«Man darf auch mies drauf sein»

Bruno Bötschi

26.1.2021

Photo taken in München, Germany
«Und dann stellt sich natürlich auch die Frage, wenn vieles wegfällt: Was fang ich nur mit mir an?»: Ingrid Feigel. (Symbolbild)
Bild: Getty Images/EyeEm

Social Distancing, Abstand halten, zu Hause bleiben – vielen Menschen drücken die Corona-Massnahmen auf die Stimmung. Psychoanalytikerin Ingrid Feigl macht sich Gedanken über das zunehmende Unwohlsein.

Frau Feigl, die Massnahmen gegen das Coronavirus wurden letzte Woche auch in der Schweiz wieder mal verschärft. Der zweite Lockdown innerhalb eines Jahres sorgt bei vielen Menschen für Frust, aber auch für Unverständnis. Wieso?

Wir empfinden all diese Massnahmen offenbar als Angriff auf unsere Freiheit und Autonomie. Selber bestimmen und entscheiden, was ich wann und wie und mit wem unternehmen möchte, ist für uns bisher weitgehend selbstverständlich gewesen. Rückzug und Verzicht waren früher Praktiken der Kirche, heute praktizieren wir so was lieber freiwillig in allerlei Retreats oder im häuslichen Cocooning, aber nicht als verordnete Massnahme der Regierung. Und dann stellt sich natürlich auch die Frage, wenn vieles wegfällt: Was fang ich nur mit mir an?

Was haben Sie Neues angefangen im Lockdown – oder haben Sie alte Leidenschaften aufgefrischt?

Tatsächlich habe ich mir – was ich vorher nie auf dem Radar hatte – eine Fitnessmatte gekauft, hab diverse Ottolenghi-Süssigkeiten gebacken und Familie und Freund*innen regelmässig davon Milchkasten-Lieferungen verpasst. Und ich war zudem hin und wieder mit einer Freundin am Zürichsee spazieren. Das mache ich sonst nie, Spazieren macht mich nervös.

Der Lockdown hat das öffentliche Leben in der Schweiz scheinbar lahmgelegt; in den eigenen vier Wänden treiben sich jedoch viele Menschen weiterhin zu Höchstleistungen an. Manche reden bereits vom Selbstoptimierungs-Wahn in der Corona-Pandemie.

Zur Person: Ingrid Feigl
Bild: zVg

Ingrid Feigl studierte Psychologie in Zürich, liess sich am Psychoanalytischen Seminar Zürich (PSZ) zur Psychoanalytikerin ausbilden und ist bis heute dort engagiert. Seit 1985 arbeitet sie als Psychoanalytikerin in eigener Praxis in Zürich. Seit 2007 schreibt sie für die Kolumne «Wer wohnt da?» im «NZZ-Folio». Anhand von drei Fotografien stellt sie Vermutungen darüber an, wer in einer dieser Wohnungen leben könnte.

Wir leben in einer Leistungsgesellschaft, wo Fortschritt und Optimierung hohe Werte sind – mehr, besser, höher. Warum sollte das im Lockdown plötzlich nicht mehr gelten? Untätig sein, Zeit verplempern, lustlos dahindümpeln, all das gehört sich nicht. Wenn schon wird Musse und Erholung verordnet als Imperativ: Geniess es!

Dann stimmt es also doch: Unsere Leistungsgesellschaft belohnt Workaholics und schliesst diejenigen aus, die sich dem Druck nicht beugen wollen oder können.

Ja. Performance und Shareholder Value gilt nicht nur an der Börse.

Die Angst vor der Leere und der permanente Vergleich mit anderen bilden demnach einen Antriebsmotor, der uns auch während einer Pandemie keine Ruhe gönnen will.

Leere scheint den meisten Menschen nicht zu behagen, es sei denn, sie führen eh ein klösterliches Leben. Und den Vergleich mit anderen braucht es gar nicht, da genügt das eigene strenge Über-Ich als mahnender Zeigefinger.

Eine derartige Krise, dachte ich zuerst, würde auf unser Hamsterrad entschleunigend wirken, stattdessen dreht es sich jetzt in kleineren Räumen. Warum fällt es vielen Menschen so schwer, einfach mal Pause zu machen?

Pause machen hiesse: Es geht gleich weiter. Lockdown ist per se keine Erholungspause, sondern eine sehr einschränkende Massnahme, die mit Einengung und Verzicht verbunden wird. Im ersten Lockdown im Frühling 2020 haben manche Menschen das durchaus als entlastendes Timeout erlebt: Jetzt muss ich erst mal nicht mehr ... Die Situation war neu, man war bestrebt, das Beste draus zu machen.

Und heute?

Inzwischen ist der Kick, Neues auszuprobieren wie Brot backen, Yoga online und dergleichen mehr wohl bei vielen verflogen. Jetzt muss jeder einfach schauen, wie er am besten durch die Zeit kommt.

Was heisst das konkret?

Man möchte sein gewohntes Leben zurück und weiss zugleich, dass noch kein Ende dieser Pause geschweige denn eine Rückkehr ins alte Leben in Sicht ist. Das ist schwer zu ertragen und macht viele hässig und unruhig. Es vorwiegend mit sich selber aushalten kann ganz schön anstrengend und auch belastend sein, diese Art von Entzug ertragen viele auf die Dauer nicht so gut.

«Lockdown ist per se keine Erholungspause, sondern eine sehr einschränkende Massnahme, die mit Einengung und Verzicht verbunden wird»: Ingrid Feigel. (Symbolbild)
Bild: Getty Images

Wie hässig sind Sie gerade?

Hässig bin ich nicht, aber manchmal nachdenklich, auch besorgt, und ich verfolge mit Interesse, was da so passiert mit den Menschen. Ich selber habe das Glück, einen Beruf zu haben, bei dem ich weiterhin wie gewohnt arbeiten kann. Mein Alltag hat sich nicht so einschneidend verändert und ich bin nicht existenziell bedroht. Und ich kann gut allein sein, vielleicht weil ich ein Einzelkind bin.

Sie mussten sich demnach schon von klein auf mit Einsamkeit auseinandersetzen.

So ist es. Ich lernte früh mit mir selber was anzufangen, nicht selbstverständlich immer jemanden zum Spielen oder Streiten verfügbar zu haben und Langeweile auszuhalten.

So grundsätzlich: Was kann ich tun, damit die aktuelle Situation erträglicher wird?

Sich nicht noch zusätzlichen Stress und Druck machen und meinen, man müsse jetzt so wahnsinnig kreativ und innovativ sein. ‹Neues ausprobieren› klingt zwar gut und wenn man dazu Lust hat, nur zu. Aber sich in Vorhaben stürzen, die einem überhaupt nicht entsprechen – ein Einzelgänger mag sich vermutlich nicht plötzlich in Zoom-Apéros tummeln –, machen den Frust nur noch grösser. Hinterher fühlt man sich als Versager, wenn man dann doch nichts gemacht hat.

Haben Sie konkrete Tipps?

Ganz bescheidene Selbstpflege ist angesagt, probieren sich den Tag einzuteilen, das machen, was zu einem passt und vielleicht kommt so die Lust auf Neues? Die Corona-Krise, und eine Pandemie ist eine Krise, muss man nicht dauernd schönreden und positiv umdeuten wollen.

Woher kommt es, dass wir lieber Stress und Schmerzen auf uns nehmen, als nichts zu tun?

Stress und Schmerzen vermeiden wir lieber, es sei denn, man ist masochistisch veranlagt. Aber wir möchten nicht passiv alles hinnehmen, möchten Einfluss haben auf unser Leben, es so gestalten, wie es zu uns passt. Unangenehmes akzeptieren, sich in Unvermeidliches schicken fällt uns oft schwer. Manche scheinen sich geradezu wie blinde Schafe zu fühlen, die da willig den Massnahmen gehorchend zur Schlachtbank trotten sollen.

Und was sollten wir von der Politik fordern?

Das dürfen Sie nicht mich fragen, was die machen sollen.

Warum nicht?

Ich versteh was von der menschlichen Psyche, aber nicht vom Regieren eines Landes. Ein ‹Wir› gibt es auch gar nicht, zu divergent sind da die Bedürfnisse und Interessen einzelner Menschen und Gruppen. Aber die Politiker*innen sollen das, was sie machen gut und klar kommunizieren, damit es bei den Leuten auch ankommt. Und sie dürfen, nein, sie müssen auch Fehler in Kauf nehmen und zugeben, gerade in einer Situation, die ja für alle neu ist. Keiner unserer Politiker*innen ist Pandemie-erprobt.

Als Psychoanalytikerin sind Sie erprobt in der Krisenbewältigung. Wie lauten Ihre konkreten Tipps für Menschen, die nach fast einem Jahr Corona-Pandemie die Schnauze voll haben? Wie kann hier eine psychologisch effektive Haltung aussehen?

Da werde ich Sie mit meiner Antwort wohl frustrieren müssen. Das Wort ‹effektiv› will so gar nicht ins psychoanalytische Vokabular passen, da lässt sich nix aus dem Ärmel zaubern. Wenn man die Schnauze voll hat, berechtigterweise, und trotzdem keine schnelle Lösung in Sicht ist, muss man halt weiter durchhalten und Geduld haben.

Das tönt nicht besonders erquickend.

Unsicherheit und Ungewissheit aushalten ist echt schwierig und wir sind uns das nicht gewohnt in einer Welt, wo fast immer alles sofort verfügbar ist. Da kann ich Menschen nur darin unterstützen, dass es irgendwann doch wieder besser werden könnte, dass diese Hoffnungs- und Mutlosigkeit ganz normal sind in so einer Situation und nicht ein persönlicher Fehler, weil man was falsch oder nicht das angeblich Richtige macht. Man darf auch mies drauf sein.

Hin und wieder mal mies drauf sein ist also okay. Diese Krise zieht sich allerdings ein Jahr hin und ein Licht am Ende des Tunnels ist nicht wirklich sichtbar.

Nein, der Tunnel ist noch lang und die bevorstehende Impfung bringt keine Sofortlösung.



Dass das Ende der Krise nach wie vor nicht absehbar ist, ist für viele Menschen eine zusätzliche Belastung. Spüren Sie das auch in Ihrer Praxis, sprich: in Ihrer täglichen Arbeit?

Ja, aber die Corona-Krise ist nicht ursächlich für die Probleme, sondern das bestehende Leiden und die Art und Weise, wie der Einzelne damit umgeht, wird wie durch ein Brennglas noch verschärft.

Besonders hart trifft die Corona-Krise Menschen, die wegen der Pandemie um ihre Existenz fürchten müssen, Alleinstehende, die nun noch einsamer sind, und Familien, die Homeschooling und Homeoffice unter einen Hut bringen müssen und solche, die bereits psychische Probleme haben.

Wie gesagt, die Krise wirkt als eine Art Brandbeschleuniger: Ängste, Depressionen, Isolation, Beziehungskonflikte, familiäre Belastungen – all das spitzt sich noch zu und jeder probiert mit seinen mehr oder weniger guten Ressourcen die Probleme zu bewältigen.

Blöd nur, dass uns schon im Kindesalter eingeredet wurde, dass Nichtstun etwas Schlechtes ist. Deshalb nochmals die Frage: Haben Sie mir konkrete Tipps, wie ich in den nächsten Wochen nicht in einen Selbstoptimierungs-Wahn verfallen oder ohne schlechtes Gewissen das Lebenstempo drosseln kann?

Von gut gemeinten Tipps halte ich nicht so viel, weil meine Tipps für mich passen, aber für jemand anderen vielleicht unbrauchbar sind. Die Ratgeber-Literatur boomt, da finden sich Tipps ohne Ende, von ‹achtsames Atmen› bis ‹Zoomen kinderleicht›. Mit Nichtstun meine ich nicht depressiv durchhängen oder eine Mir-ist-alles-egal-Haltung.

Sondern?

Wichtig dünkt mich bei den Basics, beim Alltäglichen anzufangen, das, was einem unmittelbar und kurzfristig in kleinen Schritten guttut. Man weiss ja, wohin all die grossartigen Neujahrsvorsätze führen, das muss man im Lockdown nicht nochmals durchspielen.

Ich denke, die nächsten Wochen und Monate könnten auch eine Chance sein: Regelmässiges Nichtstun ist wichtig für unsere psychische Gesundheit und schafft Raum für Inspiration.

Da bin ich ganz bei Ihnen. Ich plädiere für mehr Langeweile. Warum darf es einem nicht einmal langweilig sein? Ich weiss, das klingt wenig verlockend und total unmodern, und die lange Weile als Chance zu sehen, leuchtet vermutlich nicht so unmittelbar ein. Aber Langeweile ist oft die Voraussetzung für Inspiration, es braucht ein Stück Leer-Raum um Platz für Neues zu haben. Und Zerstreuung, Ablenkung ist auch voll okay. Ich schaue hin und wieder diese 08/15-Krimiserien im TV, die sind so tröstlich, da gibt es am Ende immer eine Lösung und ein Happyend.


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