Mein Vater, die Krähe und ich

#Von Zora Debrunner

8.5.2021

Autorin und Bloggerin Zora Debrunner zog 2011 zusammen mit ihrem Vater die Krähe Fritzi auf.
Bild: Sascha Erni

Wie nimmt man von geliebten Menschen Abschied? Was möchte man ihnen alles noch sagen – und was den Menschen, die bleiben? Autorin Zora Debrunner teilt hier exklusiv den Blogpost, den sie ihrem verstorbenen Vater gewidmet hat.

#Von Zora Debrunner

8.5.2021

Vor neun Jahren begleitete Zora Debrunner ihre Grossmutter ins Pflegeheim. In einer Phase der Sprachlosigkeit suchte sie nach Worten, um ihren Gefühlen Ausdruck zu verleihen.

Debrunner erinnerte sich, dass sie fünf Jahre zuvor, als ihre Mutter starb, zu schreiben begonnen hatte, wenn sie keine Worte mehr fand. In der Folge stiess sie auf Menschen, die Ähnliches erlebt hatten wie sie. Ihr Blog «Demenz für Anfänger» besteht seit Oktober 2012, ein Teil der Texte erschien zudem im Buch «Demenz für Anfänger – Tagebuch eines Enkelkindes».

Die Autorin hat sich in den vergangenen Jahren oftmals gefragt, wann der richtige Moment sein könnte, ihren Blog einzustellen: «Zum ersten Mal daran gedacht habe ich, nachdem meine Omi gestorben ist.» Als ihr Vater vor einigen Monaten starb, stand die Frage erneut im Raum. Nun sind alle tot, die in ihrer Familie vor ihr lebten.

Debrunner sagt, sie werde in ihrer Trauer nach wie vor von Sprachlosigkeit begleitet. «Was ich nicht aussprechen kann, schreibe ich.» Sie werde deshalb ihren Blog so lange weiterführen, bis ihr keine Worte mehr einfallen, die sie aufschreiben möchte.

Wir veröffentlichen heute exklusiv einen Blogeintrag von Zora Debrunner, den sie kürzlich ihrem verstorbenen Vater gewidmet und für «blue News» überarbeitet hat.

In Liebe, Papi

Vor drei Jahren entschied ich mich nach einem Gespräch mit meinem Vater für die Anmeldung zur Jagdausbildung. Mein Vater ging es an jenem Sonntag im September 2018 schlecht. Er sagte, wenn er mit 40 gewusst hätte, dass er mit 70 so krank sein würde, hätte er in seinem Leben mehr gewagt. Das machte mich nachdenklich.

Zu Hause zog ich mich zurück. Ich machte eine Auflistung, was ich schon immer gern machen und lernen wollte, aber mich bis dahin nicht getraut hatte. Mein Thurgauer Geschlecht «Debrunner» bedeutet Hirschtränke.

Ich überlegte mir lange, woher dieser Wunsch kam. Ich ging in mich, denn ich verstand erst nicht, warum ich jagen lernen wollte. Ich hatte natürlich jene Bilder der Jagd vor Augen, die nicht positiv waren und denen ich nicht entsprechen wollte. Aber da waren sehr viel mehr andere: Ich erinnerte mich an Begegnungen mit Jägern nach Wildunfällen, an der Olma, Gespräche und Berichte, die ich gelesen hatte. Ich sehnte mich nach tieferem Wissen über die Zusammenhänge in der Natur. Ich wollte auf Forschungsreise gehen.

Nach einigen Wochen teilte ich meine Entscheidung meinem Freund und schliesslich meinem Vater mit. Mein Vater reagierte sehr direkt. «Spinnst du?», fragte er mich und ich erinnere mich genau an den Moment, als wir damals telefoniert haben. «Dir ist bewusst, was das bedeutet, zu jagen? Dass du auch bereit sein musst, ein Tier zu töten?» Er klang nicht wütend, sondern besorgt. Ich antwortete mit «Ja».

Zora Debrunner und ihr vor wenigen Monaten verstorbene Vater.
Bild: Privat

Kurze Zeit später waren wir bei ihm zu Hause zu Gast. Er legte mir einige Ausschnitte aus dem «St. Galler Bauer» zum Thema «Wildbrethygiene» hin, die er für mich zur Seite gelegt hatte. «Da», sagte er, «das nimmst du dir jetzt zu Herzen und lernst es, damit du es an der Prüfung kannst.» Von dem Moment an wusste ich, dass er mich unterstützt. Es hat mich sehr gerührt und ich habe es ihm damals auch erklärt, dass er mich in meiner Entscheidung vor drei Jahren geprägt hat.

Ein erster Impuls, Jägerin zu werden, entstand wohl 2011, als wir, mein Vater, seine Frau, Sascha und ich, gemeinsam Fritzi, die Krähe, aufgezogen hatten. Ich spürte, wie sehr ich Vögel, gleich ob Krähe oder Milane, liebe. Ich wollte mehr über sie wissen – und stiess dabei auf die Jagd- beziehungsweise die Falknerausbildung. Nur habe ich mir diesen Weg damals nicht zugetraut. Ich stand mitten im Berufsleben und konnte mir gar nicht vorstellen, so viel Zeit in der Natur unterwegs zu sein.

Die vier Wochen mit Fritzi waren intensiv. Ich lernte meinen Vater in jenen Tagen erneut von einer ganz anderen Seite kennen. Wir wuchsen noch mehr zusammen. Ich bemerkte, wie sehr wir uns ähnlich sind, in unserer Art der Wahrnehmung, der Liebe zu den Tieren und dem Tragen der Konsequenzen, was Entscheidungen in unserer beider Leben betraf. Als Fritzi ausflog, weinte ich Rotz und Wasser. Noch heute denke ich bei jedem Anblick einer Krähe an Fritzi – und an jenen besonderen Frühling mit meinem geliebten Vater.

Im Februar 2019 startete ich mit der Ausbildung. Ich war anfänglich recht unsicher, lernte dann aber schnell. Ich bemerkte, wie wichtig Konzentration und innere Ruhe sind. Das gefiel mir. Ich wusste sehr gute Lehrerinnen und Lehrer an meiner Seite. Dafür war und bin ich sehr dankbar. Als ich im Mai 2019 schliesslich die erste Prüfung schaffte, habe ich meinen Vater sofort informiert. Er war sehr stolz auf mich und sagte mir und seinen Freunden: «Von mir hat sie das nicht.»

Ihr Vater war für Autorin und Bloggerin Zora Debrunner sein ganzes Leben lang eine wichtige Bezugsperson.
Bild: Privat

Dann besuchte ich als Nächstes die obligatorischen Kurse, schliesslich startete ich im Januar 2020 mit den freiwilligen, aber sehr wichtigen fachlichen Kursen. Ich war sehr glücklich. Ich lernte sehr viel und ganz ehrlich – habe ich noch nie eine Ausbildung erlebt, die so fundiert, so leidenschaftlich von den Ausbildnerinnen und Ausbildnern unterrichtet und einfach toll ist.

Corona machte mir und all den anderen meines Jahrgangs schliesslich einen Strich durch die Rechnung. Alle Ausbildungstage und die Prüfung wurden abgesagt und ich fiel für kurze Zeit in ein Loch. Ich hatte so viel Zeit und Energie ins Lernen investiert. Dank der Möglichkeit, in den Wald zu gehen, mit den Jagdkollegen unterwegs zu sein, ging es mir rasch wieder besser. Ich fühlte mich trotz der starken psychischen Belastungen im Pflege-Beruf und während des Shutdowns glücklich, vor allem, wenn ich im Wald war. Ich entdeckte, wie tröstlich es ist, wenn man sich unter Bäumen bewegt und ein Teil der Natur ist, fernab von allem, was sonst wichtig scheint.

Die Gesundheit meines Vaters liess immer mehr nach. Wir besprachen uns, dass ich ihn und seine Frau aufgrund meiner beruflichen Tätigkeit nicht mehr besuchen komme, um das Risiko einer Erkrankung bzw. einer Isolation für sie zu minimieren. Das war meines Erachtens ein guter Entscheid. Aber es fiel mir auch sehr schwer, ihn nicht mehr einfach zu besuchen. Wir haben zwar oft telefoniert, aber mir fehlten seine Umarmungen sehr.



Unsere Beziehung hatte viele Jahre darin bestanden, dass ich ihn alle paar Wochen abends, während er seine Kaninchen und Hühner füttert, besuchte. Er, ganz konzentriert, dem jeweiligen Tier die richtige Nahrung abzumessen und zu geben, hörte mir zu. Im Hintergrund lief das alte Radio. Wir redeten nicht wirklich viel. Aber wir waren einander immer sehr nahe.

Mitten im Shutdown im Mai ging mein Vater, für einen Monat in ein Pflegeheim, damit sich seine ihn aufopferungsvoll pflegende Frau etwas erholen konnte. Während ich nun lernte, anzusitzen, Ruhe zu bewahren, hoch auf Hügeln sass und auf den Anblick der Wildtiere wartete, harrte mein Vater einen Monat lang in seinem Pflegeheim-Zimmer in Frauenfeld aus. Er beobachtete die Vögel vor seinem Zimmer, ertrug die stickige Wärme, sehnte sich nach frischer Luft und seiner geliebten Frau. Nie zuvor war mir das Gefühl von Leben, Lieben und Leiden so sehr bewusst wie in jenen Tagen.

Dann kam der Sommer und wir holten die Loungemöbel und das Bild von General Guisan ab, weil seine Frau die gemeinsame Kleintierstallung auflösen musste und alles weitergab, was mein Vater weiter gegeben haben wollte. Es war nun klar, dass mein Vater nie mehr seine geliebten Kaninchen wieder hegen und pflegen würde. Ich verbrachte warme Nächte im Schlafsack auf der Lounge unter freiem Himmel mit Blick auf die Neu-Toggenburg und den Wald. Ich dachte fest an ihn und sein Geschenk an mich. Ich war glücklich.

Processed With Darkroom
Als ihr Vater vor zehn Jahren die Krähe Fritzi aufzog, spürte Zora Debrunner wie sehr sie Vögel liebt.
Bild: Privat

Dann kam der Herbst. Um uns herum wurden viele Leute krank. Ich durfte mit auf die Herbstjagd. Ich hielt engen Kontakt zu meinem Vater, schickte ihm Bilder von meinen Eindrücken, die er auch immer wieder kommentierte. Es schien mir, als wäre er immer bei mir. Ich wünschte es mir so sehr.

Schliesslich kam der November. Alles lag nahe beieinander: Das Leben. Der Tod. Freude. Tiefe Trauer. Ich hätte nicht gedacht, ihn so zu verlieren. Ich habe nie darüber nachgedacht, dass er plötzlich tot sein könnte. Er war für mich immer der Fels in der Brandung. Mein geliebter, starker, schöner Vater.

Nun ist Frühling und in zwei Monaten ist meine Prüfung. Er ist nicht da. Er fehlt mir. Ich vermisse seine kritischen Fragen. Sein Mitdenken. Seinen wunderbaren Sarkasmus. Seine freundliche Stimme. Seine Ermutigungen. Sein Mitfühlen.

Irgendwie glaube ich ganz fest, er wird an der Prüfung bestimmt an meiner Seite sein. Mich unterstützen, so wie er es immer getan hat. So wie damals, als wir damals, als ich so 14, 15 Jahre alt war, mit dem Velo auf den Chasseral gefahren sind. Aufgrund meiner Hüftbehinderung konnte ich einfach nicht mehr weiter und weinte nur noch. Er hat es nicht akzeptiert. Er sagte: «Du schaffst das.»

Er hatte recht. Ich schaffte es.

Regelmässig neue Text von Zora Debrunner gibt es auf ihrem Blog «Demenz für Anfänger» zu lesen.