«Am Anfang sagte ich mir: nur keine Kühe!»

Von Alexandra Rozkosny

27.6.2021

In der Schererei bei Jolanda Brändle in Mosnang, St. Gallen. Eine Geschichte der Schweizer Berghilfe im Jahr 2020.
«Schneiden tue ich am liebsten nach 20 Uhr, wenn es ruhig wird im Haus. Bis zu vier Stunden am Stück kann ich problemlos arbeiten»: Jolanda Brändle, Scherenschnitt-Künstlerin.
Bild: Yannick Andrea

In ihren Händen entstehen im Nu filigrane Kunstwerke aus Papier. Jolanda Brändle hat ihre Berufung nebenbei entdeckt. Heute ist sie eine der erfolgreichsten Scherenschnitt-Künstlerinnen der Ostschweiz.

Von Alexandra Rozkosny

27.6.2021

Schaut man Jolanda Brändle über die Schulter, kommt man aus dem Staunen nicht mehr heraus. Mit einer simplen, kleinen Schere vermag sie haarfeine Strukturen aus dem Papier auszuschneiden. Und das in einem atemberaubenden Tempo. Kleinste, spitze Winkel fordern besondere Geduld: «Rupfen darfst du nicht, sonst sieht man dann feine Papierfaserzipfel. Ich schiebe das Papier sanft in die Klingen», erklärt sie.

Stundenlang mit der Schere hantieren, immer leicht vornübergebeugt? Das stellt man sich anstrengend und etwas verkrampft vor.

Doch Jolanda Brändle widerspricht: «Für mich ist das eine meditative Arbeit», sagt sie, «sie gibt mir Energie. Am liebsten schaue ich dazu einen Film. Aber er darf nicht zu dramatisch sein, so eine mittelmässige Komödie ist ideal», ergänzt sie schmunzelnd.

In der Schererei bei Jolanda Brändle in Mosnang, St. Gallen. Eine Geschichte der Schweizer Berghilfe im Jahr 2020.
Am Bach heisst dieses Werk von Jolanda Brändle.
Bild: Yannick Andrea

«Schneiden tue ich am liebsten nach 20 Uhr, wenn es ruhig wird im Haus. Bis zu vier Stunden am Stück kann ich problemlos arbeiten.» Dafür sei das spezielle Scherenschnittpapier auch auf einer Seite weiss beschichtet. Würde man immer aufs Schwarze blicken, würden die Augen zu rasch ermüden, erklärt sie.

Die Welt als Silhouette wahrnehmen

Und so hatte auch vor 22 Jahren ihre Scherenschnitt-Karriere angefangen: Auf der Suche nach etwas Erholung vom anstrengenden Alltag als Bäuerin und Mutter von neun Kindern entdeckte sie zufällig den Scherenschnitt. Die Kunst der Reduktion in Schwarz-Weiss.

Sehr ruhige Hände braucht es, viel Geduld und die Gabe, die Welt als Silhouette wahrzunehmen. «Am Anfang sagte ich mir: nur keine Kühe!», erinnert sie sich lachend. Und das, obwohl sie zusammen mit ihrem Mann einen Milchbetrieb führt. «Aber nur Muster machen will ich nicht, es muss etwas Lebendiges drin haben», fügt sie an.

Ihre Scherenschnitte gleichen manchmal Wimmelbildern, manchmal Ornamenten. Neben den traditionellen Motiven rund ums Landleben finden sich immer wieder kleine, überraschende Details. Mal ist es ein Geissbock, der scheinbar auf den Hinterhufen tanzt, mal ein Mountainbiker, der hinter dem Bauernhaus den Hang hoch strampelt.

In der Schererei bei Jolanda Brändle in Mosnang, St. Gallen. Eine Geschichte der Schweizer Berghilfe im Jahr 2020.
«Am schönsten ist, dass ich jetzt im Laden arbeiten kann, das war vorher wegen der engen Platzverhältnisse nicht möglich»: Jolanda Brändle in ihrer «Schererei» in Mosnang SG.
Bild: Yannick Andrea

Schon bald war sie über das Anfängerstadium hinaus und verkaufte erste Werke. 2010 eröffnet sie ihren ersten, kleinen Laden in Mosnang SG. Neben dem Verkauf der Originalwerke begann sie, Stoffe, Tassen, T-Shirts und vieles mehr mit ihren Motiven zu bedrucken. Schnell wurden die Organisatoren der Olma, der grössten Landwirtschaftsmesse der Schweiz, auf ihr Schaffen aufmerksam. 2012 durfte Jolanda das Plakat für die Messe gestalten. Ab dann gingen die Verkäufe durch die Decke. Sehr bald war der Laden viel zu klein.

Zweites Standbein der Familie

Vor etwa vier Jahren verlangte einer ihrer Verpächter Land zurück und Brändles mussten deshalb den Viehbestand verkleinern. Da entschieden sie sich, die «Schererei» zu vergrössern und zum zweiten Standbein der Familie zu machen. Doch dafür brauchte es ein neues Lokal, denn das bestehende war rach viel zu klein geworden. Mitten im Dorf wurden Brändles fündig: Das altehrwürde Gasthaus «Bären» stand zum Verkauf.

Mit Unterstützung der Schweizer Berghilfe und tatkräftiger Mithilfe einiger Kinder konnte das Ehepaar das Haus zu einem Laden und Wohnhaus umbauen. Seit September 2020 hat der neue Laden an vier statt wie bisher zwei Tagen offen. «Am schönsten ist, dass ich jetzt im Laden arbeiten kann, das war vorher wegen der engen Platzverhältnisse nicht möglich», sagt sie.

In der Schererei bei Jolanda Brändle in Mosnang, St. Gallen. Eine Geschichte der Schweizer Berghilfe im Jahr 2020.
Die Scherenschnitte von Jolanda Brändle gleichen manchmal Wimmelbildern, manchmal Ornamenten. Neben den traditionellen Motiven rund ums Landleben finden sich auch immer wieder kleine, überraschende Details.
Bild: Yannick Andrea

Doch wer jetzt denkt, die quirlige 50-Jährige sei mit ihrem Laden, der Familie und dem Bauernbetrieb ausgelastet, irrt. Denn regelmässig joggt sie – oder spult auf dem Rennvelo Kilometer ab. Und so steht sie oft früh am Morgen auf, dreht ihre Runde und setzt sich dann an einen Scherenschnitt. Zuerst bewegen und dann schneiden:

«Das ist das Schönste.» Sagt's und hat dabei dem Papier schon das nächste Geisslein entlockt.

Unterstützung: Die Bauernfamilie Brändle in Mosnang SG beschloss, mehr auf die Scherenschnitt-Kunst von Jolanda zu setzen. Dafür brauchte sie ein grösseres Verkaufslokal. Die Schweizer Berghilfe hat sie beim Kauf unterstützt.

Das Porträt erschien zuerst im «Berghilfe-Magazin».