Ich war beim Coiffeur: «Mega, ich liebe es. I love it. Ja, Hammer!»

Bruno Bötschi

27.4.2020 - 18:00

Fast zwei Monate lang konnte «Bluewin»-Redaktor Bruno Bötschi nicht zum Coiffeur. Mehrmals dachte er daran, sich selber an seinem Haar zu vergreifen. Er tat es nicht. Zum Glück. Protokoll eines Coiffeur-Besuches.

Endlich. Ein wenig Normalität.

Als ich heute Morgen kurz vor elf Uhr auf mein Velo stieg, schoss mir ein Gedanke durch den Kopf: Wird mich mein Coiffeur gleich in einem Schutzanzug wie im Pandemie-Thriller «Outbreak» empfangen?

Mein Coiffeur trug schliesslich bloss eine blaue Maske, ansonsten war alles fast wie immer. Mit der Betonung auf: fast. Bereits vor der Türe wurde ich per Flugblatt darauf aufmerksam gemacht, mir nach Betreten des Salons ebenfalls sofort jenes Utensil überzustreifen – und die Hände bitte gründlich zu waschen oder zu desinfizieren.

Dass auch sonst noch lange nichts so ist, wie es einmal war, daran hatte mich bereits am Sonntagabend eine Mail von Salonbesitzer Murat Tokay mit dem Titel «Schutzmassnahmen» erinnert. Mir wurde unter anderem mitgeteilt, dass die Waschplätze mit Plexiglas-Trennscheiben versehen worden seien. «Zudem bitten wir Sie, beim Lesen der Zeitschriften Handschuhe zu tragen. Wir stellen Ihnen selbstverständlich Handschuhe zur Verfügung.» Die Zeitschriften erst recht, ist ja klar.

Nur wenige Bad Hair Days

Geplant hatte ich eigentlich, dass ich mir die Haare selber schneiden würde – raspelkurz mit dem Rasierer. Zumindest, wenn der Lockdown mehr als einen Monat dauern sollte.

Ich hatte Glück: Obwohl die Coiffeurgeschäfte in der Schweiz jetzt alle sechs Wochen lang geschlossen waren und seit acht Wochen sich kein Friseur mehr um meine Haarpracht gesorgt hatte, erlebte ich nur wenige  Bad Hair Days. Was weniger mit meinen Stylingkünsten zu tun hat, sondern vielmehr mit den geschickten Händchen meines Coiffeurs Tobias Knill.

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Knill kultiviert seit 15 Jahren meine Frise. Ja, ich bin einer seiner jahrelangen Stammkunden. Knill war es auch, der mir vor über einem Jahr empfahl, die Haare zu blondieren. Deshalb bekam ich auch sofort am Tag der Wiedereröffnung einen Termin. Knill arbeitet im Hair Salon Murat Tokay im Zürcher Quartier Enge.

Ein mulmiges Gefühl

Ob ich keine Angst hätte, zum Coiffeur zu gehen, wollte letzte Woche eine gute Freundin am Telefon wissen. «Nein», antwortete ich.

Kaum sass ich heute Morgen zwischen den beiden Plexiglaswänden, überkam mich dann doch für einen kurzen Moment ein mulmiges Gefühl. Ich musste an meine Sonntagslektüre denken. «Der Durchmesser eines Sars-CoV-2 ­beträgt 100 Nanometer. Das ist rund eine Million Mal ­kleiner als der Durchmesser eines menschlichen Haars», stand in «NZZ am Sonntag». Eine Million Mal kleiner als ein Haar dick ist!



Doch als wollte mir irgendjemand aus einer fernen Galaxie auf meine negativen Gedanken antworten, tönte plötzlich «You Only Live Once» (Man lebt schliesslich nur einmal) von The Strokes aus den Boxen. So schnell wie das mulmige Gefühl angekrochen kam, war es wieder verschwunden.

Mehr Fingerspitzengefühl wäre angebracht

Ich weiss, manch eine Leserin, manch ein Leser wird jetzt wahrscheinlich einwenden, dass Stilfragen in Zeiten, in denen es um Leben und Tod geht, absolut nachrangig seien. Zumal in einer Phase, in der viele Schweizerinnen und Schweizer noch nicht mal mehr für die Arbeit aus dem Pyjama oder der Jogginghose müssen, weil sie daheim arbeiten.

Als ich in meinem Corona-Tagebuch kürzlich erwähnt hatte, dass ich für heute einen Coiffeurtermin ergattert hätte, schrieb mir ein Leser, etwas mehr Fingerspitzengefühl meinerseits wäre in der momentanen Situation angebracht.

Nun gut, dazu kann ich nur so viel sagen: Ich sah heute Morgen in meinem Coiffeursalon ganz viele glückliche Gesichter.

Die Laune nicht verderben lassen

Die Stimmung im Salon war heute Morgen ruhiger als sonst. Trotzdem schien mir, als wolle sich niemand wegen dieses vermaledeiten Coronavirus die Laune verderben lassen. Die Mitarbeitenden nicht, die Kundinnen und Kunden schon gar nicht.

Er habe sich riesig auf diesen Tag gefreut, sagt Murat Tokay, «gleichzeitig bin ich aber auch etwas nervös und gehe mit ganz viel Respekt an die Aufgabe heran.» 



Tobias Knill freute sich ebenfalls, dass er nach sechs Wochen Zwangsferien endlich wieder mit Schere, Kamm und Föhn arbeiten durfte. Er ist Coiffeur aus Leidenschaft. Ihm ist es egal, dass die nächsten Wochen ziemlich streng werden und er sechs statt fünf Tage arbeiten wird.

Ähnlich begeistert tönte die Kundin, die unweit von mir (mit zwei Metern Abstand natürlich) eine neue Haarpracht verpasst bekam. Nicht nur die Färbung ihrer Haare sei jetzt wieder perfekt, befand sie, auch der Schnitt. Die Dame hatte nicht wochenlang warten wollen und deshalb während des Lockdowns selbst zur Schere gegriffen.

Ein Fehler – aber Murat Tokay, ganz Profi, besserte aus, nein, er zauberte die Frisur jener Dame zu einem Blickfang. Der Frau war begeistert: «Mega, ich liebe es. I love it. Ja, Hammer!»

Ach, lieber Tobias Knill, ich dachte Ähnliches, als ich den Salon verliess. Und deshalb: Dankeschön. Und hoffentlich bis bald.

Ein wenig Normalität. Endlich.

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