Sie musste bis ans Ende der Welt, um heimzukommen

#Von Bruno Bötschi, Weggis

12.4.2021

«Wenn ich sehe, wie Menschen zu meinen Songs tanzen, sich umarmen und sich entführen lassen, weiss ich, dass ich alles richtig mache»: Caroline Chevin.
Bild: Tabea Hüberli

Sie war mitten in der Arbeit an ihrem vierten Album, als Sängerin Caroline Chevin nach Neuseeland aufbrach, sich Hals über Kopf verliebte und eine Familie gründete. Ihren Mann hat sie vor bald drei Jahren verloren, den Lebensmut nicht.

#Von Bruno Bötschi, Weggis

12.4.2021

«Every morning I’m greeted by your smile

Your love and your joy shine brighter than the sun

Feel like I’ve known you for the longest while

Cause your heart and mine beat as one»

Was sie jetzt sage, klinge vielleicht unverständlich, sagt Caroline Chevin, 46, irgendwann. Unheilbar optimistisch, gefühlsbetont, aber ihr komme es manchmal so vor, als ob sich Seelen schon vorher gekannt hätten.

Es ist Ende März, ein sonniger Frühlingsnachmittag. Wir sitzen, mit korrektem Corona-Abstand, auf einem Bänkli am Vierwaldstättersee in Weggis LU. Zum allerersten Mal getroffen haben wir uns vor acht Jahren. Damals redeten wir über ihre Karriere als Sängerin und ihren Ohrwurm «Hey World». «Wenn ich sehe, wie Menschen zu meinen Songs tanzen, sich umarmen und sich entführen lassen, weiss ich, dass ich alles richtig mache.» Ich erinnere mich noch gut daran, wie wir uns beide nervten, weil der Fotograf nicht mehr aufhören wollte, Bilder zu schiessen.

Heute treffen wir uns, weil uns das gleiche Schicksal getroffen hat – unsere Partner sind gestorben. Der Mann von Caroline Chevin beging vor zweieinhalb Jahren Suizid, mein Partner starb vor 20 Jahren an einer Blutvergiftung.

Caroline, haderst du mit deinem Schicksal? «Schicksal? Ist das das Buch, das dein Leben beschreibt? Oder ist es das, was du verdient hast?» Sie könne mit dem Wort «Schicksal» wenig anfangen, sagt Chevin, sie glaube vielmehr daran, dass alles, was passiere, einen Grund habe. «Ich glaube an das Gute. Und ich glaube an die Liebe.»

«Du Mami, ich bin verlobt»

In den vergangenen acht Jahren habe ich das Leben der Innerschweizer Soulsängerin vor allem aus der Ferne begleitet und mich gefreut, wenn ihre Hits «Back in the Days» und «Hey World» im Radio gespielt wurden. Als ich 2014 höre, dass sie nach Neuseeland ausgewandert ist, frage ich mich: Wow, wäre ich auch so mutig und würde auf die andere Seite der Welt ziehen?

«Ich glaube an das Gute. Und ich glaube an die Liebe»: Caroline Chevin.
Bild: Tabea Hüberli

Chevin spricht mit unaufgeregter, zurückhaltender Stimme. Sachlich erzählt sie von ihrem Leben, zumindest von jenen Teilen, die sie preiszugeben bereit ist.

Ihre Fans wissen jedoch: Steht sie auf der Bühne, ist sie kaum wiederzuerkennen. Es ist, als lebten zwei Seelen in ihrer Brust. Die mutigere Seele will irgendwann, dass sie die Welt entdeckt. Hey World! Als sie im Februar 2014 nach Neuseeland in die Ferien reist, um mit dem Camperbus von Süden nach Norden zu fahren, sagt ihre Mutter: «Verliebst dich dort unten aber bitte nicht.» Zwei Wochen später ruft die Tochter an: «Du Mami, ich bin verlobt.»

«Es tat mit mir», sagt Caroline Chevin. So wie es tut, wenn bei ihr eine Melodie anklopfe. «Manchmal kommt es mir vor, als sei ich so etwas wie ein Sprachrohr und ich muss es einfach rauslassen. Ventil auf und los!»

Greg Boyed trifft sie am zweiten Tag ihrer Neuseeland-Reise. «Es brauchte fünf Minuten und einen Spruch von ihm, und es war um mich geschehen. Wie gesagt: Als hätten unsere beiden Seelen schon vorher eine Verbindung gehabt.» Als Bauchmensch habe sie sich dem Gefühl nicht entziehen wollen, nicht entziehen können.

Chevin reist in den folgenden Monaten noch einmal nach Neuseeland, vier Monate später wird Hochzeit gefeiert. Die bekannte Schweizer Sängerin, der berühmte neuseeländische TV-Moderator.

«Es tat mit mir»

Die Liebe ist stärker, stärker als die Wurzeln in der Schweiz, auch wenn sie auf der anderen Seite das Heimweh plagt, sie Sehnsucht nach Familie und Freunden hat und sie vermisst – «keine Ahnung, wieso», – das Zugfahren mit der SBB.

«Manchmal kommt es mir vor, als sei ich so etwas wie ein Sprachrohr und ich muss es einfach rauslassen. Ventil auf und los»: Caroline Chevin.
Bild: Tabea Hüberli

Die Liebe ist in dem Moment stärker, stärker als die Leidenschaft für die Musik. Chevin ist mitten in der Produktion für ihr viertes Album, als sie die Schweiz verlässt. Es sei ihr klar gewesen, wenn sie in die neuseeländische Stadt Auckland ziehe, werde ihre Karriere als Sängerin auf Eis gelegt. Sie geht. Trotzdem. Sie hat zu kämpfen, ist traurig, zweifelt. Aber: «Es tat mit mir.»

Ein Jahr später geht ihr grösster Lebenstraum in Erfüllung: «It’s a boy!», notiert sie auf ihrem Facebook-Account. Sohn Kian Iraia Cassidy ist auf die Welt gekommen. Das Glück ist perfekt.

«Come on and fly with me

From way up high we can see

The world is full of wonders and the biggest one is you

So come on and fly with me, my baby»

Heirat, Auswandern, Kinderkriegen. Die Musik wird in die Abstellkammer verdrängt. Eine Pause, die ihr guttat, findet Chevin. «Ich machte fast 20 Jahre lang ständig Musik, war regelmässig auf Tournee.»

Weggeschoben ist nicht aufgehoben. Irgendwann tut es wieder, Melodien klopfen an. Die Töne im Kopf beanspruchen wieder mehr Platz. Chevin fängt an, neue Songs zu schreiben, auch dank der Unterstützung ihres Mannes, der um ihre Leidenschaft weiss.

Fünf Songs sind im Kasten, als Familie Boyed-Chevin im Sommer vor drei Jahren in die Schweiz reist und … und die Welt von Caroline Chevin am 20. August 2018 ins dunkle Nichts stürzt. Ihr Leben von einer Sekunde auf die andere auseinanderfällt. Ihr Mann nimmt sich das Leben.

«Als will mir mein Mann sagen: Du schaffst das!»

«Wir können gern über den Tod sprechen, auch über den Tod meines Mannes», sagt Caroline Chevin. Aber, und das sei ihr wichtig, sie wolle nicht darauf reduziert werden. Und das Wort «Depression» solle bitte nicht im Titel vorkommen. «Der Tod gehört zum Leben. Im besten Fall ist es ein natürlicher nach einem erfüllt gelebten Leben, aber halt nicht immer.»

Die Sängerin schaut den Wellen nach, spricht einen Moment lang nicht weiter. Muss sie auch nicht. Ich weiss nur zu gut, was der Verlust eines geliebten Menschen bedeutet.

Nach einer Pause sagt sie: «Tagsüber funktionierte ich irgendwie – für Kian. Nachts zerbrach meine Welt.» Sie hatte gewusst, dass ihr Mann an Depressionen litt. Das habe er ihr gleich zu Beginn gesagt. «Für mich war jedoch klar, er ist der Richtige.»

Greg war sehr aktiv und wirkte lebensfroh. «Deshalb war die Krankheit nicht wirklich so präsent.» Ihr Mann sei warmherzig, intelligent, humorvoll gewesen und ein äusserst engagierter Papi. Dass er hin und wieder launisch war, dachte sie, habe mit seinem starken Charakter zu tun.

«Tagsüber funktionierte ich irgendwie – für Kian. Nachts zerbrach meine Welt»: Caroline Chevin.
Bild: PYMCA/Universal Images Group via Getty Images

Rückblickend möge das vielleicht naiv erscheinen. Sie habe zudem realisieren müssen, wie wenig sie bis dahin über diese Art von Krankheit gewusst habe. Deshalb hat sie sich auch entschieden, künftig mit der Stiftung Pro Mente Sana zusammenzuarbeiten. «Wir dürfen Depressionen und Suizid nicht länger in der Tabuzone lassen, zu viele Menschen sind davon betroffen.»

Während Caroline Chevin das sagt, ist ihr Blick immer noch auf den See gerichtet, als plötzlich ein weisser Ballon in Herzform auf dem Wasser zu sehen ist. Sie lächelt und sagt: «Greg ist zwar nicht mehr auf der Welt,» aber sie spüre, immer wieder schicke er kleine Zeichen. Kurz nach dem Tod, wenn sie dachte, dass sie nicht mehr weiter könne, habe sie so etwas wie «ein Gingg im Füdli gespürt, als will mir mein Mann sagen: Du schaffst das!»

«Kein Weltschmerz, sondern Lebensfreude»

Und zum Glück war sie wieder da: die Musik. Sie half beim Verarbeiten des Verlusts. In der Maori-Songschreiberin Anna Coddington findet Caroline Chevin zudem eine wunderbare Co-Schreiberin.

«Enjoy The Ride», so heisst das Album, ist am 27. März 2020 erschienen, am Geburtstag von Greg Boyed. Die neun Lieder darauf sind in der alten Wahlheimat Neuseeland entstanden.

«Es ist vielleicht mein positivstes Album überhaupt. Kein Weltschmerz, sondern Lebensfreude.» Es gibt auch melancholische Momente auf der Platte, aber insgesamt geht die Sonne öfter auf als unter. Es sei ihre Art, mit der grossen Trauer umzugehen, sie zu verarbeiten. «Das Gute und Schöne zelebrieren, statt in Traurigkeit zu versinken.»

Und so backen Caroline Chevin und ihr Sohn Kian immer am 27. März, dem Geburtstag, und am 20. August, dem Jahrestag des Todes, eine Rüeblitorte. Im Andenken an ihren Mann Greg Boyed. «Es war sein Lieblingskuchen. Er hat jeweils am Todestag seines Vaters dessen Lieblingstorte gekauft. Diese Tradition führen wir nun weiter.»

«Das Gute und Schöne zelebrieren, statt in Traurigkeit zu versinken»: Caroline Chevin.
Bild: Tabea Hüberli

Ja, die Sängerin weiss um ihren grossen Verlust. Aber sich unterkriegen lassen deswegen? «Ich bin ein lebensbejahender Mensch.» Ihr Mann werde immer einen Platz in ihrem Herzen haben, so Chevin, die im vergangenen Jahr zusammen mit Kian in die Schweiz zurückgekehrt ist und heute wieder in Weggis wohnt, dem Ort, wo sie einst aufgewachsen ist.

«Ich wusste schon immer, dass hier meine Heimat ist. Wahrscheinlich ist das der Grund, warum ich die Welt entdecken wollte, entdecken musste, um wieder zu meinen Wurzeln heimkommen zu können.»

«Come on and fly with me

From way up high we can see

The world is full of wonders and the biggest one is you

But don’t you ever wonder

Why it takes a birds eye view

To show us all the colours

Inside of me on you

Come on and fly with me, my baby»

Die drei kursiven Textstellen sind Zeilen aus dem Song «Fly with me» , den Caroline Chevin für ihren Sohn Kian, 6, geschrieben hat. Das Lied ist auf ihrem aktuellen Album «Enjoy The Ride» zu finden.



Brauchen Sie Hilfe? Hier können Sie reden.

Diese Stellen sind rund um die Uhr für Menschen in suizidalen Krisen und für ihr Umfeld da:

Beratungstelefon der Dargebotenen Hand: Telefon 143, www.143.ch

Beratungstelefon Pro Juventute (für Kinder und Jugendliche): Telefon 147, www.147.ch

Weitere Adressen und Informationen: www.reden-kann-retten.ch

Adressen für Menschen, die jemanden durch Suizid verloren haben:

Refugium – Verein für Hinterbliebene nach Suizid: www.verein-refugium.ch

Nebelmeer – Perspektiven nach dem Suizid eines Elternteils: https://nebelmeer.net