«Erzähl mir dein Lied vom Tod»

#Von Andrea Keller

13.5.2021

«Seit ich vor sechs Jahren den Krebs überwunden habe, stelle ich mir vermehrt die Frage, wie und wofür ich meine Zeit investiere»: Livia Vonaesch, Dokumentarfilmerin.
Bild:  Claudia Herzog

Was bleibt von dir, wenn du stirbst? Livia Vonaesch erforscht, wie wir uns in Beziehungen über den Tod austauschen. Ein Tag im Leben der Dokumentarfilmerin, die sich bereits im Alter von 28 mit ihrer eigenen Sterblichkeit konfrontiert sah.

#Von Andrea Keller

13.5.2021

«Kein Blitzstart. Keine Hektik. Meine Tage beginnen sehr früh und in aller Ruhe. Im Moment kümmere ich mich als Erstes um meine Setzlinge, beobachte, stelle sie ins Licht und wässere sie – das braucht Zeit, da es über 350 sind. Danach bewege ich den Körper, tanze. Oder ich gehe raus, gehe laufen. Erst jetzt gibt es Frühstück. Seit ich keinen Dickdarm mehr habe, brauche ich etwas, das mir Wärme gibt und Boden. Kaffee und Schokoladen-Tee sind auch wichtig, klar. Und Zeit! Ich mag diese Randstunden, die Übergänge zwischen Tag und Nacht, Nacht und Tag.

Welche Arbeit mich nach dem Frühstück erwartet, hängt vom Tag und Auftrag ab: Stecke ich mitten in einem Projekt? Gehe ich auf Dreh? Gebe ich einen Kurs? Oder arbeite ich am Schnitt von Aufnahmen?

Seit ich vor sechs Jahren den Krebs überwunden habe, stelle ich mir vermehrt die Frage, wie und wofür ich meine Zeit investiere. Ist das, was ich tue, für mich und die Welt wirklich wichtig?

Übergang zwischen Tag und Nacht

Mich interessieren die verschiedensten Themen. Ein Beispiel: Seit vier Jahren dokumentiere ich etappenweise eine Familie mit sechs Kindern auf ihrem Zuhause – einem Segelschiff. Mit ihrer weltweiten Expedition engagieren sie sich mit Aufklärung und Aktionen für Massnahmen gegen die globale Klimakrise. Mit der Kamera erforsche ich immer wieder Menschen und Beziehungen. Solche Projekte fordern viel von mir; die Segel-Passage von den Azoren nach Island beispielsweise war körperlich sehr intensiv, der Übergang zwischen Tag und Nacht irgendwann nicht mehr spür- und sichtbar. Dafür lernte ich einiges über meine eigenen Grenzen.

«Hallo, Tod!»

Vom 25. bis zum 30. Mai 2021 findet «Hallo, Tod!» statt, das schweizweit erste Festival zum Tod. Livia Vonaesch ist mit einem Gespräch zum Filmprojekt «Erzähl mir dein Lied vom Tod» sowie der Performance «*sterbe wohl» im Rahmen der Eröffnung vertreten.

Dank meinem Beruf kann ich wesentlichen Fragen nachgehen. Ich kann Geschichten erzählen und erfahre immer wieder, dass auf Drehs überraschende und völlig unerwartete Situationen alltäglich sind. Ausserdem interessiert mich der Umgang mit den Perspektiven.

Es ist faszinierend: Wenn ich die Kamera nur wenige Meter nach links oder rechts bewege, erfasse ich eine ganz andere Situation, andere Momente, eine andere Geschichte. Die begrenzte Form des Mediums fordert mich natürlich auch heraus, und das ist grundsätzlich gut so.

Als ich mich aber entschieden habe, ein Projekt zum Thema Tod zu realisieren, war für mich schnell klar, dass das Vorhaben über den Film ausflirrt. Ich habe nun für die Aufnahmen einerseits eine spezielle Form gefunden, habe einen ‹intimen Raum› kreiert, also ein besonderes Setting geschaffen:

«Seit vier Jahren dokumentiere ich etappenweise eine Familie mit sechs Kindern auf ihrem Zuhause – einem Segelschiff»: Livia Vonaesch.

Bei ‹Erzähl mir dein Lied vom Tod› gehen Menschen, die sich nahestehen, mit einem von mir kreierten Kartenset zum Umgang mit dem eigenen Tod in einen persönlichen Austausch. Auf diesen Karten steht beispielsweise: Was denkst du bleibt von dir, wenn du stirbst? Wie stark bist du dir bewusst, dass du sterben wirst? Würdest du deinen Abschied gern selber planen? Du kannst dir etwas wünschen. Was wäre es in Bezug auf deinen Tod?

Ausserdem habe ich mit Mike Krishnatreya und Katrin Sperry eine Performance entwickelt, zusammen mit professionellen Tänzer*innen und Performer*innen: *sterbe wohl. Unser erster Auftritt wird nun am 25. Mai bei der Eröffnung des Festivals «Hallo, Tod!» sein. Auch Ausschnitte des Films werden beim Festival gezeigt. Und das Kartenset mit den Fragen kann dann nach Hause bestellt werden.

Konfrontation mit dem Tod

Apropos Konfrontation mit dem Tod: Als ich im Alter von 28 die Krebsdiagnose erhielt, lebte ich in New York. Ich erinnere mich genau, wie ich wieder rauskam aus dem Spital. Draussen der Union Square, dieses laute Treiben, der schnelle Rhythmus, dieses Leben, das ich doch auch gelebt hab, mittendrin, als Teil vom Ganzen. Und plötzlich gehörte ich nicht mehr zu alledem. Auf einen Schlag war alles nach innen gerichtet. Darauf ist man nicht vorbereitet.

Ein einziger Moment, ein Satz, der dem Arzt über die Lippen kommt, kann alles verändern. Zack! Nichts mehr wie vorher. Schön war, dass es sich von Anfang an wie ein Weg angefühlt hat, nicht wie ein Ende. Also machte ich einen Schritt nach dem anderen. Und, ja, der Weg führte mich zurück in die Schweiz.

Was mir im Umgang mit der Krankheit sehr geholfen hat, ist die Forscherin in mir, die gelesen hat, recherchiert, den Körper studiert, das Medizinsystem, unseren Umgang mit Krankheit, dem Tod. Ich war neugierig und offen für alles, was diese Krankheit in sich barg, auch für das Schwierige. Ich habe die grosse Hilfe von meiner Familie und Freunden angenommen. Und ich hatte keine Angst, darüber zu reden, durfte erfahren, wie wertvoll es sein kann, mit nahestehenden Menschen über unsere Endlichkeit zu reden. Sie ins Leben zu integrieren.

So ein Austausch kann ungemein verbindend sein. Diese Erkenntnis hat dann auch den Anstoss gegeben für ‹Erzähl mir dein Lied vom Tod›. Und wenn ich da dran sitze, am Schnitt der Gespräche, vergehen schnell ein paar Stunden. Was ich nie vergesse, ist das Mittagessen. Da koche ich was, ohne Rezept und am liebsten mit vielen Gewürzen.

Wie mein Lied vom Tod klingt?

Ich bin ein Mensch, der sehr gern beobachtet. Was mir auffallen würde, wenn ich mir selbst einen Tag lang zuschauen könnte? Dass mich sehr viel begeistert. Dass es mir Freude bereitet, Menschen zusammenzubringen. Dass ich neben der Begegnung auch immer wieder Bewegung suche, auch wenn ich zu Hause arbeite. Deshalb hat es da viel freien Platz im Zimmer, neben dem Schreibtisch, meiner Kamera, dem Sofa, dem alten Sekretär meiner Grossmutter, den Pflanzen. In der Bewegung kommen mir gute, neue Ideen, da kann man ganz anders denken. Nicht statisch, sondern fliessend. Und, ja, ich halte es schlecht aus, wenn etwas stagniert, nicht vom Fleck kommt!

«Ich halte es schlecht aus, wenn etwas stagniert, nicht vom Fleck kommt»: Livia Vonaesch.

Wenn mich meine Ungeduld einholt, hilft es, über mich selbst zu lachen. Fliessend sind im Übrigen auch die Grenzen zwischen Arbeit und Leben. Ich habe mal eine Zeit lang versucht, getrennte Journale zu führen: eins für Projekte, eins für ‹das Leben›. Keine Chance. In den letzten Jahren wurde ich intuitiver. Ich glaube, das hat mit der Erfahrung der Krankheit zu tun. Ich versuche heute nicht mehr, die Dinge vollends zu kontrollieren. Ich kann Unsicherheiten gut aushalten und annehmen. Sei es grundsätzlich im Leben oder bei Projekten und Ideen, die ich verfolge.

Am Anfang weiss ich meist nicht, was genau passieren wird, der Prozess ist mir wichtig. Die Krankheit hat mich nicht zuletzt dazu gebracht, anzunehmen. Und loszulassen – ja, sogar ein Organ habe ich losgelassen.

Wann ich Feierabend mache, hängt vom Tag und dem Auftrag oder Projekt ab. Kann ich meinen Tag selbst organisieren, sind starre Strukturen nicht so mein Ding. Ich versuche zudem, nicht mehr zu oft bis in alle Nacht zu arbeiten. Am Abend und an freien Tagen gehe ich raus, in die Natur, ins Wasser, den See, den Regen, den Schnee. Am liebsten mit meiner Familie und Freunden. Im Sommer schlafe ich gern mal draussen unter dem freien Himmel, wenn ich dann tatsächlich mal schlafen gehe. Und ich nehme mir immer wieder Zeit, Neues zu entdecken und zu lernen. Aktuell beschäftigt mich ein Permakulturgarten – er wird das neue Zuhause für die vielen Setzlinge, die derzeit noch meine Wohnung in Beschlag nehmen.

Wie mein Lied vom Tod klingt? Ich glaube, es beginnt ganz ruhig, wird dann wild, bunt, weit. Und selbst dazu, zum Lied vom Tod, kann ich in meiner Vorstellung tanzen. Frei und kraftvoll.»

Livia Vonaesch: Die Dokumentarfilmerin, geboren 1985, lebt und arbeitet in Zürich und St. Gallen, wo sie auch aufgewachsen ist. Nach ihrem Soziologie- und Kommunikationswissenschafts-Studium an den Universitäten Luzern und Potsdam absolvierte sie die Ringier Journalistenschule und arbeitete für RingierTV und SRF, bis sie nach New York zog und sich dort am Center for Documentary Art (Union Docs) weiterbildete. Momentan arbeitet sie an mehreren Dokumentar -und Auftragsfilmen als Regisseurin und Kamerafrau. Daneben erteilt Livia an Schulen Film- und Fotokurse. Mehr Infos unter diesem Link.