Sterbehilfe: Der Abschied von unserem Vater

22.8.2018 - 08:09, Ruth und Jürg Zbinden

Ruth Zbinden: «Vaters Tod war schön und friedlich, und sein Leben ging in Würde zu Ende, so wie er es sich immer gewünscht hat.» (Symbolbild)
Bild: Keystone

Der Vater von Ruth und Jürg Zbinden ist mit der Sterbeorganisation Exit gestorben. Die beiden Geschwister berichten, weshalb er sich für diesen Weg entschieden hat und wie sie diese Erfahrung erlebt haben.

Tochter: Erster Januar 2018, 14.20 Uhr, Einnahme des Natrium-Pentobarbitals, 14.29 Uhr, Papa ist tot.

Sieben Jahre vorher. Ich frage meinen Vater, ob er mit mir Mitglied bei der Sterbeorganisation Exit werden will. Papa ist sofort damit einverstanden. Es ist uns beiden ein Anliegen, eine Organisation, welche das Selbstbestimmungsrecht hochhält, zu unterstützen.

Mein Vater hatte seit 2004 Prostatakrebs. Da war er gerade 70 Jahre alt geworden. Er machte eine Chemotherapie und liess sich bestrahlen. Den Lebensmut und die Lebensfreude liess er sich nie nehmen. Sein grosses Hobby nach der Aufgabe des landwirtschaftlichen Betriebes war das Velofahren. Bei fast jedem Wetter stieg er auf seinen geliebten Drahtesel, auf dem er «Körper, Geist und Seele bündeln» konnte, wie er kurz vor seinem Tod noch schrieb.

Vor anderthalb Jahren hatte mein Vater dann den dritten Rückfall. Die stetigen Hormonstoppspritzen, die er jahrelang mir gegenüber lächelnd quittierte – «jetzt weiss ich, wie sich die Wechseljahre für euch Frauen anfühlen» –, wirkten nicht mehr. Eine Behandlungsoption hätte es noch gegeben, aber deren Wirkung war sehr unsicher und die Nebenwirkungen umso gravierender. Papa entschied sich sehr klar dagegen. Qualität vor Quantität, meinte er dazu. Mit 82 Jahren habe er doch ein stolzes Alter.

Ich hatte ein schönes Leben und jetzt freue ich mich richtig darauf, aussteigen zu können.

Zusammen mit meinen Eltern vereinbarten wir ein Gespräch bei unserem langjährigen Hausarzt, und mein Vater äusserte seinen Wunsch, dass ihm der Arzt dann helfe, wenn es notwendig sei. Ein Tier lasse man ja auch nicht leiden, wenn es keine Hoffnung mehr gebe. Da sei Erlösung selbstverständlich.

Der Hausarzt nickte und äusserte sein Verständnis. Dies beruhigte meinen Vater sehr. So meinte er, er könne ganz gelassen dem entgegensehen, was irgendwann kommen würde.

Das letzte halbe Jahr vor seinem Tod war dann die Sterbehilfe praktisch bei jedem Mittagessen ein Thema. Meine Mutter und ihre Schwägerin, mein Bruder und ich konnten es fast nicht mehr hören. Aber für meinen Vater war es die Möglichkeit, mit seiner Angst umzugehen. Angst hatte er weder vor dem Tod noch vor dem Sterben, sondern vor dem Dahinsiechen, dem Ausgeliefertsein, «dem Blödwerden», wie er das ausdrückte. Das war für meinen Vater schon immer der Horror gewesen, ein Leben ohne Würde.

Dass auch der alte Mensch, der demente Mensch, der behinderte Mensch eine Würde hat, das war ein Thema vieler Streitgespräche zwischen uns gewesen. Erst gegen Ende seines Lebens begann ich zu verstehen, dass er die ganze Zeit von sich selbst gesprochen hatte. Der erfolgreiche, männliche Vater hatte immer Angst vor der anderen Seite des Lebens gehabt. Er war ein Kämpfer gewesen, ein Aufsteiger auch. Meine Grosseltern waren noch Magd und Knecht gewesen, konnten mit Müh und Not ein kleines «Gewerblein» kaufen und schliefen noch mit Laubsackdecken. Sie mussten einen Beruf ausüben, den sie gar nicht wollten.

Mein Vater hingegen liebte alles, was er tat. Er lebte «begeistert» und sagte oft, er könnte grad noch mal anfangen. Plötzlich ging es dann aber Schlag auf Schlag. Im November 2017 fiel mein Vater plötzlich in Ohnmacht. Hirnblutung, Metastasen in der ganzen Wirbelsäule. Mein Vater bat mich, sofort bei der Sterbehilfe Exit anzurufen, es sei nun so weit.

Er war unterdessen in einer Übergangspflegeeinrichtung und wurde von dort jeweils zur schmerzlindernden Bestrahlung ins Spital gefahren. Dieses Pflegeheim war der ultimative Horror für ihn. Schlimmer als er es sich je vorgestellt habe und er sei so froh, dass er Mitglied bei Exit sei. Die Sterbebegleiterin besuchte ihn dort und die beiden verstanden sich auf Anhieb bestens. Auch mir flösste sie mit ihrer unaufgeregten Art sofort Vertrauen ein. Wir waren sicher: Nun sind wir in guten Händen.

Jürg Zbinden: «Beim Tod sollte es nichts schönzureden geben. Es ist weder schön, zu sterben, noch ist es schön, seine Liebsten auf Nimmerwiedersehen zu verlieren.» (Symbolbild)
Bild: Getty Images

Trotz der extrem schlechten Prognose war der Hausarzt unseres Vaters nicht bereit, das Barbiturat zu rezeptieren. Dies war eine grosse Enttäuschung für unseren Vater.

Ein Konsiliararzt von Exit stellte dann aber das Rezept nur drei Tage später aus. Das beruhigte Papa zutiefst. Zwei Wochen später hatte er erneut eine Hirnblutung und konnte nicht mehr gut sprechen. Jetzt war es Zeit. Sechs Tage später kam die Sterbebegleiterin. Ich und auch mein Bruder hatten noch die Möglichkeit, mit Papa Zeit zu verbringen. Alles war gesagt, alles war gut. Papa sagte zu mir: «Ich hatte ein schönes Leben und jetzt freue ich mich richtig darauf, aussteigen zu können.»

Sein Tod war schön und friedlich, und sein Leben ging in Würde zu Ende, so wie er es sich immer gewünscht hat. Ich danke – vor allem auch im Namen meines Vaters - Exit und der Sterbebegleiterin Martha Moll für diese wunderbare Abschiedsmöglichkeit.

Die erste Frage lautet immer: «Wie alt ist er geworden?»

Sohn: Beim Tod sollte es nichts schönzureden geben. Es ist w eder schön, zu sterben, noch ist es schön, seine Liebsten auf Nimmerwiedersehen zu verlieren. Wer ist einem näher als die Eltern? Vielleicht die eigenen Kinder – ich selber habe keine. Ich habe nur noch die Hinterbliebenen meines Vaters, meine Mutter, meine Schwester, die Schwester meines Vaters. Damit darf ich mich glücklich schätzen, andere haben gar niemanden mehr.

Meine Erfahrung mit der Sterbeorganisation Exit war sehr gut, eine gute habe ich erhofft und erwartet. Sonst hätte ich Bedenken geäussert. Aber für mich steht der Respekt vor dem Entscheid desjenigen, der sich für den assistierten Suizid entscheidet, an oberster Stelle, so wie der Glaube der andern Respekt geniessen sollte, selbst wenn man ihn nicht teilt. Unser Vater hat ans Leben geglaubt, der Tod hat ihn beschäftigt, seit er vor mehr als einem Dutzend Jahren die Krebs-Diagnose verkraften musste. Es war ein Auf und Ab zwischen Angst und Hoffnung , befreunden mochte er sich nicht mit dem unerwünschten Ende, allzu gern hat er gelebt.

Als unser Vater an Weihnachten eine zweite Hirnblutung erlitt und eine Gürtelrose dazukam, stand für ihn der Entscheid zu gehen fest: lieber heute als morgen. Und weil das Morgen von Gesetzes wegen, aus nachvollziehbaren Gründen, nicht wörtlich umzusetzen ist, musste er sich ein paar Tage gedulden. M eine Schwester Ruth kennt aus ihrem Beruf als Psychotherapeutin die Voraussetzungen, die erfüllt sein müssen, damit jemand aus freien Stücken gehen kann, vom Hier und Jetzt ins Himmelreich, ins Nichts oder in was auch immer. Darum war von Gesetzes wegen alles vorschriftsgemäss auf das letzte Ende vorbereitet.

Es wäre ungleich viel schwerer gewesen, ihn lange leiden und kämpfen zu sehen.

Und dennoch: Der Sterbetermin stellt aus meiner Sicht fast die grösste Herausforderung dar. Er fühlt sich an wie der Tag eines zum Tode Verurteilten – ein Hinrichtungstermin. Gleichzeitig liegt darin die Chance, sich noch alles zu sagen, was einem auf dem Herzen liegt, sofern das möglich ist aus Sicht des mehr oder weniger freiwillig Todgeweihten. Mein Vater ging zu 100 Prozent freiwillig, er zögerte keinen Moment und er verspürte auch keine Angst.

Wenn es denn eine Angst gab, dann die, dass er eine dritte Hirnblutung erleiden könnte, die ihm die Fähigkeit zu verstehen und sich mitzuteilen, unwiderruflich nähme. Der Verlust seiner Selbstbestimmung war für unseren Vater die denkbar schlimmste Option. Er war zeit seines Lebens sein eigener Herr, diesen Stand wollte er im Angesicht des Todes auf keinen Fall verlieren.

Eine besser Sterbehelferin als Frau Moll, die allein schon kraft ihres Namens prädestiniert scheint zu helfen in schwerster Stunde, hätten wir uns nicht wünschen können.

Wenn ich gefragt werde, wie Vater gestorben ist und ich die Umstände mitteile, sind die Reaktionen gemischt. Die erste Frage lautet immer: «Wie alt ist er geworden?» Als ob es einen Unterschied machte, mit achtzig oder, wie  Vater, mit vierundachtzig zu sterben. Dann eine Höflichkeitsfloskel hinterher: «Es war bestimmt schwer.»

Und Erstaunen bis Unverständnis, wenn ich sage «eigentlich gar nicht so sehr». Es wäre ungleich viel schwerer gewesen, ihn lange leiden und kämpfen zu sehen. Er hat seinen Entscheid lange vorher getroffen, und diesen seinen Entscheid, zu gehen, wenn er es selber für richtig hält, gilt es zu respektieren. Das hat uns mein Vater glaubhaft vermittelt.

Die Texte von Ruth und Jürg Zbinden erschienen zuerst im Magazin der Sterbeorganisation Exit.

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