Ciao, ciao Nuggi – ist er weg, ist das Kind auf Entzug, die Eltern auch

Sulamith Ehrensperger

14.10.2019 - 00:00

Dem Nuggi «Tschüss» zu sagen, kann schwierig sein, und das nicht nur für die Kinder. 
Bild: iStock

Sind es eigentlich die Eltern und nicht das Kind, die den Nuggi brauchen? Vielleicht geben Sie jetzt Ihrem Kind den Nuggi, damit Sie diese Kolumne in Ruhe lesen können. 

Nach knapp drei Jahren heisst es Abschied nehmen von der ersten grossen Liebe. Das hat auch meine Tochter eingesehen. Wir waren schon auf der Türschwelle, da meinte sie: «Mami, ich gebe der Fee alle meine Nuggis – jetzt.»

Wir kehrten auf dem Absatz um, packten alle Nuggis in eine Schachtel, banden ein rotes Geschenkband drum, und legten sie vor die Haustüre. Stolz berichtete meine Tochter dann der Nachbarin im Treppenhaus, dass sie jetzt ein grosses Mädchen sei.

Sie war kein kleiner Nuggi-Junkie. Kein Dauernuckeln also. Ich sah ihn mehr als «Genussmittel»: bewusst eingesetzt, wirkt er. Abends zum Einschlafen oder mal als «Trösterli».

«Nuggi, Mami, Nuuuuuuggiiiiiiiiii»

Es war nun ein Abschied auf Raten. Vom kalten Entzug, sprich den Nuggi einfach wegnehmen, raten Fachleute ja ab. Und ja, ich dachte, dass ihr der Verzicht weniger zu schaffen macht.

Abends dann die Ernüchterung. «Nuggi, Mami, Nuuuuuuggiiiiiiiiii», rief sie im Dreiminutentakt. Sie weinte, bettelte, rief nach der Fee, sie solle ihr die Nuggis wiedergeben. Was tun? Versuchen, sie vom Nuckeln abzulenken? Einen Ersatz anbieten, etwa ein Kuscheltier? Den Ersatztröster schleuderte sie innert Sekunden aus dem Bett. Für Argumente sind weinende Kleinkinder im Halbschlaf nicht wirklich offen.



Ich muss gestehen, sie tat mir leid. Ich war hin- und hergerissen; nahe daran, den Nuggi aus dem Versteck zu zaubern. Ich wollte das nicht dogmatisch angehen, doch hielt ich durch. Meine Tochter auch – mit Betteln, bis sie erschöpft einschlief.

Es folgten unzählige Abende, die unendlich schienen. Unsere Tochter konnte nicht mehr einschlafen. Vor lauter Müdigkeit fand sie den Schlaf nicht mehr, war überdreht und hellwach. Wir trösteten, kuschelten und erzählten stundenlang Geschichten, manchmal bis nach Mitternacht. Morgens brachten wir sie kaum aus dem Bett und wegen jeder Kleinigkeit brach sie in Tränen aus.

Mal ehrlich, wer schreibt solche Geschichten?

Wir haben Bücher gelesen von der «Schnullerfee», Klaus die Maus, die Nuggis klaut, oder Kindern, die den Nuggi mit zwei Jahren einfach abends in die Schublade legen. Mal ehrlich, wer schreibt solche Geschichten? Natürlich brachte auch bei uns die berühmt-berüchtigte «Nuggifee» kleine Geschenke fürs Puppenhaus. Doch das ist kein Ersatz für einen treuen Begleiter, der vom einen auf den anderen Tag weg war. 

Zwei von drei Müttern geben laut Schätzungen ihren Kindern einen Nuggi. Bis zum dritten Geburtstag sollten sie sich vom treuen Begleiter getrennt haben, so die gängige Empfehlung. 
Bild: Getty Images

Die Sache mit dem Nuggi ist ein kontroverses Thema. Ich merkte, dass ich mit meiner Geschichte nicht alleine bin: Jeder hatte eine Geschichte parat oder einen gutgemeinten Ratschlag. Sie müssen es ja wissen, schliesslich geben laut Statistik zwei von drei Müttern ihren Kindern einen Nuggi.

Ich fragte mich heute, was passiert wäre, wenn ich ihr die Nuggis einfach gelassen hätte. Hätte es einen Moment gegeben, an dem sie sich nicht mehr für diese interessierte?

Keine Ahnung was passiert wäre. Ich weiss nur: Einen Monat lang waren wir alle drei auf Entzugskur: Die Tochter ohne Nuggi, wir Eltern ohne Schlaf.

Nuggi abgewöhnen: So könnte es klappen

Einen Versuch wert sind diese oft gehörten Tipps zum «Nuggi»-Entzug:

  • Für die Fee: Wer ihr seine Nuggis gibt, bekommt im Gegenzug ein Geschenk.
  • An den Baum:  Im Zoo Zürich, beim Museum für Kommunikation in Bern oder dem Tierpark Goldau gibt es einen Nuggibaum. Dort können Kinder ihre Nuggis selber dranhängen – und immer wieder besuchen. Ein Ritual aus Dänemark: Tatsächlich soll der älteste Nuggibaum seit den 1920er-Jahren auf der dänischen Insel Thuro stehen.
  • Für den Pöstler: Mit dem Kind gemeinsam alle Nuggis einpacken und verschicken – an Grosseltern, den Osterhasen oder den Samichlaus. Wenig später bekommt Ihr Kind ein Päckchen mit einer Überraschung. Ich kenne einen Buben, der seine Nuggis «em Güselmaa» mitgegeben hat.
  • An den Zahnarzt: Auch viele Kinder- oder Zahnärzte helfen beim Abgewöhnen. Für jeden Nuggi gibt es dann eine kleine Belohnung.
  • Ins Schatzkästchen: Es muss nicht immer von heute auf morgen sein: Je älter Kinder werden, desto mehr können sie abwägen, ob sie den Nuggi wirklich brauchen. So könnte er tagsüber beispielsweise in einem Schatzkästchen Platz finden.

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In der Rubrik «Kolumne» schreiben Redaktorinnen und Redaktoren, freie Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von «Bluewin» regelmässig über Themen, die sie bewegen. Leserinnen und Leser, die Inputs haben oder Themenvorschläge einreichen möchten, schreiben bitte eine E-Mail an: redaktion2@swisscom.com

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