Missbrauchsvorwürfe

Darf ich die Musik von Marilyn Manson noch hören?

Von Hanspeter «Düsi» Künzler

12.2.2021

Mehrere Frauen, darunter die Schauspielerin Evan Rachel Wood, erheben Missbrauchsvorwürfe gegen den Rockmusiker Marilyn Manson. Das Bild zeigt den Rockmusiker bei seinem Auftritt 2012 in der Basler St. Jakobshalle.
Mehrere Frauen, darunter die Schauspielerin Evan Rachel Wood, erheben Missbrauchsvorwürfe gegen den Rockmusiker Marilyn Manson. Das Bild zeigt den Rockmusiker bei seinem Auftritt 2012 in der Basler St. Jakobshalle.
Bild: Keystone

Nach den Enthüllungen der Schauspielerin Evan Rachel Wood über das gewalttätige Verhalten von Marilyn Manson verlangen diverse Stellen einen Boykott seiner Musik. Dazu ein paar Gedanken. Ein Essay.

In der langen Liste von Künstler*innen, die ich interviewt habe, gibt es einige, deren Musik ich nicht mehr hören kann – und, in einem sehr prominenten Fall, deren Filme nicht mehr sehen.

Aber das hat nichts mit dem zum Teil tatsächlich strafbaren Taten zu tun, die sie später begangen haben mochten. Es war einzig und allein die Folge von ihrem Verhalten während unseres Treffens.

Bei praktisch allen Beispielen war es eine unsägliche Arroganz, die mich gegen sie eingestellt hat. Eine sehr persönliche Reaktion also, die allenfalls andere Journalistinnen und Journalisten nachvollziehen können oder Fans, die sich von ihrem Idol irgendwie verraten fühlen.

Marilyn Manson steht nicht auf dieser Liste.

Zum Autor: Hanspeter «Düsi» Künzler
Bild: zVg

Der Zürcher Journalist Hanspeter «Düsi» Künzler lebt seit bald 40 Jahren in London. Er ist Musik-, Kunst- und Fussball-Spezialist und schreibt für verschiedene Schweizer Publikationen wie die NZZ. Regelmässig ist er zudem Gast in der SRF3-Sendung «Sounds».

Im Gegenteil, ich habe ihn in bester Erinnerung als einer der interessantesten Gesprächspartner, die mir je begegnet sind. Der Mann strahlte eine magnetische Wirkung aus, vermochte seine philosophischen und sozialkritischen Überlegungen mit beneidenswerter Klarheit darzustellen und war der Inbegriff der Höflichkeit.

Beeindruckende Machtdemonstration

Einige Zeit später – wir befinden uns immer noch in den mittleren Nullerjahren – zeigte er ein wesentlich düstereres, genauso faszinierendes Gesicht. Derweil ich bei den früheren beiden Gelegenheiten allein mit ihm zusammen gewesen war, befand ich mich nun in einer Gruppe von acht aus ganz Europa nach London geflogenen Medienvertreter*innen, die an einem sonnigen Nachmittag im Hotel am Hyde Park in ein zappendusteres Zimmer gesperrt wurden, um längere Zeit auf ihn zu warten.

Als Manson endlich erschien, breitete er sich mit einem lauten Grunzen der Länge nach auf dem Sofa aus, warf einen Blick in die Runde und bat mich dann (mich, weil ich wohl das einzige ihm halbwegs bekannte Gesicht war), ihm die erste Frage zu stellen.

Diese beantwortete er in der Folge eingehend – so eingehend, dass in der nächsten halben Stunde niemand sonst zu Wort kam und er mehr oder weniger alles losgeworden war, was er zum neuen Album und seinem Privatleben zu sagen gewillt war.

Wenn man die Situation aus einer positiven Perspektive sehen möchte, kann man sie als eine beeindruckende Machtdemonstration lesen: In einem erdrückend harten Manipulationsgeschäft – dem Musikbusiness – war er bis aufs Äusserste gewillt, seine Unabhängigkeit und Unmanipulierbarkeit zu behaupten.

Man könnte es auch negativ sehen: Ein manipulatives Arschloch, das sich nicht zu schade ist, ein Heer Journalist*innen durch halb Europa fliegen zu lassen, bloss um sich an ihrem Anblick aufzugeilen, wie sie im dunklen Zimmer hocken und erkennen müssen, dass ihre tagelangen Recherchen und säuberlich notierten Fragen für die Katz sind.

Selbstkreiertes, absynthschlürfendes Monster

Mansons Beziehung zu Schauspielerin Evan Rachel Wood war schon damals Gegenstand von Spekulationen, ohne dass indes irgendwie der Verdacht geäussert wurde, Wood könnte von Manson missbraucht werden. Ja, sie, Wood, kaum zwanzig, er fast doppelt so alt. Ja, sie wirkte unverbrämt jugendlich, er war ein selbst kreiertes, Absynth schlürfendes Monster.

Aber wir – ich! – waren alle überzeugt, dass es sich bei ihren öffentlichen Auftritten, Videos inbegriffen, um wohldurchdachte Inszenierungen handelte, welche zum Hinterfragen von Stereotypen und Status quo anregen sollten.

Marilyn Manson habe sie «jahrelang schrecklich missbraucht» und durch Manipulation gefügig gemacht, sagt seine ehemalige Freundin, die Schauspielerin Evan Rachel Wood.
Marilyn Manson habe sie «jahrelang schrecklich missbraucht» und durch Manipulation gefügig gemacht, sagt seine ehemalige Freundin, die Schauspielerin Evan Rachel Wood.
Bild: Getty Images

Aufgrund der Äusserungen Woods' und mehrerer anderer Frauen müssen wir nun in Betracht ziehen, dass Manson ein gewalttätiger Manipulator war, der seine Position als Star auf übelste Weise ausnützte, um seine verqueren Gelüste ausleben zu können (er selber hat dazu via sozialer Medien erklärt, er habe nie gegen die Zustimmung seiner Partnerinnen gehandelt).

Auf Woods' Aussagen hin wurde Manson von seiner Plattenfirma sogleich fallengelassen, seine Auftritte in mehreren amerikanischen TV-Shows werden herausgeschnitten, diverse Radio- und TV-Stationen spielen seine Musik nicht mehr.

Durch das Prisma dieser Anschuldigungen sehe auch ich Manson mit anderen Augen. Ich bin enttäuscht, dass diese Anschuldigungen überhaupt möglich geworden sind. Offensichtlich war die Macht in den betroffenen Beziehungen sehr ungleich verteilt – etwas, was Manson nicht erkannt zu haben scheint oder wahrhaben will.

Meine Begegnungen mit Marilyn Manson

Andererseits verstehe ich aus eigener Erfahrung, wie leicht es ist, von diesem Mann in den Bann gezogen zu werden. Seine Selbstdarstellung als eine Protestperformance gegen den Perfektions- und Uniformitätswahn der Konsumwelt ist ein Lichtblick in einem Showbusiness, dessen Stars sich gewöhnlich nur in risikofreien, belanglosen Gemeinplätzen ergehen.

Meine Begegnungen mit Manson, auch meine Auseinandersetzung mit seiner Musik und seinen Meinungen, haben mir Denkanstösse gegeben, die ich nicht hätten missen mögen. Und auch wenn es sich jetzt herausstellt, dass im Kopf von Manson irgendeinmal der Unterschied zwischen Fantasie, Metapher und Handlung verwischt wurde, möchte ich sie noch immer nicht missen.

Aufgrund der Äusserungen Evan Rachel Woods und mehrerer anderer Frauen muss man in Betracht ziehen, dass Marilyn Manson ein gewalttätiger Manipulator war, der seine Position als Star auf übelste Weise ausnützte.
Aufgrund der Äusserungen Evan Rachel Woods und mehrerer anderer Frauen muss man in Betracht ziehen, dass Marilyn Manson ein gewalttätiger Manipulator war, der seine Position als Star auf übelste Weise ausnützte.
Bild: Keystone

Darum steht Marilyn Manson auch weiterhin nicht auf der Liste von Interviewpartner*innen, deren Werke ich boykottiere oder nicht mehr zu schätzen weiss.

Es gibt allerdings weiterhin eine lange Reihe von Songs, die mich richtig erschauern lassen, wenn ich sie höre. Dabei meine ich nicht nur sexistische Rap-Stücke und homophobe Reggae-Songs (ich bin ja gespannt, wie diese in 20 Jahren betrachtet werden!).

Ich meine insbesondere auch diverse Lieder aus den Sixties. Am schlimmsten ist ein Stück, das im Sommer 1968 zwölf Wochen lang die Schweizer Hitparade heimsuchte und es bis auf Platz zwei brachte: «Young Girl» von der amerikanischen Truppe The Union Gap feat. Gary Puckett.

Es ist die Liebesode von einem Mann an ein allzu junges Mädchen, verbunden mit der ganz klar gegenteilig zu verstehenden Aufforderung, schleunigst zu verschwinden, ansonsten er seine Gefühle nicht mehr zurückhalten könne. Die totale Absenz von Ironie, gekoppelt mit dem euphorischen Pathos im Refrain, lässt mich erbleichen. Ich hätte wirklich nichts dagegen, wenn «Young Girl» aus allen Playlists dieser Welt verbannt würde.

«We Are Chaos» – der Titeltrack zum aktuellen Album von Marilyn Manson.

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