Ich bin dann mal ohne Handy unterwegs

Von Marianne Siegenthaler

6.12.2021

A young woman walking her dogs in an autumn woodland.
Ist digitales Fasten ein sinnloser Trend oder ein heilbringendes Erlebnis? Die blue News-Kolumnistin hat gezwungenermassen einen Selbstversuch unternommen. (Symbolbild)
Bild: Getty Images

Wie wichtig das Smartphone heutzutage ist, merkt die blue News-Kolumnistin erst, als sie es eine Woche lang nicht zur Verfügung hat.

Von Marianne Siegenthaler

6.12.2021

Fasten ist nicht mein Ding. Ich finde, der Mensch muss essen. Doch vor kurzem musste ich trotzdem fasten. Allerdings nur digital. Und nicht ganz freiwillig.

Mein Smartphone – nicht gerade das allerneuste Modell – ist ausgestiegen. Keine Internetverbindung. Display reagiert nicht mehr. Ein neues muss her. Aber mein Wunschmodell ist erst in einer Woche lieferbar. Also heisst es: digitales Fasten.

Eigentlich kein Problem. Ich benutze mein Smartphone zum Telefonieren, als Navi, für SMS und WhatsApp. Und ja, zum Fotografieren. Zum Surfen eher nicht, das mach ich am Computer, vor dem ich ohnehin viel Zeit verbringe.

Das Handy ist auch meine Uhr

Und dass bei mir über die diversen Apps ständig irgendwas aufpoppt, anklopft, vibriert oder läutet, kann ich auch nicht behaupten, denn meist ist die Benachrichtigung ausgeschaltet.

Kurz: Das Handy dürfte mir nicht gross fehlen. Dachte ich mir.

Zur Autorin: Marianne Siegenthaler
Bild: zVg

Marianne Siegenthaler ist freie Journalistin, Texterin und Buchautorin. In ihrer Kolumne nimmt sie die grossen und kleinen, die schrägen und schönen, die wichtigen und witzigen Themen des Alltags unter die Lupe – mal kritisch, mal ironisch, mal mit einem Augenzwinkern. Sie ist verheiratet, hat eine erwachsene Tochter und lebt am Zürichsee. www.texterei.ch

Doch ich ertappe mich immer mal wieder, wie ich in der Jackentasche nach dem Smartphone taste. Mein Handy ist nämlich auch meine Uhr. Aber ich bin im Zeitschätzen ganz gut. Allerdings nicht gut genug.

Den Zug hab ich jedenfalls verpasst. Egal. Schnell ein SMS an den Freund, mit dem ich verabredet bin. Fehlanzeige. Also ist er schon weg, als ich eine Stunde zu spät eintreffe.

Kein Wunder, wer mag schon so lange Zeit in eisiger Bise draussen rumstehen? Und ich kann mich nicht mal sofort entschuldigen.

Das nächste Problem

Aber wo ich doch grad mal unterwegs bin, geh ich rasch einkaufen. Der Einkaufszettel – der ist digital auf dem Handy. Und ich kann auch nicht kurz per WhatsApp nachfragen, ob das Kind am Sonntagabend zum Essen kommt. Egal, ich kauf einfach sicher genug für alle. Aber schon kommt das nächste Problem. Nix mit bezahlen mit der Karte, das funktioniert gerade nicht. Dann halt Twint. Ähm, nein. Also eile ich zur nächsten Bank, um Bares zu beziehen.

Auf dem Heimweg geht gerade die Sonne hinter dem Albis unter und zaubert eine ganz spezielle Stimmung auf den Zürichsee. Hätte ich gern im Familienchat geteilt. Wenn ich es denn hätte fotografieren können.



Tags darauf bin ich unterwegs für ein Interview. Irgendwo im Bernbiet. Natürlich habe ich vorher auf Google Maps geschaut, wo ich hinmuss. Trotzdem: Im dichten Schneegestöber – nix mit Wetter App – habe ich mich verfahren und kann mich jetzt nicht per Smartphone ans Ziel navigieren lassen. Also dann halt wie früher: Ausschau halten nach einem potenziellen Einheimischen und nachfragen. Das klappt bestens, wir haben sogar noch ein nettes Gespräch, und ich bin pünktlich vor Ort.

Bald für jede Situation einen Plan B

Nach zwei, drei Tagen habe ich mich recht gut arrangiert. Ich habe für möglichst jede Situation einen Plan B parat:

Ich gehe nur noch mit Bargeld aus dem Haus, frage freundliche Passanten nach der Zeit und tausche mich mit Freunden und Familie am Computer per E-Mail oder Festnetztelefonie aus. Ja, genau: Das Telefon, das wir eigentlich längst hätten entsorgen wollen – inklusive Abo – weil es kaum je gebraucht wird.

Trotzdem bin ich froh, dass mein neues Smartphone endlich eintrifft. Eine Woche digitales Fasten – das ist definitiv genug.

Ich weiss es wieder richtig zu schätzen, dass ich dank Digitalisierung auch unterwegs ganz unkompliziert kommunizieren, mich informieren oder bezahlen kann.

Immerhin: Es geht auch analog ganz gut und es ist wirklich nicht nötig, dass ich ständig aufs Handy starre. Schliesslich bin ich weder Notärztin im Bereitschaftsdienst noch Politikerin im Dauertwitter-Modus.


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