Ruinierte Spenderorgane – was man wissen muss

Runa Reinecke

30.7.2019 - 00:00

Viele schwerstkranke Menschen warten oft vergeblich auf überlebenswichtige Spendeorgane.
Bild: iStock

Auf Herz, Lunge oder Niere zu warten, das ist kein Spass. Und dann sind die Organe vieler Spender auch noch nicht brauchbar, wie Grossbritannien meldet. Und wie sieht es in der Schweiz aus?

Spenderorgane sind rar – und so warten viele schwerstkranke Menschen in der Schweiz vergeblich auf überlebenswichtige Organe wie Herz, Lunge oder Niere.

Auch in Grossbritannien steht eine lange Patientenwarteliste einer viel zu geringen Anzahl von Spenderorganen gegenüber. Dort kommt hinzu, dass sich immer mehr Körperteile als nicht transplantierfähig erweisen: Während des vergangenen Jahres befand sich jedes sechste von insgesamt 849 Spenderorganen in einem derart desolaten Zustand, dass es keinem Empfänger zugeführt werden konnte. Laut der britischen Gesundheitsbehörde NHS müssen heute nahezu doppelt so viele Organe abgelehnt werden wie noch in den Jahren 2009/2010.

Neben altersbedingtem Verschleiss gehören immer häufiger die Folgen von Übergewicht zu den Gründen für die schwindende Organverfügbarkeit. Binnen eines Jahrzehnts ist die Adipositas-Rate der für eine Organspende freigegebenen Verstorbenen von 24 auf 29 Prozent gestiegen. Gegenüber dem britischen «Telegraph» erklärte Tam Fry vom Nationalen Forum für Adipositas, dass die Organe vor allem wegen des viszeralen Fetts nicht mehr ausreichend funktionsfähig seien.

Anders als das sichtbare Bauchfett sammelt sich das viszerale Fett zwischen den Organen in der Bauchhöhle an. Es sondert entzündungsfördernde Botenstoffe ab – ein Vorgang, der mit einem erhöhten Risiko für Stoffwechsel- und Herz-Kreislauf-Erkrankungen in Verbindung gebracht wird. Die Krux: Selbst schlanke Menschen mit normalem Body-Mass-Index können viszerales Fett im Bauchraum einlagern.

Nicht transplantierbare Organe

Dass eine über mehrere Jahre bestehende Adipositas Organe ruinieren kann, bestätigt auch Franz Immer von Swisstransplant: «Bei stark übergewichtigen Organspendern kann die Leber stark verfetten. In der Regel kommt dann auch die Bauchspeicheldrüse nicht mehr für eine Transplantation infrage.» In Folge der Stoffwechselproblematik erkrankten ab einem gewissen Alter häufig auch andere Organe wie Herz und Lunge derart, dass sie nicht mehr als Spenderorgane eingesetzt werden könnten, betont der Mediziner und Direktor der schweizerischen Stiftung für Organspende und Transplantation.

In der Schweiz liegt der Anteil der nicht verwendbaren Organe bei etwa vier bis fünf Prozent pro Jahr. Auch bei uns sei diese Tendenz «leicht steigend», weiss Franz Immer. Anders als in Grossbritannien sei das nicht einer wachsenden Zahl übergewichtiger Spender, sondern dem Alter geschuldet: «Vor zehn Jahren waren die Spender im Durchschnitt 44 Jahre alt – heute sind sie im Mittel 55.» Die Zahl der Spender über 70 Jahre wachse stetig. Zwar könne man in jedem Alter spenden, doch je älter ein Spender ist, desto grösser sind die alters- oder umweltbedingten Verschleisserscheinungen.

Wer in der Schweiz Organspender werden möchte, muss sich ins Organspenderregister eintragen lassen oder einen Organspendeausweis besitzen. Besteht im Falle eines Hirntodes keine schriftliche Einwilligung, müssen die nächsten Angehörigen darüber entscheiden, ob die betreffende Person zum Organspender werden soll oder nicht.

Gemäss Swisstransplant entscheiden sich in der Schweiz heute 60 Prozent aller Angehörigen gegen eine Organspende. Im vergangenen März wurde eine Initiative eingereicht, um dem chronischen Mangel an Transplantaten entgegenzuwirken: Diese soll über die sogenannte Widerspruchslösung befinden: Wird die Initiative angenommen, wird jeder, der sich nicht explizit gegen eine Organentnahme nach dem Tod ausspricht, automatisch zum potenziellen Spender.

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