«Der Corona-Stress ist vielen im Körper steckengeblieben»

Sulamith Ehrensperger

2.7.2020 - 07:07

Der Corona-Stress hinterlässt Spuren in unseren Körpern: Unter langanhaltender Sorge und Angst entwickelt der Körper unterschiedliche Beschwerdebilder. 
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Corona-Stress bedeutet auch körperlichen Stress. Was sich dagegen tun lässt und wie man ihn wieder loswird, sagt Arzt und Heilpraktiker Kurt Mosetter im Interview.

Herr Mosetter, nach Wochen des Ausnahmezustandes sind wir im Post-Corona-Alltag angekommen. Was hat die Krisenzeit in uns «angerichtet»?

Ich beobachte, dass Menschen stark nach innen gekehrt sind, andere nicht mehr anschauen, einander aus dem Weg gehen. Das hat bei vielen in Angst umgeschlagen. Manchen sitzt die Angst wortwörtlich noch im Nacken – ich behandle viel mehr Nacken-, Rücken- und Kopfschmerzen. Corona ist somit auch eine neuromuskuläre Pandemie.

Warum ist Corona-Stress auch Körper-Stress?

Die Anspannung, die Angst, das Alleinsein, ja die ganze Lebenssituation ist sozusagen in unseren Körpern steckengeblieben. Dies äussert sich in Schmerzen und Spannungsmustern, wie Kopf-, Nacken- und Rückenschmerzen, aber auch Schlafstörungen und Gewichtszunahme. Ich habe viele Leute gesehen, auch Kinder und Jugendliche, die an Gewicht zugenommen haben. Sie haben versucht, sich mit Essen zu beruhigen, aber leider machen kurzkettige Kohlenhydrate nur kurzfristig glücklich.

Kurt Mosetter ist Arzt und Heilpraktiker. Bekannt wurde er mit der von ihm entwickelten Myoreflextherapie, eine alternativmedizinische Behandlung gegen Funktionsstörungen des Bewegungsapparates.
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Ich habe sehr viel mehr Kaffee getrunken ...

Ich auch – und nachts die Zähne zusammengebissen. Ich behandle jetzt auch viel mehr Menschen, die auf die Zähne beissen, knirschen und Ohrgeräusche entwickelt haben. Die Kaumuskeln werden aktiv, wenn man sich bedroht und handlungsunfähig fühlt. Da helfen lockernde Kieferübungen, wie der «Stille Gesang» und Entspannungsübungen.

Ich kenne Menschen, die in den vergangenen Wochen zehn Kilo zugenommen haben. Wie wird man ungesunde Verhaltensmuster wieder los?

Man sollte sich überlegen, was passiert ist, dass man zu viel isst. Manche, die sich hilflos fühlen, fangen an zu essen. Es ist nun wenig hilfreich, zu sagen: Dann iss halt einfach weniger. Wichtiger ist, jetzt den Stoffwechsel zu trainieren. Dabei hilft die Kombi: Die Ernährung ein bisschen umstellen und in Bewegung kommen. Fangen Sie an, ein klein wenig Sport zu machen, selbst wenn es täglich nur zehn Minuten sind. Auch die Ernährungsumstellung sollten Sie langsam angehen: Wieder mehr Grünes, Gemüse und Kräuter essen, mehr Bio und Regionales, mehr Eier, Fisch und Bioweiderind, dafür weniger kurzkettige Kohlenhydrate und Zucker, vor allem abends, sodass Sie aus der Falle rauskommen. Vielleicht gönnen Sie sich statt Essen etwas Schönes – eine Auszeit am See, eine Gondelfahrt, einen Spaziergang, um sich mit etwas Gesundem zu belohnen.


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Hat der Corona-Stress
Spuren bei Ihnen hinterlassen?

Ältere Menschen und Kinder haben unter der sozialen Isolation speziell gelitten. Wie hat sie die Krise geprägt?

Ich habe Kinder erlebt, die beim Abendessen am Familientisch eine Maske tragen wollen, weil sie Angst haben, dass Mami oder Papi sterben könnten. Ich behandle viel mehr Kinder mit Tics, etwa zuckenden Augenlidern, Mundwinkeln oder Schultern. Das sind verselbstständigte Bewegungsmuster und erste Formen von einem Ungleichgewicht in der Bewegungsmelodie. Wenn die Tics sich verstärken, zuckt möglicherweise irgendwann die ganze Körperhälfte. Die Betroffenen versuchen damit, eine Spannung loszuwerden. Behandeln lässt sich dies über die Muskeln, indem man den Körper entspannt und entstresst.

Welche Spuren hat die Krise bei älteren Menschen hinterlassen?

Ich habe ältere Menschen gesehen, die vor dem Lockdown ganz gut beieinander waren, innert kürzester Zeit aber körperlich und geistig dramatisch abgebaut haben. Die Isolation, das Alleinsein, die Angst, die macht Schmerzen. Sie kann zu Muskelzittern, zu kognitiven Störungen oder verfrühten Parkinson-Symptomen führen und das Immunsystem schwächen. Deshalb müssen wir den Menschen jetzt Mut machen.

Was kann ich selbst tun, um Corona-Postsymptomen zu entfliehen?

Wenn man Stress erlebt, nimmt man eine Schutzhaltung ein, friert ein, das ist ein Grundprinzip aus der Evolution. Wer sich bewegt, die Muskeln trainiert, stärkt auch das Immunsystem und ist besser «zwäg». Gerade in der Schweiz gibt es eine hohe Qualität von Fitnessstudios und Trainer für Senioren. Aber es muss nicht zwingend Fitnesstraining sein. Ich habe auch während der Krise viele Senioren betreut und sie motiviert, leichte, dem Körper angepasste Übungen zu machen – beispielsweise leichte Kniebeugen mit dem Rücken zur Wand, wenn das körperlich möglich ist. Auch Übungen gegen den Türrahmen sind eine leichte Version, aber nicht minder effektiv: den Körper strecken, aufdehnen und atmen – und das morgens und abends. Die höchste Effizienz liegt in der intelligenten Kombination von Kräftigungen aus Dehnungspositionen heraus – gegen Widerstand. Mit Bewegung wird der Stress abgebaut, man kommt wieder zu sich, spürt sich besser und wird wieder aktiv.

Raus aus der Corona-Stressfalle: Sich strecken, in Bewegung kommen und Musik hören kann dabei helfen.
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Ich kenne Menschen, die sich ganz zurückgezogen haben. Was tun, damit man die Kurve zurück ins Sozialleben leichter schafft?

Das Wichtigste ist, dass wir uns wieder beruhigen, die Angst loswerden. Da helfen die Interventionsprinzipen: Förderung von Sicherheit, Beruhigung, Selbstwirksamkeit, Kontakt und Hoffnung. Genau dies erwarte ich jetzt auch von der Regierung und den Medien. Diese Prinzipien stehen ähnlich in Nato-Konzepten zum Bewältigen von chemischen, biologischen, radiologischen und nuklearen Schadenslagen, diese wurden für Ärzte, Sanität, Feuerwehr und Polizei entwickelt. Ich glaube, wir müssen jetzt aufklären, über die Hintergründe, andererseits die Menschen beruhigen. Diejenigen, die richtig Angst haben, die nicht mehr aus dem Haus möchten, die keinen Schlaf mehr finden, die brauchen psychosomatische Hilfe.

Was hilft sonst noch aus der Corona-Stressfalle?

Dass man sich überlegt: Was hätte ich schon immer gerne tun wollen. Jetzt ist die Gelegenheit dazu. Es muss nicht unbedingt ein neues Hobby sein. Ich persönlich habe wieder angefangen, Bilder zu malen. Auch mehr Achtsamkeit im Alltag, ein Meditationskurs, Yoga, Tai-Chi oder Qigong können aktive Entscheidungen sein, Körper und Geist wieder zu zentrieren. Auch Musik hören, etwa ein langsam gespielter Mozart, und Singen entstresst – und bringt uns in eine positivere Grundstimmung.

22 Autorinnen und Autoren, darunter auch Kurt Mosetter, haben ihr Wissen zusammengetragen, um Möglichkeiten aufzuzeigen, wie mit pandemischen Stressreaktionen umgegangen werden kann. 
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Bibliografie: «Die Psyche in Zeiten der Corona-Krise», Robert Bering und Christiane Eichenberg (Hrsg.), erschienen im Klett-Cotta-Verlag, zirka 20.95 Franken.

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