Klaus Heer: «Zu viel Nähe bekommt keinem Paar»

Bruno Bötschi

27.3.2020 - 06:56

Klaus Heer: «Corona und häusliche Gewalt sind im Moment ein journalistisches Lieblingsthema. Vorher hat man es eher vernachlässigt. Vor allem das Nachdenken darüber, wie es überhaupt dazu kommen kann, dass nahestehende Menschen aufeinander losgehen.»
Bild: Getty Images

Paartherapeut Klaus Heer erklärt, was die Corona-Krise für Paare und Familien bedeutet. Er sagt, was in der aktuellen Situation helfen kann – und gibt Tipps für eine friedliche Quarantäne.

Herr Heer, wie geht's Ihnen?

Was mir deutlich auffällt: ständig dieses leise Herzklopfen. Ich glaube, es ist Angst. Ganz innen.

Und aussen?

Ich bin den ganzen Tag beschäftigt. Mehr als sonst. Beinahe hyperaktiv. Ich schreibe Pressetexte und lese viel über Liebesressourcen und Beziehungsstress. Ich hänge exzessiv am Telefon, vor allem mit meinen Grosskindern und engen Freunden. Jeden Tag mache ich Ausdauertraining und ausgiebiges Waldbaden mit meiner Frau.

Mit 76 gehören Sie in der aktuellen Corona-Krise zur Risikogruppe: Betreuen Sie trotzdem weiterhin Paare?

Ja, meine kleine Ängstlichkeit macht mich sensibler, scheint mir. Je nach Wunsch der Paare lade ich sie hierher in meine Praxis ein, immer strikt mit gut zwei Meter Abstand natürlich. Oder wir machen’s digital über WhatsApp, Skype oder Facetime. Beides geht gut. Zum Glück gibt’s diese digitalen Medien. Sie machen die Fahndung nach findigen Lösungen praktisch genauso aussichtsreich wie hier leibhaftig in den Praxis-Sesseln.

Das Coronavirus zwingt uns in den nächsten Wochen, vielleicht sogar Monaten, viel zu Hause zu bleiben. Für Paare, denen Nähe nicht guttut, könnte das eine brutal harte Zeit werden, oder?

Zu viel Nähe bekommt keinem Paar. Das weiss man. Aber kollektiver Hausarrest über unbestimmte längere Dauer, wochen- und monatelang, das ist neues Terrain. Niemand kennt sich dort aus.

Wirklich wahr, dass niemand Nähe über längere Zeit gut aushalten kann?

Ich kenne keinen Menschen, der so etwas freiwillig und genüsslich machen würde. Abgesehen von zwei frisch Verknallten – für ein paar wenige Tage oder Wochen vielleicht.

Klaus Heer: «Zu viel Nähe bekommt keinem Paar. Das weiss man. Aber kollektiver Hausarrest über unbestimmte längere Dauer, wochen- und monatelang, das ist neues Terrain. Niemand kennt sich dort aus.»
Bild: Rahel Krabichler/krabichler.ch

Viele Menschen werden aktuell noch dringender als sonst gebraucht – sprich Ärzte, Pflegemitarbeitende und Supermarktkassiererinnen. Überlastung ist also auch am Arbeitsplatz absehbar.

Diese Doppellast stelle ich mir auch steinig vor. Die Arbeit extrem fordernd und zu Hause diese Enge zu zweit: schlimm! Obwohl – diese Menschen sind oft jahrelang so oder ähnlich eingeklemmt. Nicht erst seit Covid-19.

Sie sind kein Hellseher, aber ein Paartherapeut mit jahrzehntelanger Erfahrung. Was wird in einigen Monaten stärker ansteigen: die Zahl der Geburten oder die Zahl der Scheidungen?

Im Gegensatz zu mir weiss das Mike Shiva vermutlich. Erste vereinzelte Berichte aus der abgeriegelten chinesischen Millionenstadt Wuhan lassen immerhin erwarten, dass eher die Scheidungsgerichte überrannt werden als die Kreisssäle.

Was man in China und anderen Ländern ebenfalls gesehen hat: Es wurde mehr Sexspielzeug verkauft.

Wissen Sie, die Leute kaufen auch gern Hometrainer, die nach ein paar Wochen im Keller landen und verrotten. Die Sexualität braucht ein Minimum an Stress- und Angstfreiheit. In vielen festen Beziehungen sind diese Voraussetzungen nicht einmal zu normalen Zeiten erfüllt. Sextoys sind selten nachhaltige Brandbeschleuniger im Bett.



Auch Datingapps wie Tinder warnen schon, dass die Leute sich in nächster Zeit nicht mehr so viel treffen sollen.

Huch, das verstiesse sträflich gegen die geltende bundesrätliche Distanzregelung!

Hergen von Huchting, Beziehungscoach und Paartherapeut in Berlin, sagte im ‹Tagesspiegel›: ‹Die häusliche Gewalt wird steigen, das ist jetzt schon klar.›

Corona und häusliche Gewalt sind im Moment ein journalistisches Lieblingsthema. Vorher hat man es eher vernachlässigt. Vor allem das Nachdenken darüber, wie es überhaupt dazu kommen kann, dass nahestehende Menschen aufeinander losgehen. Darum haben viele Paare von den Hintergründen von physischer Gewalt keine Ahnung.

Dann frage ich Sie: Warum gehen die Menschen aufeinander los?

Physischer Gewalt gehen fast immer Kaskaden von gegenseitigen seelischen Verletzungen voraus. Die Partner fügen sich mit Worten schlimme Schäden zu oder schinden sich mit Schweigen. Eheliches Mobbing ist weit verbreitet. Wenn die Eskalation unerträglich und die Hilflosigkeit bodenlos werden, schmoren schliesslich die Sicherungen durch. Es geschehen Dinge, die man nie für möglich gehalten hätte.

Wie kann man diese ‹Dinge› verhindern?

Man muss unbedingt wissen und begreifen, dass der Partner meistens nicht dreinschlägt, weil er niederträchtig oder primitiv ist. Unwissen und Irrtum produzieren und befeuern die Probleme, die einen in die Verzweiflung treiben. Die schwierigen Lebensumstände unter der Coronafuchtel machen ein liebevolles Zusammenleben zu einem anspruchsvollen Projekt.



Das Coronavirus scheint auch innerhalb der eigenen vier Wände nur für Probleme zu sorgen. Wird die Zeit daheim aber auch Positives ermöglichen? Wir Menschen könnten doch jetzt, wo wir keinen Terminstress mehr haben, Themen angehen, die wir bisher auf die lange Bank geschoben haben.

Ja, den Estrich aufräumen, endlich. Allenfalls die kleine Mauer vor dem Haus reparieren. Oder da wäre auch der Prokrastinationsklassiker, der jetzt noch dringender werden könnte: Die Patientenverfügung, also zum Beispiel die Frage beantworten, ob ich wirklich maschinell beatmet werden will. Man wollte ja auch längst den Vorsorgeauftrag und das Testament an die Hand nehmen.

Das sind alles gute Ideen und auch wichtige Themen – aber gibt es auch richtig schöne Dinge, die man daheim zusammen machen kann? Also solche Sachen, die nicht direkt oder indirekt mit dem Tod zu tun haben?

Ja, klar gibt es das. In rauen, unübersichtlichen Mengen. Seit wir behördlich auf nicht absehbare Zeit zusammengepfercht worden sind, quillt das Netz über von den mannigfaltigsten Ideen und Impulsen, wie man sein Leben und Zusammenleben in seinen engen vier Wänden beleben, erweitern und bereichern kann. Zum Beispiel mit Facebook, YouTube, Instagram und natürlich Google.

Klaus Heer: «Wir müssen die Tage klar organisieren, jeden einzelnen Tag. Und wir müssen auch unbedingt dafür sorgen, dass wir mit dem Alleinsein nicht zu kurz kommen. Wir müssen.»
Bild: Rahel Krabichler/krabichler.ch

Haben Sie konkrete Tipps, was Paare und Familien in den nächsten Wochen und Monaten tun sollten, damit den einzelnen Mitgliedern nicht schon bald die Decke auf den Kopf fällt und man sich gegenseitig nur noch nervt?

Die meisten kennen doch die Crux aus eigener Anschauung. Die Corona-Abriegelung ist Weihnachten und Ostern und Ferien am Stück. Viel zu wenig Struktur und viel zu viel Reibung. Eine Klimakonferenz kann und muss neue Weichen stellen. Wir müssen die Tage klar organisieren, jeden einzelnen Tag. Und wir müssen auch unbedingt dafür sorgen, dass wir mit dem Alleinsein nicht zu kurz kommen. Wir müssen. – Ist Ihnen das konkret genug?

Nein.

Also: In der ‹ausserordentlichen Lage› ist fast nichts mehr selbstverständlich in Sachen enger Beziehung und Familie. Fast alles in den vier Wänden muss neu ausgehandelt und vereinbart werden. Wer hat welche Aufgaben, wer unterstützt wen auf welche Weise? Wie ermöglichen wir einander, dass alle ihre Klagen – also nicht Anklagen! – anbringen können, damit man eine Verbesserung suchen und finden kann? Und jedermann braucht täglich Gelegenheit, einen Moment für sich zu sein. Allein in seinem Zimmer oder wenigstens in seiner Ecke. Oder allein draussen an der frischen Luft. Sonst erstickt man in der Paar-Enge.

Die Universität Zürich bietet für Paare ein Online-TrainingWas halten Sie von solchen Angeboten?

Dieses Projekt, niederschwellig und kostenfrei, ist eines von vielen seriösen Angeboten im Netz, die den Beziehungs-Horizont erweitern können. Das Thema ‹Stress in den eigenen vier Wänden› lässt sich gut gemeinsam und präventiv auf den Tisch bringen.

Angenommen, ein Paar steigert sich zurückgezogen in ein Angst-Szenario hinein. Wie käme es da wieder heraus?

Angst birgt die Gefahr, zwei Menschen in ein bedrohliches Beziehungsghetto hineinzutreiben. Die Liebe ist ein Organismus, der auf den Austausch mit der umgebenden menschlichen Biosphäre dringend angewiesen ist. Das heisst, dass beide Partner unbedingt in Kontakt bleiben müssen mit ihren anderen nahen Bezugspersonen. Im Moment halt notgedrungen digital.

Und wie lauten Ihre Tipps für Paare, die zusammen leben, Angst haben, aber bei denen gegenseitig wenig Vertrauen vorhanden ist?

Im Grunde ist die jetzige Corona-Episode die goldene Monogamie-Zeit. Vermutlich hat es noch nie eine Epoche gegeben, wo das Paar diese einzigartige Chance hatte, einander zu halten und beizustehen, sie dürfen sich sogar richtig berühren! – ein Privileg, um das sie viele Alleinlebende beneiden. Zwei Leuten, die das nicht checken und schätzen, denen nützen auch die cleversten Tipps nichts.



Nach zwei Wochen Notstand in der Schweiz: Wie beurteilen Sie die Lage allgemein?

Es ist nichts mehr wie vorher, und für die Zukunft scheinen sich die meisten Koordinaten zu verschieben. Es ist, als würde die Erde den Atem anhalten. Neues will geboren werden. Die Paare, die zu mir kommen, scheinen die Gunst der schweren Stunde zu spüren: Wenn wir je einen Neustart der Liebe wagen wollen, dann jetzt oder nie!

Und Ihre persönliche Lage?

Die Angst ist kein so schlechter Ratgeber, wie es immer heisst. Die feine Angst tief in meinem Innern weckt mich auf und ich sehe: Der Frühling ist da. Mit viel Sonne und Bise.

So grundsätzlich: Was sind die langfristigen Folgen der Corona-Krise für die Gesellschaft?

Der deutsche Zukunftsforscher Matthias Horx weiss das viel besser als ich. Lassen Sie Hirn und Fantasie anregen beim Lesen dieses Textes.

Das Interview wurde schriftlich geführt.

Zur Person: Klaus Heer

Klaus Heer, 76, bildete sich nach seinem Psychologiestudium in Hamburg und Bern in Psycho- und Paartherapie weiter. In den 40 Jahren, in denen er mit Paaren arbeitet, hat er sich den Ruf einer Kapazität in Fragen Liebe, Partnerschaft und Sexualität erworben. Er schrieb Sachbücher wie die Bestseller «Ehe, Sex & Liebesmüh’» und «Paarlauf. Wie einsam ist die Zweisamkeit?». Heer lebt und arbeitet in Bern.

Das sind die zwölf verrücktesten Pflanzen der Welt

Zurück zur Startseite