Sterbebegleiter «Beim Sterben ist der Mensch so echt wie sonst nie im Leben»

Von Sulamith Ehrensperger

16.1.2020

Sie begleiten Menschen in ihren letzten Lebensmomenten: Sterbebegleiter möchten schwerkranken Menschen bis zum Tod eine möglichst hohe Lebensqualität ermöglichen.
Sie begleiten Menschen in ihren letzten Lebensmomenten: Sterbebegleiter möchten schwerkranken Menschen bis zum Tod eine möglichst hohe Lebensqualität ermöglichen.
Bild: iStock

Sterben wird gern totgeschwiegen. Für Philippe Daucourt  gehört es zum Beruf. Ein Gespräch mit einem Sterbebegleiter über seine Berufung, den Menschen und den Tod.

Herr Daucourt, Sie nennen sich Lebensbegleiter, begleiten Menschen bis in den Tod. Wie ist es dazu gekommen?

Auch wenn jemand im Sterben liegt, so bin ich bei ihm, wenn er noch lebt. Ich bin also ein Lebensbegleiter, das ist positiver assoziiert als Sterbebegleiter. Das Sterben ist in unserer Gesellschaft ja noch immer etwas Negatives.

Warum schweigen wir das Sterben tot?

Viele haben Angst vor dem Sterben, vielleicht ist es deshalb noch immer ein Tabuthema. In den Medien hingegen wird immer mehr über den Tod gesprochen, jedoch immer öfter in extremis. Doch gehört Sterben zu jedem Leben dazu, das wissen wir alle.

Wie ist es dazu gekommen, dass Sie Sterbende begleiten?

Ich habe zuvor dreizehn Jahre lang im Versicherungswesen gearbeitet. Erst mit 30 Jahren habe ich mich dazu entschlossen, in den Pflegeberuf einzusteigen. Ich habe zuunterst im Organigramm angefangen, als Pflegehelfer im Altersbereich, später arbeitete ich in einem Heim für Schwerstkranke. Dort habe ich gemerkt, dass ich den Menschen im Sterbeprozess etwas geben kann und dass das Zusammensein mit ihnen auch für mich bereichernd ist. Auch von der Familie her bin ich mit Tod in Berührung gekommen: Meine Mutter ist an Krebs gestorben, mein Vater hatte ALS. (Anmerkung der Redaktion: Amyotrophe Lateralsklerose (ALS) ist eine rasch voranschreitende, degenerative Erkrankung des zentralen und peripheren Nervensystems.)

Philippe Daucourt ist Lebens- und Sterbebegleiter sowie Regionalleiter des Schweizerischen Roten Kreuz Kanton Bern, Region Mittelland.
Philippe Daucourt ist Lebens- und Sterbebegleiter sowie Regionalleiter des Schweizerischen Roten Kreuz Kanton Bern, Region Mittelland.
Bild: SRK

Die meisten fühlen sich unwohl, wenn sie mit Sterbenden konfrontiert sind. Warum ist das bei Ihnen anders?

Das ist schwierig zu beschreiben (überlegt lange). Ich merke im Nachhinein, dass ich mich in der Situation wohlgefühlt habe, weil es ein gegenseitiges Geben und Nehmen ist. Auch Menschen, die im Sterben sind, können viel geben. Der Mensch ist in diesen Momenten so echt wie sonst im ganzen Leben nie.

Wie gehen Sie auf Menschen zu, die gehen oder oft auch gehen müssen?

Mein Lebenselixier ist, dass ich neugierig bleibe. Jeder Mensch ist anders, auch beim Sterben. Manche sind überglücklich, wenn du zehn Fragen stellst, andere wollen gar nicht sprechen. Für mich ist es wichtig aufzunehmen, welchen Menschen ich vor mir habe, ohne meine eigenen Werte reinzubringen. Ich sage nicht, dass mir das immer gelingt, bi Goscht nid.

Mein Grossvater war ablehnend, weil er sich zum Ende hin nicht mehr richtig bewegen konnte. Welche weniger rosigen Momente erlebten Sie?

Da gibt es sicher Situationen, die man aushalten muss. Im Moment betreue ich eine Frau, die mich häufiger aus ihrer Krankheit heraus beschimpft. Mein Vater hatte manchmal auf den Tisch geschlagen, um sich bemerkbar zu machen, weil er nicht mehr sprechen konnte. Ich dachte, er sei wütend, heute weiss ich, dass er versuchte zu kommunizieren.

Wie gehen Sie mit solcher Ablehnung oder Wut um?

Manchmal kommt eine ganze Geschichte hoch, die den Sterbenden beschäftigt. Ich sage mir dann, dass ich nicht die ganze Lebensgeschichte eines anderen Menschen im letzten Abschnitt noch regeln kann. Und auch nicht sollte, weil er oder sie dies selbst tun muss. Manchmal ändern sich Werte auch von Grund auf – wie bei meinem Vater. Er hatte eine kritische Haltung  gegenüber Exit. Durch seine Krankheit hat sich dann sein Denken verändert. Sein Sprachvermögen war sehr beeinträchtigt, und weil er nicht mehr aufstehen konnte, fragte er mich, ob ich Exit für ihn organisieren könnte.

Wie war diese Erfahrung für Sie? Normalerweise begleiten Sie Menschen palliativ bis zum Tod.

Ich hatte nicht eine Sekunde darüber nachgedacht, ob das gut war oder nicht, weil ich seine Entscheidung nicht zu werten hatte. Natürlich war ich in meiner Rolle als Sohn betroffen, aber schliesslich entscheidet der Mensch, um den es geht. Ich glaube nicht, dass ich Exit in jedem Fall befürworte, doch ist es nicht an mir, andere mit meinen Glaubenssätzen zu überzeugen.



Ich habe Berichte über Sterbende gelesen, die noch ein Abschiedsfest mit Spumante und Zigarette gefeiert haben.

Das gibt es, ja. Doch ist das Sterben meist nicht so spektakulär. Viele gehen im Stillen, dann, wenn niemand im Zimmer ist. Das ist mir bei meiner Mutter passiert. Ich habe fünf Tage lang an ihrer Seite gesessen. Dann meinte mein Bruder, ob ich ihn zum Kaffeetrinken begleiten möchte. Als ich zurückkam, war sie gegangen.

Normalerweise sitzen Sie wahrscheinlich nicht tagelang am Sterbebett. Was tun Sterbebegleiter?

Ich schaue, was die Menschen brauchen und sich wünschen. Das geht von SMS schreiben lernen, Zahlungen vorbereiten, einkaufen gehen, zum x-ten Mal gemeinsam denselben Film schauen über einfach nur dasitzen und zuhören.

Was beschäftigt uns in den letzten Monaten, Tagen, Stunden des Lebens?

Diejenigen, die Kinder haben, wollen sicher sein, dass diese versorgt sind und es ihnen gut geht. Viele beschäftigt die Frage, was kommt nach dem Tod. Das ist eine der meistgestellten Fragen. Eine Frau fragte sich, ob sie ihren Mann nochmals geheiratet hätte, wenn sie früher von all seinen Liaisons gewusst hätte. Er sei nett gewesen, und gefehlt habe es ihr an nichts, dennoch sei sie sich nicht sicher.

Haben Sterbende Angst vor dem Tod?

Viele fürchten sich davor, dass Sterben wehtun könnte. Ich habe schon Menschen erlebt, die sich bis zum letzten Moment gewehrt haben. Andere sterben ganz ruhig, es scheint, als ob sie es einfach geschehen lassen können. Ehrlicherweise muss ich sagen, dass ich in den meisten Fällen nicht weiss, ob Sterbende kurz zuvor Angst haben, ich bin ja oft in diesem Moment nicht dabei.

Meine Grossmutter entdeckte auf ihre letzten Tage hin noch, dass sie doch gern Lachsbrötli mag. Meine andere Grossmutter ging unerwartet, aber stolz bis zur letzten Minute. Welche Erfahrung haben Sie gemacht: Sterben wir so, wie wir gelebt haben?

Ich glaube schon. Ich erinnere mich an eine Frau, die spielte gern «Mensch ärgere dich nicht». Sie rief mich am Nachmittag noch an, fragte, ob ich nicht eine Schwarzwäldertorte von Migros mitbringen könnte – sie mochte sie so gern. Wir spielten vor dem Kachelofen und assen Kuchen. Sie verabschiedete sich dann so herzlich, wie noch nie zuvor und sagte, dass wir uns vielleicht nicht mehr sehen. Ich dachte mir nichts dabei. Am nächsten Morgen rief mich ihre Tochter an: Ihre Mutter sei in der Nacht einfach eingeschlafen.

Welche letzten Wünsche sind Ihnen geblieben?

Eine Frau wollte im Bett zum Fenster gerollt werden, um den Vollmond sehen zu können. Andere baten um ihr Lieblingsessen, bei meinem Vater war es ein Stück Camembert. Eine Frau wollte nochmals in den Tierpark zu den Giraffen. Einmal haben wir das ganze Bett mit Plüschtieren dekoriert, weil diese Frau hunderte davon gesammelt hatte. Meist sind es keine ausgefallenen Wünsche, sondern solche, die man erfüllen kann.

Wie kann ich jemanden unterstützen, dessen Leben bald zu Ende geht?

Ich glaube, das Einfachste ist zu fragen, was sie brauchen. Beobachten, hören, spüren, sehen, das merkt man manchmal auch, wenn sich eine Person nicht mehr mitteilen kann, an der Körperhaltung, der Mimik.




Kann man als Sterbebegleiter auch abstumpfen gegenüber dem Sterben?

Ich denke, es darf mich nicht belasten, aber beschäftigen schon. Es wäre nicht gut, wenn es mich nicht mehr beschäftigt. Mir hilft der Austausch mit Kollegen und meinem Lebenspartner, aber auch das Musikhören, dann kann ich für einen Moment in meine Welt abtauchen. Manchmal ertappe ich mich dabei, dass ich gerade an nichts gedacht habe.

Haben Sie Angst vor dem Tod?

Vor dem Tod selber nicht, ich mache mir darüber nicht so grosse Gedanken. Ich fürchte mich eher vor Schmerzen – vor Unfällen oder Krankheiten etwa. Was mich sehr beschäftigt, ist, was passiert, wenn ich nicht mehr urteilsfähig sein sollte und jemand über mich entscheidet. Ich habe deshalb alles geregelt. Wir entscheiden über unser Leben, wenn wir leben – warum sollten wir nicht auch darüber entscheiden, wenn wir im Sterben liegen? Wir leben schliesslich bis zum letzten Lebensmoment.

Hier finden Sie Entlastungs- und Beratungsangebote des Schweizerischen Roten Kreuz (SRK) sowie Ansprechpartner in Ihrer Nähe.

Für Menschen, die als Freiwillige regelmässig Sterbebegleitungen machen möchten, bietet etwa das SRK Kurse an.

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