Stille Töpfer und Schöpfer – hier ist der Boccalino noch handbemalt

27.12.2018 - 11:15, Nicolai Morawitz

Er töpfert, sie malt. Raffaela und Gianluigi Costa sind ein Paar, das sich gut ergänzt.
Bluewin/mn

Er gehört zum Tessin wie Polenta, Pasta und Merlot: Der Boccalino. In Gandria am Ufer des Luganer Sees wird der Weinkrug neben vielen anderen Gefässen noch per Hand bemalt. «Bluewin» hat das Töpferpaar im Atelier besucht.

Es sei immer wieder ein kleines Wunder, sagt Raffaela Costa. Wenn sie einen Teller oder Krug handbemalt, dann sind die Farben nur als ein blasser Schleier zu erkennen. Doch dann schiebt sie die Töpfereien in den 1200 Grad heissen Ofen. Nach dem Hitzebad sind sie wie verwandelt. 

Ein intensives Blau, Gelb, Braun und Beige strahlt den Betrachter an. Für Raffaela ist das einer der schönsten Momente ihres Handwerks. Es entlohnt für die stundenlange Geduldsarbeit mit dem Pinsel. Zusammen mit ihrem Mann Gianluigi erschafft und bemalt sie schon seit Beginn der 1980er Jahre Keramikfiguren. 



Ausgebildet wurden die beiden in den Töpferklassen bekannter Kunstschulen im italienischen Ligurien. Die Leidenschaft für ihr Handwerk sei trotz aller Widrigkeiten immer noch sehr stark, sagt Raffaela Costa. «Es gibt immer wieder neues zu entdecken und die Arbeit wiederholt sich nie». Das sei ein Privileg.

Gianluigi Costa glaubt an die jahrtausendealte Tradition des Töpferns: «Der Ton wird niemals untergehen».
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Kreation für den Papst

Im Tessiner Gandria, unweit der Grenze zu Italien, haben die beiden ihr Atelier – im Erdgeschoss ist der Verkaufsraum, oben arbeiten sie an der aktuellen Kollektion. In den letzten 30 Jahren haben sie die Boomphase des Tourismus in dem Dorf mit den engen Gassen erlebt. Und bekommen nun den schleichenden Niedergang zu spüren. Heute können sie vor allem durch viele Spezialanfertigungen und treue Stammkunden überleben.

So überlegen sie sich für bestehende Formen laufend neue Muster oder entwerfen Dekorationen für die jeweilige Saison. «Auch einen Kelch für den Papst haben wir schon gestalten dürfen», sagt Costa und ist sichtlich stolz. Der Kontakt sei über ein Tessiner Mitglied der Schweizer Garde im Vatikan hergestellt worden.

Göttlicher Beistand nötig?

Raffaela und Gianluigi Costa haben sich in ihrer Nische gut eingerichtet – doch die technische Entwicklung schreitet rasant voran und birgt auch Gefahren für das Geschäft der beiden. «Ein 3D-Drucker kann heute schon über Nacht sehr präzise und computergesteuert Ton zu einem Objekt formen», sagt Raffaela Costa. Die Arbeit des Menschen sei also nicht mehr unentbehrlich. Was dabei verloren ginge, sei die «Kreativität der Menschheit». Jedes ihrer Werke sei ein Einzelstück, so die Malerin. Die Wildpflanzen und Tessiner Kastanienselven zeichnet sie mit so viel Liebe zum Detail – da haben es vorerst auch die modernsten 3D-Drucker schwer.

Jedes Objekt ein Unikat – ein handbemalter Tonkrug aus dem Hause Costa.
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Serie – «Die Letzten ihrer Art»

Die Schweiz ist ein Land des Handwerks – doch wird das immer so bleiben? In der Serie «Die Letzten ihrer Art» kommen Menschen zu Wort, die in aussterbenden Berufen arbeiten. «Bluewin» ist dafür von Bern nach Appenzell und vom Münstertal ins Tessin gereist und hat Werkstätten, Magazine und Ateliers besucht.

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