Klaus Heer: «Eine Brutstätte intimer Gewalt, nicht nur bei den Windsors»

Von Bruno Bötschi

14.3.2021

Meghan und Harry haben es der Welt und vor allem ihrer eigenen Familie mal so richtig gezeigt. Aber wozu das alles? Und können die beiden je wieder zurück in den Palast? Ein Beziehungsexperte klärt auf, soweit das überhaupt geht.

Von Bruno Bötschi

14.3.2021

Klaus Heer, das TV-Interview mit Meghan und Harry bei Oprah Winfrey ist seit Tagen in aller Munde. Haben Sie das Gespräch und die Berichterstattung dazu etwas mitverfolgt?

Ja, ich bin über den Hype gestolpert.

Haben Sie das Interview gesehen?

Die erste Viertelstunde, dann läutete das Telefon und ich habe das Ganze vergessen. Nach Ihrer Anfrage gestern Abend habe ich dann jedoch das Interview in voller Länge angesehen.

Was war Ihr erster Gedanke, als Sie hörten, dass Meghan und Harry öffentlich über die Probleme mit der royalen Familie reden wollen?

Ich dachte an Harrys Mutter und ihr BBC-Interview vor gut einem Vierteljahrhundert. Diana Spencer, in ihrem engen schwarzen Kleid und den grossen traurigen Augen, tat mir damals leid, wirklich. Wie Millionen anderen Zeitgenossen.

Kurz vor der Hochzeit von Meghan und Harry sagten Sie in einem Interview: ‹Wenn sie sich lieben, brauchen sie keinen Tipp. Wenn nicht, ist auch der beste Tipp wahrscheinlich für die Katz.›

Zur Person: Klaus Heer
Bild: Rahel Krabichler/krabichler.ch

Klaus Heer, 77, bildete sich nach seinem Psychologiestudium in Hamburg und Bern in Psycho- und Paartherapie weiter. In den 47 Jahren, in denen er mit Paaren arbeitet, hat er sich den Ruf einer Kapazität in Fragen Liebe, Partnerschaft und Sexualität erworben. Er schrieb Sachbücher wie die Bestseller «Ehe, Sex & Liebesmüh’» und «Paarlauf. Wie einsam ist die Zweisamkeit?». Heer lebt und arbeitet in Bern.

So blöd ist der Gedanke gar nicht! Könnte von mir sein (lacht).

‹Ein Mangel an Unterstützung und Verständnis›: So fasst Prinz Harry in dem Gespräch die Gründe für den Rückzug aus der royalen Familie zusammen. Meghan sagt: ‹Die Queen hat mich immer unterstützt.› Die Ausgangslage scheint ziemlich verworren zu sein.

Wenn ich so eine oberfeudale Grossmutter, beziehungsweise Grossschwiegermutter hätte, würde ich ihr auch kein Haar krümmen wollen. Mein persönliches Fazit: Die Familie scheint vielerorts eine Brutstätte intimer Gewalt zu sein. Psychisch. Physisch. Nicht nur bei den Windsors.

So grundsätzlich: Wie kommt es dazu, dass erwachsene Kinder den Kontakt zu ihren Eltern abbrechen wollen?

Die Versöhnung der erwachsenen Kinder mit ihren Eltern ist häufig ein dorniges Projekt. Eine handfeste Lebensaufgabe ist das!

Warum dornig?

Unsere Hardware besteht zu 100 Prozent aus unseren beiden Eltern. Für viele Leute peinlich.

Warum peinlich?

Der werden, der ich bin ­– manche schaffen das ein Leben lang nicht. Zu abstossend ist manchmal der Satz: ‹Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm.›

LONDON, UNITED KINGDOM - JULY 10: (EMBARGOED FOR PUBLICATION IN UK NEWSPAPERS UNTIL 24 HOURS AFTER CREATE DATE AND TIME) Queen Elizabeth II, Meghan, Duchess of Sussex and Prince Harry, Duke of Sussex watch a flypast to mark the centenary of the Royal Air Force from the balcony of Buckingham Palace on July 10, 2018 in London, England. The 100th birthday of the RAF, which was founded on on 1 April 1918, was marked with a centenary parade with the presentation of a new Queen's Colour and flypast of 100 aircraft over Buckingham Palace. (Photo by Max Mumby/Indigo/Getty Images)
«Wenn ich so eine oberfeudale Grossmutter, beziehungsweise Grossschwiegermutter hätte, würde ich ihr auch kein Haar krümmen wollen»: Klaus Heer.
Bild: Getty Images

Die sogenannte frühkindliche Deprivation ist immer wieder ein Thema, wenn es um Familienstreit geht.

Sie drücken sich gepflegt aus, Herr Bötschi. Auf Gutdeutsch heisst das: Man liebt das Gefühl, zu kurz gekommen zu sein. Doch gescheiter wäre wohl, sich allmählich auf die eigenen Beine zu stellen, aufrecht.

Im Fall von Harry scheint der umgekehrte Fall eingetreten zu sein: Prinz Charles, sein Vater, geht nicht mehr ans Telefon.

Schlimm, gell! Aber Papa war bestimmt grad am Chillen. Mit seiner Camilla.

Was soll man als Kind in so einem Fall tun?

Es mit SMS versuchen. Ein paar Mal.

Die Windsors sind ja nicht irgendeine Familie, sondern wohl die berühmteste der Welt.

Ja, und?

Die royale Familie hat offenbar nichts gelernt aus dem Präzedenzfall Diana?

Nein. Erstaunt Sie das?

Warum denken Sie, sind Meghan und Harry mit ihren Vorwürfen jetzt an die Öffentlichkeit gegangen, obwohl der Prinz seit dem Unfalltod seiner Mutter den Medien durchaus kritisch gegenübersteht?

Publizität gehört doch zum imperialen Geschäftsmodell der Firma Windsor.

Harry sagt, er möchte nicht, dass Meghan und sein Sohn Archie das erleben, was er als Kind durchgemacht hat.

‹Mein Kind soll es mal besser haben als ich.› Ein beliebter Gemeinplatz aus dem Poesiealbum selbstloser Eltern, auch solcher, die das werden wollen. Warum eigentlich?

(L-R) Britain's Prince William, Duke of Cambridge holding Prince Louis, Prince George, Princess Charlotte, Britain's Catherine, Duchess of Cambridge, Britain's Camilla, Duchess of Cornwall, Vice Admiral Timothy Laurence, Britain's Prince Charles, Prince of Wales, Britain's Princess Beatrice of York, Britain's Princess Anne, Princess Royal,, Britain's Queen Elizabeth II, Britain's Princess Eugenie of York, Britain's Lady Louise Windsor, Britain's Prince Andrew, Duke of York,, Britain's Prince Harry, Duke of Sussex,, Britain's Meghan, Duchess of Sussex, James, Viscount Severn and Isla Phillips stand with other members of the Royal Family on the balcony of Buckingham Palace to watch a fly-past of aircraft by the Royal Air Force, in London on June 8, 2019. - The ceremony of Trooping the Colour is believed to have first been performed during the reign of King Charles II. Since 1748, the Trooping of the Colour has marked the official birthday of the British Sovereign. Over 1400 parading soldiers, almost 300 horses and 400 musicians take part in the event. (Photo by Daniel LEAL-OLIVAS / AFP)        (Photo credit should read DANIEL LEAL-OLIVAS/AFP via Getty Images)
«Weil man die Familie fix an der Backe hat, für immer. Genau genommen kann man sich nicht von ihr lösen»: Klaus Heer.
Bild: AFP via Getty Images

Es heisst doch immer: Familie hat man, Freunde sucht man sich aus. Warum ist es trotzdem so schwer, sich von der eigenen Familie zu lösen?

Eben, weil man die Familie fix an der Backe hat, für immer. Genau genommen kann man sich nicht von ihr lösen. Der kleine Ast kann sich nicht abmelden vom nächstgrösseren, an dem er angewachsen ist.

Wie verletzt wären Sie als Vater, wenn Ihnen Ihre Tochter und Ihr Schwiegersohn derartige Vorwürfe öffentlich um die Ohren hauen würden?

Hmm … Wäre schon derb. Hätte ich null Bock drauf. Zum Glück wäre kein Medium scharf auf meinen familiären Allerweltsscheiss.

Was denken Sie: Bedeutet dieses Interview den endgültigen Bruch?

Woher soll ich das wissen, bitte? Aber mein Bauch brummt: Wohl eher nicht in den nächsten Jahren. Denn – so heisst der ranzige Spruch: ‹Blut ist allemal dicker als Wasser.› Oder so ähnlich.