Wie frische ich mein Sexleben auf?

Paartherapeutin: «Eine Beziehung hat man nicht. Man führt sie»

Von Bruno Bötschi

2.5.2022

«Leider lernen wir in der Schule nicht, wie Beziehungen gelingen und deshalb merken viele erst sehr spät, dass sie etwas an ihrer Situation verändern wollen»: Bettina Disler, Sexualtherapeutin.
Bild: Getty Images

Am Anfang hattet ihr fast täglich Sex, heute kannst du ihn pro Monat an einer Hand abzählen. Was steckt hinter der Flaute? Und wie gestaltest du dein Liebesleben fantasievoller? Sexualtherapeutin Bettina Disler weiss es.

Von Bruno Bötschi

2.5.2022

Bettina Disler, am Anfang einer Beziehung haben Paare meist sehr viel Sex miteinander. Irgendwann lässt die Lust aber nach. Warum ist dem so?

Die Lust worauf genau – auf Sex im Generellen? Auf den Partner oder die Partnerin? Oder die Lust auf die Art und Weise, wie der Sex in der Beziehung praktiziert wird?

Das tönt kompliziert.

Auf deine Frage gibt es keine pauschale Antwort. Jedes Paar ist anders und deshalb ist es wichtig, ihre jeweilige Situation differenziert zu betrachten.

Eine Freundin erzählte mir kürzlich, sie sei nach wie vor verliebt in ihren Freund. Trotzdem hätten sie deutlich weniger Sex als noch vor ein paar Jahren, also am Anfang der Beziehung. Sie fragte mich dann, ob das wohl anderen Paaren auch so gehe.

Wie gesagt, es kommt ganz auf das Paar an. Es gibt Paare, die noch nach Jahren eine erfüllte und regelmässige Sexualität leben. Wenn man aber die Sexualpartnerschaft vernachlässigt, wird sie zuerst müde, dann schläft sie irgendwann einmal ein und bei manchen Paaren stirbt sie sogar.

Hast du einen konkreten Tipp für meine Freundin?

Ich müsste mir zuerst im Klaren sein, warum sie etwas an ihrer Situation ändern möchte: Will sie denn eine Sexualpartnerschaft mit ihrem Freund oder geht es ihr vielmehr darum, dass Sex in der Beziehung einfach dazu gehört? Zuerst müsste ich ihre Motivation verstehen und was sie daran hindert, aktiv zu werden.

Zur Person: Bettina Disler
Bild: zVg

Bettina Disler ist systemische Paar- und Sexualberaterin und Mitglied der Deutschen Gesellschaft für Sexualforschung (DGfs). Nach ihrem Regiestudium an der Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK) und an der New York Film Academy (NYFA) inszenierte sie Opern sowie zahlreiche Filme über unterschiedliche Beziehungs- und Sexualthemen bei Transsexuellen, Frischverliebten, langjährigen Paaren und Singles. Später folgten ein Masterstudiengang in sexueller Gesundheit an der Hochschule für soziale Arbeit Luzern (HSLU) und in systemischer Sexualtherapie bei der Internationalen Gesellschaft für Systemische Therapie in Heidelberg (IGST), sowie zahlreiche Weiterbildungen. Disler lebt und arbeitet in Zürich.

Hat weniger Sex vielleicht auch damit zu tun, dass irgendwann die Notwendigkeit nachlässt, sich das Vorhandensein der Bindung durch sexuelle Übereinkünfte immer wieder neu bestätigen zu müssen?

Die Gründe, weshalb der Sex in einer Beziehung nachlässt, können sehr unterschiedlich sein. «Das Vorhandensein der Bindung» tönt sehr nach Stagnation. Wenn jemand Sex benötigt, um genau da hinzukommen, dann wird die Sexualität naturgemäss überflüssig, wenn das Ziel erreicht ist. Wozu sollte Sex dann in dieser Partnerschaft noch gewünscht werden? Ich höre immer wieder: «Das ist einfach so in langjährigen Beziehungen, dass der Sex nachlässt.»

Deiner Antwort entnehme ich, dass du das anders siehst.

Wenn man sich im Vorfeld darauf einstellt, bleibt man selbst in der passiven Rolle. Und das bedeutet in der Konsequenz, dass auch nichts weiter passiert. Eine Beziehung hat man nicht. Eine Beziehung führt man. Und das ist vielen nicht so bewusst, dass sie ihre Beziehung gestalten können, die Sexualpartnerschaft eingeschlossen.

Demnach fehlt Paaren, die zu wenig Sex haben, einfach ihr Gestaltungswille?

Ganz so simpel ist das nicht. Aber ja, der Wille, die gemeinsame Sexualität mitzugestalten, ist sicher eine Voraussetzung dafür, dass sie sich überhaupt erst weiterentwickeln kann.

Wie kann dieser Wille gestärkt werden?

Zuerst geht es um den Sex worth wanting.

Worum bitte?

Um die Frage, welcher Sex es einem wert ist, gewollt zu werden. Also auf welche Art und Weise und auf wen im Speziellen habe ich Lust? Die Auseinandersetzung mit dem eigenen Verlangen ist essenziell. Wozu genau sage ich ja? Erst wenn man weiss, was man will, kann man sich darauf fokussieren und auch etwas dafür tun.

Die Freundin weiss doch sehr genau, was sie will: mehr Sex mit ihrem Lieblingsmann. Am Willen scheint es also nicht zu liegen.

Dann wäre meine Frage an deine Freundin: Woran scheitert es? Macht sie den ersten Schritt und ihr Partner will dann nicht? Oder ist sie zu müde, um überhaupt erst den Anfang machen zu wollen? Oder findet sie ihren Partner sexuell nicht mehr anziehend? Was genau ist ihre Bremse, wenn sie doch so unbedingt Vollgas geben will?

Ist der erste Schritt zu einer besseren Sexualität in einer langjährigen Beziehung also immer reden?

Sowohl im Dialog mit sich selbst, als auch mit dem Gegenüber zu sein, ist sicher wesentlich für eine erfüllende Sexualität. Dabei sollte man aber aufpassen, dass der Fokus nicht zu sehr auf dem liegt, was man nicht oder nicht mehr will, sondern vielmehr auf dem, was man stattdessen möchte. Viele sind es sich gewohnt, darüber zu sprechen, was sie stört. Sie machen sich gegenseitig Vorwürfe und betonen, was alles nicht gut ist. Oder sie sprechen nicht darüber und vermeiden unangenehme Themen. Wie zum Beispiel, dass der Sex nicht stattfindet. Sie bleiben also beim Nein und das ist nicht unbedingt förderlich für die gegenseitige Anziehung.

Geht es noch etwas konkreter bitte? Wie spreche ich in einer langjährigen Beziehung mit meinem Gegenüber möglichst entspannt über Sex?

Zum Beispiel mit dem Ratgeber «Das indiskrete Fragebuch» von Ulrich Clement. Darin sind 201 Fragen zur Sexualität enthalten, womit man sich spielerisch und entspannt an das Thema herantasten kann. Das Gute daran ist, dass man sich die Fragen nicht selbst ausdenkt, sondern dass sie an einen herangetragen werden und man sich so anders miteinander auseinandersetzt, als man es vielleicht sonst tun würde. So eine Herangehensweise reisst langjährige Paare aus ihrem Trott, was zu einer neuen Spannung in der Sexualpartnerschaft führen kann.

Wir sprechen über so vieles im Leben so detailliert. Aber ausgerechnet über Sex oft zu wenig. Warum eigentlich nicht?

Nach wie vor sind viele Menschen verunsichert, wenn es um ihre persönliche Sexualität geht. In den Medien wird viel über Sex berichtet und obschon das die Menschen interessiert, überfordert sie das eben teilweise auch. Sehr oft höre ich von Klient*innen: «Ich bin nicht so, wie es in den Medien steht, also bin ich nicht normal.» Wenn also beispielsweise jemand mehr oder weniger Lust auf Sex hat als der Durchschnitt, kann das für diese Person schon ein Grund sein, lieber zu schweigen, als darüber zu reden.

Die Sexualpädagogin Angie Walti sagt, man solle über Sex reden, als ob man gemeinsam eine Pizza bestellen würde. Was hältst du von dem Tipp?

Das tönt unkompliziert und auch ziemlich pragmatisch. Beim Pizza bestellen geht es um das explizite Formulieren seiner Wünsche. Für manche mag das durchaus eine hilfreiche Metapher sein, für andere wiederum fällt damit die Spannung komplett weg. Über Sex sprechen ist das eine, der Sex selbst aber ist die intimste Form der Kommunikation. Diesen Bogen zu gestalten ist eine Kunst. Sexuelle Wünsche können auch auf einer nonverbalen Ebene ausgedrückt werden und etwas Unsicherheit hat durchaus auch seinen Reiz – denn Verführung spielt ja gerade mit dem Vielleicht. Welche Art von Sprache man auch immer für sich wählt, dass man sich miteinander über seine Bedürfnisse austauscht, ist schlussendlich essenziell für eine erfüllende Sexualpartnerschaft.

Unser Alltag bietet viel Ablenkung. Was hältst du von der Idee, vorab miteinander abzumachen, an welchem Abend man zusammen Sex haben will?

Ein Zeitfenster für die Paarsexualität zu schaffen, kann sicher für einige vor allem Vielbeschäftigte entlastend sein. Allerdings kann man die Lust nicht auf Knopfdruck bestellen. Man kann sie aber einladen, indem man das Zeitfenster möglichst so gestaltet, dass es für alle Beteiligten stimmig ist. Wenn im Vorhinein schon klar ist, dass Sex stattfinden muss, ist das viel weniger spannend, als wenn man als Paar mit der Möglichkeit spielt, dass dann eventuell etwas entstehen könnte.

Wenn trotz aller Gespräche und Abmachungen in einer Beziehung sexuell zu wenig läuft: Könnte es eine Lösung sein, sich die Lust – respektive die Befriedigung von dieser – ausserhalb der Partnerschaft zu holen?

Eine offene Beziehung funktioniert nur, wenn dies beide auch wirklich wollen, ein gegenseitiges Vertrauen da ist und in der gemeinsamen Sexualpartnerschaft kein Problem besteht. Also in diesem konkreten Fall, wenn beide kein Problem damit haben, dass sie kaum mehr miteinander schlafen und es für beide ein Bedürfnis ist, sich sexuell anderweitig auszuleben. Macht man aber einen faulen Kompromiss, indem man das Problem outsourct, dann ist das Ganze mit grosser Wahrscheinlichkeit zum Scheitern verurteilt.

Wann brauchen Paare, die nicht scheitern wollen, eine*n Therapeut*in?

Je früher, desto besser. Leider lernen wir in der Schule nicht, wie Beziehungen gelingen und deshalb merken erst viele sehr spät – wenn der Leidensdruck schon sehr gross ist – dass sie etwas an ihrer Situation verändern wollen. Wenn man sich aber präventiv, also bevor die Probleme überhaupt da sind, damit auseinandersetzt, wie man eine Beziehung führen kann, dann hat man gute Chancen auf eine erfüllende Partnerschaft.

Flauten im Bett, auch solche, die mal etwas länger dauern, kommen in fast jeder Partnerschaft vor. Du bist jedoch der festen Überzeugung, dass es fast in jedem Fall gelingen kann, den Spass am Sex wieder neu zu entdecken.

Nicht in jedem, aber in einigen Fällen kann das gelingen. Vorausgesetzt, dass beide den Spass am Sex wieder für sich und miteinander entdecken wollen. Schwierige Phasen kommen in allen Beziehungen vor, ob es nun ungewollt sexlose Phasen oder beispielsweise Phasen der Trauer sind. Es liegt in der Natur des Menschen, dass wir uns ein Leben lang stets im Wandel befinden – auch als sexuelle Wesen – und das bedeutet, dass nichts so bleibt, wie es ist. Wenn man seine Beziehung also etwas aus der Distanz betrachtet und auf die unterschiedlichen Phasen zurückblickt, die sie bereits gemeistert hat, kann das einem die Kraft geben, unbefriedigende Situationen aktiv anzugehen und gemeinsam den Weg in ein neues Kapitel zu wagen.