«Ich weinte, als ich erfuhr, bald geimpft zu sein»

Von Sara Matasci

26.3.2021

Das kantonale Impfzentrum in Giubiasco: Hier wartet man, bis man für den Piks aufgerufen wird.
Ti-Press

«blue News»-Redaktorin Sara Matasci leidet an einer Autoimmun-Erkrankung. Darum konnte sie sich – noch keine 40 – impfen lassen. Die Geschichte einer unvergesslichen Erfahrung.

Von Sara Matasci

26.3.2021

Ich gebe es zu: Als der Tessiner Kantonsapotheker Giovan Maria Zanini am vergangenen Donnerstag auf einer Pressekonferenz verkündete, dass sich im Tessin «ab sofort» Menschen mit risikoreichen chronischen Krankheiten für die Corona-Impfung anmelden können, sind mir die Tränen gekommen.

Mit leuchtenden Augen und immer noch ungläubig unterbrach ich den Livestream und spulte zurück, um mich zu vergewissern, dass ich alles richtig verstanden hatte. Ich hatte es sehr gut verstanden.

Ich weiss, das mag dumm klingen – aber es war eine Nachricht, auf die ich seit einem Jahr gewartet hatte, wie viele andere in meiner Lage. Und diese Mitteilung kam, während ich die Nachrichten aus Bellinzona für die Arbeit verfolgte.

Ich bin Redaktorin von «blue News» und habe eine Autoimmunkrankheit, rheumatoide Arthritis. Diese zwingt mich seit über 20 Jahren – ich bin jetzt fast 40 – wöchentlich Injektionen zu nehmen, die mein Immunsystem unterdrücken, um die Folgen meiner Krankheit unter Kontrolle halten zu können: Schmerzen in verschiedenen Gelenken, die mich in den akutesten Momenten daran gehindert haben, die einfachsten Dinge zu tun, wie zum Beispiel zu gehen, mein Haar zu kämmen oder am Computer zu schreiben.

Aus Angst mehrere Monate allein im Haus eingesperrt

Sara Matasci
sam

Sara Matasci arbeitete sechs Jahre lang bei RSI zwischen Web, TV und Radio, bevor sie in die Online-Redaktion der Tageszeitung «Giornale del Popolo» wechselte. Wenige Monate nach der Schliessung der historischen Tessiner Zeitung im Mai 2018 begann sie, die Tessiner Redaktion von «blue News» zu unterstützen.

Ich falle daher in die Kategorie der Hochrisikopersonen, also derjenigen, die – sollten sie an Covid-19 erkranken – neben älteren Menschen am meisten gefährdet sind, schwere oder sogar tödliche Folgen zu erleiden.

So kann man sich bestimmt gut vorstellen, wie ich dieses Jahr der Pandemie verbracht habe. Die ersten Monate schloss ich mich allein in meinem Haus ein und verjagte praktisch meinen Freund. Als der Sommer kam, fing ich wieder an hinauszugehen, aber ich achtete fast manisch auf die kleinste mögliche Gefahr.

Ich trage immer eine Maske, auch wenn ich meine Eltern besuche, ich halte immer Abstand und desinfiziere meine Einkäufe und regelmässig auch mein Handy. Und bis Anfang dieses Jahres hat niemand einen Fuss in meine Wohnung gesetzt.

Also zögerte ich nicht. Als ich die Nachricht hörte, dass die Impfungen verfügbar sind, ging ich auf die Website des Kantons und meldete mich an. Wobei, nicht sofort – zuerst musste ich natürlich die ganze Pressekonferenz der Tessiner Behörden verfolgen und den Artikel schreiben.

Doch um 16:25 Uhr am 18. März war meine Anmeldung vollständig, und keine 30 Minuten später, um 16:54 Uhr, hatte ich bereits meine beiden Impftermine per SMS im kantonalen Impfzentrum in Giubiasco erhalten. Den ersten nicht einmal eine Woche später, am Mittwoch, 24. März, um 15 Uhr, und den nächsten am 21. April, um 15:50 Uhr.

Gute Organisation, schnelle und schmerzlose Impfung

So ging ich am Mittwoch mit etwa einer Viertelstunde Vorlaufzeit zu der von mir ausgesuchten Einrichtung. Nach einem rituellen Selfie draussen wurde ich am Eingang von einem jungen Mann vom Zivilschutz begrüsst, der mich freundlich bat, die verschiedenen notwendigen Dokumente vorzubereiten: Identitätskarte, Krankenkassenkarte und ärztliches Attest.

Ein Selfie vor der Impfung.
sam

Also beginnt die durchorganisierte Prozedur: Ich gehe hinein, werde von einem anderen Mann begrüsst, der meine Dokumente prüft und mich auffordert, zum Stand Nummer sieben zu gehen. Einer seiner Kollegen begleitet mich. Ich setze mich und warte darauf, aufgerufen zu werden. Ich habe nicht einmal Zeit, einen Blick auf die Uhr zu werfen, als ich zum Stand Nummer acht gerufen werde, der als Erster geräumt wurde.

Dort werde ich von einer lächelnden Dame begrüsst, die schnell meine Papiere überprüft, während eine Ärztin Mitte 40 mir einige Fragen stellt: «Wie lange sind Sie schon immunsupprimiert? Geht es Ihnen gut? Nehmen Sie andere Medikamente? Haben Sie irgendwelche Allergien? Hatten Sie dieses Jahr schon Covid?» Übliche Fragen, während wir, wie sie erklärt, darauf warten, dass meine Impfstoff-Dosis zu ihr gebracht wird, die in einem eigens dafür vorgesehenen Raum vorbereitet wird.

Dann kommt die Spritze mit dem Präparat, es ist eines von Pfizer Biontech. Ich bin bereit! Ich ziehe meine hoffnungsgrüne Strickjacke aus – nicht zufällig gewählt – und zeige freudig meinen linken Arm, während die Ärztin in aller Ruhe die Verabreichung vorbereitet. Sie desinfiziert die Stelle und injiziert mir gleich den Impfstoff. «Alles in Ordnung?», fragt sie mich. «Alles gut!», antworte ich. Und tatsächlich habe ich überhaupt nichts gespürt.

Unter den Jüngsten

Der Grossteil der Arbeit ist erledigt. Es ist 14:57 Uhr, und ich erinnere mich, dass mein Termin um 15 Uhr war! Um zu überprüfen, ob ich nicht eine unmittelbare Nebenwirkung habe, werde ich aufgefordert, mich ausserhalb der Kabine zu setzen und 15 Minuten zu warten. «Um 15:12 Uhr können Sie nach Hause gehen. Sie finden mehrere Uhren an der Wand!», erklärt mir die Dame, die mit mir in der Kabine ist.

Hier wartet man nach der Impfung für 15 Minuten, ob man unmittelbare Nebenwirkungen hat.
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Ich gehe hinaus und finde zahlreiche gerade geimpfte Menschen, die diese schicksalhafte Viertelstunde warten. Natürlich sitzen sie alle in einem sicheren Abstand. Ich merke, dass ich die Jüngste bin, und ich fühle auch ein bisschen die Augen auf mir. Das verstehe ich: Sie fragen sich sicher, was ich dort mache, nicht einmal vierzig Jahre alt und offenbar ohne gesundheitliche Probleme.

Doch ich habe gesundheitliche Probleme und mein Immunsystem ist schlechter als das einer gesunden 80-Jährigen. Nicht umsonst muss ich mich jedes Jahr gegen Grippe impfen lassen, denn für mich kann selbst eine einfache Grippe wirklich gefährlich sein. Bei der kleinsten Halsentzündung muss ich zum Arzt, weil eine Infektion sofort bekämpft werden muss. Aber das können sie sich nicht vorstellen.

Ein fantastisches und unvergessliches Erlebnis

Es ist 15:12 Uhr. Ich warte noch ein paar Sekunden, dann stehe ich auf. Ich sehe mich um und schenke den Anwesenden unter der Maske ein Lächeln. Einige von ihnen lächeln zurück, ich sehe es an der Wölbung ihrer Augen, andere bleiben in ihre Gedanken vertieft.

Ich gehe in Richtung Ausgang. Auf dem Weg treffe ich einige junge Männer vom Zivilschutz, die hinter einem Tisch stehen. «Möchtest du einen Kaffee, eine Flasche Wasser, eine Schokolade?», fragen sie mich. Ich nehme eine Flasche Wasser. «Möchtest du es lieber aus dem Kühlschrank?» Sie alle sind von unendlicher Freundlichkeit und lassen mich mit einer schönen Erinnerung an diese fantastische und unvergessliche Erfahrung zurück.

Im kantonalen Impfzentrum in Giubiasco.
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Ich desinfiziere mir die Hände und verlasse den Raum durch den Seitenausgang. Draussen kommen weitere Autos an, und ich sehe, dass am Haupteingang des Zentrums ein junger Mann im Rollstuhl sitzt. Ich lächle: Ich bin froh, dass auch für ihn endlich der lang ersehnte Moment gekommen ist und er die erste Impfdosis bekommt.

So wie er und ich können sich in diesen Wochen die mehr als 25'000 Menschen im Tessin impfen lassen, die chronische Krankheiten mit hohem Risiko haben. Viele von ihnen konnten in den vergangenen Wochen bereits geimpft werden, zum Beispiel Menschen, die sich einer Transplantation unterzogen haben oder darauf warten, Menschen, die sich einer Krebstherapie unterziehen oder auch Menschen, die ein erhebliches Defizit des Immunsystems haben.

Das Licht am Ende des Tunnels

Ich bin glücklich. Es ist ein schöner sonniger Tag und ich habe endlich das Gefühl, dass ich das Licht am Ende des Tunnels sehen kann. Und ich bin überzeugt, dass wir früher, als wir denken, alle die Chance haben werden, gegen dieses schreckliche Virus geimpft zu werden, das unser Leben seit über einem Jahr in Schach hält.

«Vereint werden wir es schaffen!», pflegte der damalige Tessiner Regierungspräsident Christian Vitta am Ende jeder Pressekonferenz zu betonen, besonders während der ersten Welle. Ja, ich glaube auch fest daran, dass wir nur gemeinsam, nur wenn jeder von uns weiterhin seinen Teil dazu beiträgt, das alles hinter uns lassen können.

Und ich glaube, dass selbst der einfache Akt, sich impfen zu lassen, wichtig ist. Nicht nur, um uns selbst zu schützen, sondern auch um die Gesundheit all derer um uns herum zu sichern, unserer Eltern, unserer Grosseltern, unserer Kinder. Bei diesem Gedanken schiessen mir wieder Tränen in die Augen. Tränen der Freude.