Darum nervt Lärm nicht nur, sondern tötet auch

#Von Lia Pescatore

28.4.2021

1,1 Millionen Menschen sind täglich von übermässigem Strassenlärm betroffen – dies kann auch gesundheitliche Folgen haben.
1,1 Millionen Menschen sind täglich von übermässigem Strassenlärm betroffen – dies kann auch gesundheitliche Folgen haben.
Keystone/Gaetan Bally

Ohren zu und durch? Nicht jeder Mensch reagiert gleich auf Lärm, jedoch ist der Einfluss auf unsere Gesundheit nicht zu unterschätzen. Ein Text zum heutigen Tag gegen den Lärm.

#Von Lia Pescatore

28.4.2021

Laute Motoren: Für die einen ein kraftvolles Brummen, das Freude bereitet, für die anderen ohrenbetäubender Radau, der Verboten gehört. Zur zweiten Gruppe gehört auch SP-Nationalrätin Gabriela Suter. Sie hat dem Motorenlärm mit mehreren politischen Vorstössen den Kampf angesagt. Aufmerksam gemacht wurde sie auf das Thema durch Betroffene: «Während des ersten Lockdowns haben mich mehrere Briefe von Menschen erreicht, die an Passstrassen wohnen und sich am Motorenlärm stören», sagt sie.

Doch was macht ein Geräusch zu Lärm? Gemäss Jean-Marc Wunderli erscheinen vor allem Geräusche von hoher scharfer Tonalität oder solche, die impulsartig auftreten, als störend, als Beispiel nennt er eine Kreissäge. Wunderli ist Abteilungsleiter für Akustik und Lärmminderung bei der Empa, der Eidgenössischen Materialprüfungs- und Forschungsanstalt. Schlussendlich entscheidend sei aber auch, wie das Geräusch im Hirn beurteilt werde, auch im Hinblick auf seine Quelle: «Ein Rega-Helikopter kann zum Beispiel weniger störend wirken als ein Helikopter, von dem man weiss, dass der einen Topmanager zum Abendessen chauffiert», erklärt Wunderli.

Lärm sei aber nicht nur lästig, sondern könne auch gesundheitliche Folgen haben – dies nicht nur für lärmsensible Personen. «Studien zeigen, dass in lärmbelasteten Gebieten besonders viele Menschen von Herzinfarkten betroffen sind, auch ein Zusammenhang zu Diabetes ist feststellbar», sagt Wunderli, der auch die Eidgenössische Kommission für Lärmbekämpfung präsidiert.

Lärmliga: 500 Tote wegen Lärm pro Jahr

Der gesundheitlichen Auswirkungen von Lärm ist sich auch Gabriela Suter bewusst, dies werde allgemein unterschätzt. Sie setzt sich darum neu als Präsidentin der Lärmliga für eine lärmärmere Schweiz ein. Lärm verursache hohe Gesundheitskosten und fordere 500 frühzeitige Tote pro Jahr. Gerade wer an stark befahrenen Strassen lebe, sei einem 20 Prozent grösserem Risiko ausgesetzt, zu erkranken oder zu sterben, warnt Suter.

Wunderli stellt fest, dass das Bewusstsein für die gesundheitlichen Folgen in der Bevölkerung gestiegen sei. «Die Schweizerinnen und Schweizer achten allgemein mehr auf ihre Gesundheit, darum hat die Bereitschaft, Lärm zu akzeptieren, nachgelassen», sagt er. Dies zeigt auch der Anklang, den Suters Kampf gegen den Motorenlärm in der Bevölkerung findet: Gestern wurden über 17'400 Unterschriften für eine Petition der Lärmliga eingereicht, welche einen harten Lärmgrenzwert von 81 Dezibel, also etwa der Lautstärke eines Klavierspiels, einführen will. Suter ist sehr erfreut vom Resultat: «Es zeigt die breite Unterstützung von diesem Anliegen.» Von Verkehrslärm seien viele betroffen, gemäss Bafu sind es über 1,1 Millionen Menschen in der Schweiz, die täglich übermässigem Strassenlärm ausgesetzt sind.

Der Verkehr sei beim Lärm das grosse Problemkind, sagt Wunderli. Dazu zählt jedoch nicht nur der Autolärm, sondern auch Bahnverkehr und der Flugverkehr – «Studien zeigen, dass sich die Menschen von Fluglärm besonders belästigt fühlen», sagt Wunderli.

Besonders in den Städten tritt dieses Problem zutage. Von den 1,1 Millionen betroffenen Menschen leben um die 90 Prozent in oder um grössere Zentren.  «Durch die Verdichtung rücken die Menschen immer mehr zusammen, es kommt zu mehr Reklamationen», sagt Wunderli. Die Lärmschutzverordnung, die den Lärm seit 30 Jahren mit Grenzwerten eigentlich eindämmen sollte, hätte gerade im Verkehr nicht die gewünschte Wirkung gebracht. «Das eigentliche Ziel war es, Wohngebiete räumlich zu trennen, also keine Wohnhäuser zu bauen, wo es schon laut ist, und keine emissionsreichen Anlagen hinzustellen, wo Menschen wohnen», sagt er. Dies sei schlussendlich aber mit der Urbanisierung schwer vereinbar.

Bundesgericht fällt wegweisenden Entscheid

In vielen Kantonen hat es sich in den letzten Jahren die Praxis etabliert, Bauprojekte an lauten Strassen per Ausnahmeregelung zu bewilligen, um so die Lärmschutzgrenze auszuhebeln. Das Bundesgericht setzt dieser Praxis nun wohl abrupt ein Ende. Letzte Woche wurde ein Urteil publiziert, mit dem eine Baubewilligung eines Bauprojekts an einer dicht befahrenen Strasse im Kanton Zürich rückgängig gemacht wurde, da Alternativen für einen besseren Lärmschutz zu wenig gründlich abgeklärt seien. Dies habe nicht nur im Kanton Zürich Folgen, ist sich Wunderli sicher: «Nicht nur Zürich hat ein Verdichtungsproblem, darum wird das Urteil schweizweit wegweisend sein, gerade für die grossen Städte».

Gabriela Suter findet, der Fall zeige gut, welche finanziellen Auswirkungen Lärm habe. «Lärm verursacht nicht nur Gesundheitskosten, sondern wertet auch Immobilien ab», stellt Suter fest – gemäss Bafu insgesamt um 2,7 Milliarden pro Jahr.

Den Entscheid selbst sieht Suter differenziert. Es sei richtig, dass man die Menschen vor Lärm schützen wolle, aber solche Neubauprojekte seien auch wichtig für die Verdichtung der Städte gegen innen. «Die Bauherrschaft hat keinen Einfluss auf die Lärmimmissionen einer Strasse. Dafür sind die Strasseneigentümer, meist die öffentliche Hand, verantwortlich.» Die Lärmliga setze sich darum ein, dass Bund, Kantone und Gemeinden zu Lärmsanierungen an der Quelle verpflichtet würden. Dazu gehören Temporeduktion sowie die Nutzung von lärmarmen Belägen.

Auch Wunderli kann den Frust der Bauherren nach dem Bundesgerichtsurteil nachvollziehen, «sie werden vom Gericht in Sippenhaft mit der öffentlichen Hand gesteckt». Aber in den baulichen Massnahmen, welche die Lärmliga fordert, sieht er nur begrenzt Potenzial. Technische Massnahmen könnten zwar helfen, aber das Problem nicht vollständig lösen. Es brauche vielmehr ein radikales Umdenken bei der Mobilität, findet Wunderli: «Wir müssen einen Lebensstil finden, welcher mit weniger Mobilität – vor allem weniger Autofahrten – auskommt», fordert er. Dafür kämpft auch Gabriela Suter: «Es braucht gerade in den Städten eine Verlagerung hin zur sanften Mobilität. Dafür muss der Fuss- und Veloverkehr attraktiver und sicherer gemacht werden.»