktive Forschungstätigkeit im Bereich von Entzündungsmarkern zur besseren Steuerung der Antibiotikatherapie und im Bereich der Ernährungsforschung.

Manchmal muss man suchen

Geschätzt 8 Prozent aller Menschen erleiden irgendwann in ihrem Leben eine Blinddarmentzündung. Hervorgerufen wird sie meist durch Kotsteine, die sich im Wurmfortsatz bilden und ansammeln. Die Fremdkörper reizen die Darmschleimhaut, und es kommt zu einer Entzündung, die durch die im Darm angesiedelten Bakterien befeuert wird. Auch kleinere Kerne von Früchten wie Trauben können die Entstehung einer Blinddarmentzündung begünstigen.

Bevorzugt rebelliert der kleine Darmzipfel bei Kindern, jungen Erwachsenen oder Schwangeren und macht sich durch einen ziehenden, manchmal auch stechenden Schmerz bemerkbar; zunächst neben dem Bauchnabel, dann im rechten Unterbauch. Wer jetzt denkt, es sei ein Klacks, die sogenannte Appendizitis immer sofort und zweifelsfrei als solche zu erkennen, irrt. «Der Wurmfortsatz liegt nicht bei jedem an derselben Stelle, und entsprechend strahlen die Schmerzen variabel aus», weiss Prof. Dr. med. Philipp Schütz vom Kantonsspital Aarau.

Weil ein Ungeborenes zunehmend Raum im Bauch einfordert und die mütterlichen Organe verdrängt, lässt sich der Wurmfortsatz auch bei Schwangeren nicht immer dort verorten, wo man ihn grundsätzlich vermutet. 

Symptome? Eine Frage des Alters

Fast immer tritt eine Blinddarmentzündung mit Begleitsymptomen wie Übelkeit bis hin zu Erbrechen, Fieber und Appetitverlust in Erscheinung. So viel zur Theorie, denn der entzündete Wurmfortsatz vermag nicht nur in anatomischem Versteckspiel, sondern auch durch die Absenz der genannten Symptome zu verwirren.

Das sei, so der Experte, eher bei älteren Menschen zu beobachten, insbesondere wenn diese entzündungshemmende Medikamente wie Kortison einnähmen: «Sie haben dann vielleicht Fieber und klagen über Unwohlsein, doch Bauchschmerzen haben sie keine.» Andere Patientinnen und Patienten werden wiederum von starken Bauchschmerzen geplagt, leiden aber nicht an Fieber, ihnen ist nicht übel, oder die Blutwerte zeigen keine Auffälligkeiten.

Damit sich die ärztliche Fachperson ein Bild von den Beschwerden machen kann, wird die Patientin oder der Patient eingehend befragt, und im Blut wird nach erhöhten Entzündungswerten gesucht. Wichtig ist auch die körperliche Untersuchung: «Charakteristisch ist, dass sich der Bauch bei der Tastuntersuchung hart anfühlt.» Selbst leichter Druck sei dabei für den Betroffenen sehr unangenehm bis schmerzhaft, wie der Chefarzt für Allgemeine Innere und Notfallmedizin feststellt. 

Wenn es nicht der Blinddarm ist …

Der Spezialist rät, sich bei plötzlich auftretenden und bislang unbekannten Beschwerden im rechten unteren Bauchraum, Fieber und Übelkeit an den Hausarzt zu wenden, wenn man sie sich nicht durch andere mögliche Ursachen wie Menstruationsbeschwerden, eine nahrungsmittelbedingte Unverträglichkeit oder einen Infekt erklären kann. Wird der Blinddarm als Störenfried ausgeschlossen, empfiehlt der Arzt weitere Abklärungen. Als Ursache infrage kommen neben entzündlichen Darmerkrankungen, wie etwa Morbus Crohn, eine entzündete Bauchspeicheldrüse oder Gallenblase, Nierensteine oder gynäkologische Ursachen wie eine Eierstockentzündung.

Eine Appendizitis muss man ernst nehmen, denn eine einfache Blinddarmentzündung kann sich zu einer zerstörerischen Form entwickeln. Bessern sich die Schmerzen schlagartig, wähnen sich Betroffene in Sicherheit – bei Medizinern hingegen schrillen sämtliche Alarmglocken, denn nun besteht Verdacht auf einen Blinddarmdurchbruch: Der Eiter, der sich angesammelt hat, übt Druck im Wurmfortsatz aus. Platzt dieser, kann die Flüssigkeit in den Bauchraum abfliessen, wodurch der Druck und die damit verbundenen Schmerzen verschwinden oder sich deutlich bessern.

Operation nicht immer nötig

Nicht ohne Grund wird dieser Zustand auch Trügerischer oder Fauler Frieden genannt, denn ohne sofortige Therapie droht eine Bauchfellentzündung, im schlimmsten Fall eine Blutvergiftung. «Wird ein Blinddarmdurchbruch nicht sofort behandelt, ist das lebensgefährlich», betont der Internist.

Während bei einer zerstörerischen Blinddarmentzündung kein Weg an einer OP vorbeiführt, muss eine einfache Blinddarmentzündung nicht zwangsläufig mit einer Operation enden.

Philipp Schütz verweist auf eine Anfang Oktober im medizinischen Fachjournal «New England Journal of Medicine» erschienene Studie: Während bei der einen Hälfte der 1'552 Studienteilnehmer mit akuter Blinddarmentzündung der Wurmfortsatz operativ entfernt wurde, bekamen die der anderen Gruppe eine Antibiotika-Therapie.

Es stellte sich heraus, dass die Behandlung mit Antibiotika ähnlich gute Resultate zeigte wie die Operation: «Wenn der Blinddarm noch intakt und der Patient stabil ist, kann man es mit einer Antibiotikatherapie versuchen», ergänzt Schütz, gibt aber zu bedenken, dass ein Teil der Patienten zu einem späteren Zeitpunkt trotzdem operiert werden muss.

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