Mich Gerber: Der Meister mit Bass und Boot

Nicolai Morawitz

21.12.2018 - 15:22

Spielt zur «blauen Stunde» Konzerte an der Aare: Mich Gerber.
Bluewin/mn

Nur noch wenige Fährschiffer transportieren Menschen über die Aare – Mich Gerber ist einer von ihnen. Was ihn von seinen Kollegen unterscheidet: Er spielt nebenbei Flusskonzerte. «Bluewin» hat den Berner besucht.

Mich Gerber: «Fährefahren und Musizieren ähneln sich»

Mich Gerber: «Fährefahren und Musizieren ähneln sich»

Der Berner Mich Gerber vereint zwei Welten: Tagsüber befördert er Menschen auf seinem Boot über die Aare, abends gibt er dann Flusskonzerte. «Bluewin» hat ihn besucht.

27.11.2018

Mich Gerber – der 61-Jährige ist einer von nur vier Teilzeit-Fährmännern an der Aare bei Bern. Die elegant vorgetragene klassische Musik und der harte Fährbetrieb – was für viele unvereinbar klingt, das ist für Gerber Alltag.

Schichtbeginn im Fährhaus an der Aare: Gerber schnallt sich den Ledergürtel um, an dem seine Fährkasse befestigt ist und nimmt einen letzten Schluck Tee – dann tritt er ins Freie.

Es ist ein Spätsommertag ohne Gluthitze, die Blätter verfärben sich bereits herbstlich. Gerber blickt auf den Fluss, dessen kühle Feuchte ebenso von der beginnenden Jahrszeit zeugt. Noch sind keine Passagiere in Sicht, und die Gedanken des Fährmanns kreisen um den Vorabend: An gleicher Stelle hat er ein Konzert gespielt, vor Hunderten Zuschauern. Gerber wirkt zufrieden – und man spürt: Hier erlebt jemand die beste Zeit des Jahres. 

Virtuose und Team-Spieler

«Zum Fährefahren bin ich erst gekommen, als ich bei meinen Konzerten am Fluss erfuhr, dass eine Stelle frei wird», erzählt Gerber. Ihm gefalle das «Archaische» am Fährefahren: Es sei wunderbar einfach und einleuchtend, die Kraft des Flusses für den Transport zu nutzen. Auf dem Papier bedeutet dies, dass der international bekannte Künstler zugleich ein Teilzeitangestellter der Gemeinde Muri ist.

Die Bodenackerfähre ist die einzige zwischen Thun und Bern. Sie transportiert pro Jahr über 30'000 Menschen über den Fluss. Gerber und seine Kollegen stehen bei Wind und Wetter auf dem Boot und steuern es an einem Seil und mit der Strömung ans gegenüberliegende Ufer.

An der Aare ist Mich Gerber daheim. Hier lebt, arbeitet und musiziert er.
Bluewin/mn

Vielstimmige Überfahrt

Wenn der Fährmann eine Pause macht, dann zieht es ihn in das nahe gelegene Fährihüsli, von dort aus kann er den Fluss beobachten. Als Musiker ist Gerber sensibilisiert für das Rauschen des Flusses und die einzelnen Strudel. Sie erscheinen ihm stets anders. 

Passend zu seinem Leben an der 'Küstenlinie' hat er sein jüngstes Album auch «Shoreline» getauft. Der gelernte Theatermaler hat es im Frühjahr dieses Jahres veröffentlicht. Über die komponierten Stücke sagt er, dass sie vom Übergang zwischen Wasser und Festland inspiriert seien.

Seine «L'heure bleue-Konzerte» haben zwar in Bern ihren Heimathafen gefunden, doch Gerber hat auch schon auf dem Bielersee gespielt und mit seiner Musik auch die Leute auf dem Genfersee und im Zürcher Seebad Enge in den Bann gezogen.


Die Schweiz ist ein Land des Handwerks – doch wird das immer so bleiben? In der Serie «Die Letzten ihrer Art» kommen Menschen zu Wort, die in aussterbenden Berufen arbeiten. «Bluewin» ist dafür von Bern nach Appenzell und vom Münstertal ins Tessin gereist und hat Werkstätten, Magazine und Ateliers besucht.

Die nächsten Beiträge finden Sie an folgenden Tagen: 

1.     Der Drehorgelbauer (22. Dezember)

2.     Die Zinngiesserin (24. Dezember)

3.     Der Schirmflicker (26. Dezember)

4.     Die Töpfer (2. Januar)

5.     Der Glockenriemenhersteller (5. Januar)


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