Nimm einen Baum in den Arm – er bleibt in deinem Herzen

Von Michelle de Oliveira

26.9.2021

Einen Baum umarmen tut gut: Die Kolumnistin macht es hin und wieder, wenn sie im Wald unterwegs ist.
Bild: Getty Images/Westend61

Wenn sie gestresst ist, verzieht sich die Kolumnistin in den Wald. Dort findet sie Ruhe und Entspannung. Und umarmt gelegentlich Bäume.

Von Michelle de Oliveira

26.9.2021

Ich streiche über das Moos, das sich mal anfühlt wie ein borstiges Fell, mal wie ein Samtkissen. Ich betaste die Rinde, diese dicke Haut des Baumes, und nehme sie mir als Vorbild. Ich bestaune die Perfektion des Waldes, die für jeden krummen Strauch ein Plätzchen findet.

Ich betrachte die riesigen Bäume, die seit Jahrzehnten den Witterungen ausgesetzt sind und mit ihnen leben, ohne sich gegen sie aufzulehnen. Als schienen sie zu wissen, der nächste Frühling kommt wieder. Und der nächste Herbst.

Gerade in der mystischen Stimmung des Herbstes möchte ich am liebsten jeden Tag im Wald verbringen. Wenn Nebelschwaden an den Bäumen hängen bleiben, die Blätter einen dicken Teppich bilden, die Luft feucht und satt ist, und die Natur immer stiller wird. Komme ich in den Wald, fühlt es sich an, als beträte ich einen zeitlosen Raum.

Zur Autorin: Michelle de Oliveira
Bild: zVg

Michelle de Oliveira ist Journalistin, Yogalehrerin und Mutter und immer auf der Suche nach Balance – nicht nur auf der Yogamatte. Ausserdem hat sie ein Faible für alles Spirituelle und Esoterische. In ihrer Kolumne berichtet sie über ihre Erfahrungen mit dem Unfassbaren. Sie lebt mit ihrer Familie in Zürich.

Bäume umarmen

Mein Handy schalte ich auf lautlos und verstaue es im Rucksack, es käme mir falsch vor, würde es im Wald plötzlich schrill klingeln.

Keine Gespräche von anderen Personen, keine Werbeplakate, keine aufheulenden Motoren, die um meine Aufmerksamkeit buhlen.

Stattdessen Vogelgezwitscher, das Klopfen des Spechtes, ein sanftes Rauschen in den Baumkronen und vielleicht ein Eichhörnchen, das vorbeihuscht. Ich bin weniger abgelenkt und kann dadurch leichter entspannen. Und manchmal, wenn ich weiss, dass mich niemand sieht, umarme ich einen Baum.

Waldbaden als Therapieform

Für mich ist es ein Waldspaziergang, die Japaner nennen es «Shinrin-yoku», Waldbaden. In Japan ist das Waldbaden eine anerkannte Therapieform, die intensiv erforscht wird.

Zahlreiche Studien kamen zum Ergebnis, dass die Anzahl Killerzellen, die unsere Abwehr stärken, ansteigen soll, während Blutdruck, Puls und die Konzentration des Stresshormons Kortisol sinken. Komme ich an gefällten und zersägten Bäumen vorbei, atme ich ganz extra tief ein und aus, denn dort soll die Konzentration an gesunden ätherischen Duftstoffen besonders hoch sein. Und vor allem riecht es einfach so gut.

Bin ich mit den Kindern im Wald, sammeln wir Schätze: Tannenzapfen, funkelnde Steine, verlassene Schneckenhäuser, einen kurios geformten Stecken, farbige Blätter. Daraus legen wir manchmal ein Natur-Mandala auf dem Waldboden. Für die Kinder ist es ein Spiel und für mich Meditation. Die Kinder nehmen oft einen – meist aber mehrere – Schätze mit nach Hause.



Auch ich nehme jedes Mal etwas mit: Ein tiefes Gefühl der Ruhe, das mich regelrecht ausfüllt und immer einige Tage nachhallt. Ich fühle mich gestärkt, geerdet und verwurzelt. Und ich denke an den Wald, wenn ich mich in Alltagssorgen verstricke und vor lauter Bäumen den Wald eben einmal nicht mehr sehe.

Übrigens soll auch das Bild eines satten, grünen Waldes helfen, ähnliche Effekte zu erreichen, wie sie das Waldbaden verursacht. Am besten ein riesiges Poster eines mächtigen Baumes gegenüber dem Schreibtisch oder im Schlafzimmer aufhängen.

Aber wenn Sie können, gehen Sie in den Wald. Dann können Sie auch mal einen Baum umarmen, wenn niemand schaut. Das tut nämlich richtig gut. Oder?


«Die Kolumne»: Deine Meinung ist gefragt

In der Rubrik «Die Kolumne» schreiben Redaktorinnen und Redaktoren von «blue News» regelmässig über Themen, die sie bewegen. Leserinnen und Leser, die Inputs haben oder Themenvorschläge einreichen möchten, schreiben bitte eine E-Mail an: redaktion.news@blue.ch.

Zurück zur Startseite