Ein Schweizer, ein grosses Ziel – mit Eselin Lucy durch Marokko wandern

Von Lucas Meyer

22.10.2020

Störrische Eselin? Davon kann Lucas Meyer ein Lied singen. Vor zwei Jahren hängte er seinen Marketingjob an den Nagel, reiste nach Marokko und bezwang mit Lucy die Berge des Hohen Atlas.

Er sei kein Aussteiger, sondern ein Einsteiger, sagt er. Lucas Meyer, 29, aus Zofingen arbeitete in der Marketingabteilung eines Zürcher Unternehmens. Die Karriereleiter – zum Greifen nah. Doch Meyer spürte eine Sehnsucht. Vor zwei Jahren schmiss er deshalb seinen Job hin und reiste nach Marokko.

Zuerst lebte er einige Zeit auf einer Farm, bevor er fünf Wochen lang mit Eselstute Lucy 600 Kilometer durch das Hohe-Atlas-Gebirge wanderte. Er erklomm den höchsten Berg Nordafrikas, feierte das grosse muslimische Schafsfest und begegnete unzähligen Menschen.

Meyers Buch «Mit dem Esel über den Berg» ist eine Geschichte über einen Neuanfang in einem fernen Land, einer Reise durch eine andere Welt fernab der Zivilisation und einer innigen Freundschaft zwischen Mensch und Tier.

«blue News» publiziert exklusiv den ersten Teil des Kapitels «Der Neustart» daraus. Es handelt sich hier um einen originalen Textauszug. Deshalb erfolgten keine Anpassungen gemäss «blue News»-Regeln.


Der Neustart

Früh am Morgen geht es los. Kaum wird es hell draußen, hole ich Lucy aus dem Stall und füttere sie. Auch Sibrahim ist schon wach. Er bringt mir Frühstück und reicht mir Lebensmittel für unterwegs. Danach hilft er mir, Lucy zu beladen, und gibt mir noch einige Tipps, wie ich Lucy zu behandeln habe.

«Wenn du Probleme hast, kannst du dich jederzeit bei mir melden», lässt Sibrahim mich wissen. Er wird mich die nächsten Tage mindestens zweimal pro Tag anrufen, um sich nach unserem Wohlergehen zu erkundigen.

Als die Dorfbewohner langsam aus ihren Häusern kommen, um sich in ihren Gärten an die Arbeit zu machen, haben wir bereits das Dorf hinter uns gelassen. Wir wandern eine steile Piste entlang in ein kleines Seitental. Wieder sind Lucy und ich ganz alleine und begegnen unterwegs keiner Menschenseele. Es ist wieder da, das wunderbare Gefühl der Freiheit. Ich bin nicht mehr an mein Bett gefesselt und kann wieder machen, was ich will. Und obwohl ich jetzt wieder alleine mit Lucy unterwegs bin, fühle ich mich nicht mehr einsam.

Der Weg führt uns in ein Dorf. Bei einem Mann, der mir zufällig über den Weg läuft, erkundige ich mich nach dem Wanderweg, um über den Pass zu kommen. Er begleitet mich ein Stück und führt mich auf die andere Seite des Dorfes. Der Pfad ist sehr steil und Lucy kommt nur mit viel Mühe den Berg hoch. Die Sonne erhebt sich hinter den Bergen und bringt uns schon früh ins Schwitzen. Der Mann geht voraus und ich folge den beiden. So geht das Wandern am besten voran. Lucy wird so der Weg gezeigt und zusätzlich von mir hinten angetrieben.

Am Ende des Dorfes steht ein großes Schild, das die Grenze zum Toubkal Nationalpark markiert. Der nette Mann verabschiedet sich von uns und sagt mir, ich solle von nun an einfach nur dem Pfad folgen.

Wir ziehen los. Von nun an wird der Weg wieder schmal und steinig sein. Im Gegensatz zu den übrigen Wanderwegen ist dieser jedoch gut sichtbar und markiert. Meine Befürchtungen, mich zu verlaufen, den Weg aus den Augen zu verlieren und mich zusammen mit Lucy in steinigem Niemandsland wiederzufinden, sind unbegründet. Ich bin beruhigt.

Ich lasse Lucy voraus und gehe mit etwas Abstand hinter ihr her. Da es nur einen Weg gibt und dieser klar ersichtlich ist, denke ich, dass Lucy keine Mühe haben wird, um auf dem Pfad zu bleiben. Das funktioniert auch vorerst recht gut, jedoch vergisst meine Eselstute manchmal, dass ihre Körbe breiter sind als ihr Körper und geht daher immer zu nahe um die Kurven und an den Felsen vorbei. Und es passiert, was passieren musste: Lucy schlägt mit ihrem Seitenkorb an einem Felsen an und kommt ins Schwanken. Sie verliert das Gleichgewicht und fällt hin. Es ist nicht das erste Mal, dass sie hinfällt, jedoch steht sie normalerweise sehr rasch wieder auf. Ich versuche ihr dabei zu helfen, doch sie bleibt liegen.

Das Gepäck ist ihr dieses Mal zu schwer, um aus eigener Kraft wieder aufzustehen. Ich nehme es ihr ab, ebenso den Sattel und den Korb, und versuche, sie nochmals dazu zu bringen, auf die Beine zu kommen. Lucy macht allerdings keine Bewegung und bleibt weiterhin liegen.

Jetzt mache ich mir langsam Sorgen. Ich taste ihren Körper ab und schaue, ob ich irgendwo eine Verletzung feststellen kann. Zum Glück finde ich aber nichts. Ich lasse sie einen Moment liegen und setze mich zu ihr. Vielleicht braucht sie ja nur eine kurze Pause, so hoffe ich zumindest.

Cover des Buchs «Mit dem Esel über den Berg» von Lucas Meyer.
Bild: zVg

Einige Minuten vergehen, in denen ich ihr beruhigend mit der Hand über ihren Kopf streichle. Was mache ich denn, wenn sie nicht mehr aufsteht? Ich habe keine Lösung parat. Schon allein der Gedanke daran lässt mich erschaudern. Ein weiteres Mal helfe ich ihr aufzustehen. Plötzlich macht sie einen Satz und springt wieder auf. Meine Erleichterung kennt keine Grenzen. Ich lasse sie einige Schritte gehen und schaue, ob ich nun doch eine Verletzung feststellen kann. Lucy geht aber ganz normal, so als wäre nichts passiert. Ich belade sie wieder und die Reise geht weiter. Alles in Ordnung, nichts passiert. Zum Glück!

Der Weg bleibt äußerst steil. Lucy und auch ich haben Müh voranzukommen. Die brennende Mittagssonne und die dünne Höhenluft machen unsere Wanderung nicht einfacher. Beim Anstieg spüre ich, dass ich nach meiner Krankheit doch noch nicht im Vollbesitz meiner Kräfte bin.

Lucy bleibt mehrere Male stehen und ich muss sie immer mehr antreiben. Der Weg wird zudem unübersichtlicher und ich habe Mühe, sie nahe bei mir zu halten, um ihr den Weg zu zeigen. «Irra, irra», schreie ich und schlage ihr dabei mit einem Holzzweig auf den Hintern, was mir jedes Mal selbst ein bisschen weh tut. Ich fühle mich nicht gut dabei. Aber in dieser Situation finde ich keine andere Lösung, wie wir sonst vorwärts kommen und den Berg bezwingen sollen. Ich bin etwas überfordert.

Alle paar Minuten legen wir eine Pause ein, denn Lucy ist zu erschöpft. Wir haben noch einige Höhenmeter zu bewältigen, doch ich kann mir noch nicht vorstellen, wie wir das schaffen sollen. Langsam, aber Meter für Meter kommen wir immer weiter den Berg hoch. Lucy ist heute stark beladen, wir haben Futter für mehrere Tage dabei und auch die Wasserflaschen sind aufgefüllt. Ich beschließe, den Sack Stroh und einen Teil der Gerste am Wegrand liegen zu lassen. Ebenso schütte ich einen Teil des Wassers weg. Zusätzlich packe ich einiges in meinen kleinen Rucksack. So wird Lucy weniger tragen müssen, und das nächste vorbeikommende Maultier wird Freude an dem ganzen Futter haben, das ich am Wegrand deponiert habe.

Um etliche Kilos leichter wandern wir im Zickzack den Pfad hoch zum Pass. Für Lucy wird jeder Schritt zur Qual. Und auch ich spüre, dass ich immer mehr an meine Grenzen komme. Ich schlage ihr weiterhin mit dem Zweig auf den Hintern, um sie anzutreiben. Doch ist das wirklich der Sinn der Sache? Ich wollte Lucy mit Vertrauen und Feingefühl behandeln, und jetzt bin ich ebenfalls in ein Verhalten der Macht übergetreten. Der marokkanischen Gesellschaft wollte ich zeigen, dass man auch ohne Gewalt mit seinem Esel ans Ziel kommen kann. An diesem Punkt bin ich heute gescheitert.

Nach endlosen Stunden kommen wir am Nachmittag auf der Passhöhe an. Doch anstatt mich zu freuen, fühle ich mich niedergeschlagen. Was gibt mir das Recht, Lucy so den Berg hoch zu treiben? Ich muss nicht auf diesen Berg, ich bin freiwillig auf dieser Reise. Diese ganze Wanderung ist schlussendlich nur aus meinem persönlichen Willen entstanden und dient dazu, meine Abenteuerlust zu stillen. Wenn es nach Lucy ginge, hätten wir auch umkehren und den Berg hinunter gehen können. In ein paar Tagen wären wir zurück in Marrakesch auf dem Hof und alles wäre vorbei. Es ist nur mein egoistischer Wille weiterzugehen, der uns immer weiter in die Berge treibt.

Ich setze mich hinter den großen Felsen, den Sibrahim mir empfohlen hat, um eine Pause zu machen, und lasse Lucy auf der Wiese nebenan grasen. Wir legen eine längere Rast ein, damit wir uns beide von den Strapazen erholen können. Erst jetzt nehme ich die Aussicht von hier oben wahr. Sie ist phänomenal...

Fortsetzung im Buch «Mit dem Esel über den Berg».


Bibliografie: «Mit dem Esel über den Berg», Lucas Meyer, Cameo, 200 Seiten, ca. 22.90 Fr.

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