Sans-Papiers K.: «Das Schweizer Gesetz macht mich zum Illegalen»

Redaktion Papierlose Zeitung

18.6.2020 - 18:02

Sans-Papiers K.: «Die Behörden haben mich von den 17 Jahren hier die Hälfte der Zeit ins Gefängnis gesteckt. Sechs bis sieben Jahre Knast, nicht am Stück, sondern verteilt, von 2003 bis jetzt. Sie haben mein Leben kaputt gemacht.»
Emilio Nasser/Instagram: @emiiinasser

K. lebt ohne Bewilligung in der Schweiz. Ein Gespräch über das Leben als Sans-Papiers.

K., wie lange lebst du schon in der Schweiz?

Im Januar 2003 bin ich in die Schweiz gekommen. Ich bin nun seit über 17 Jahren hier.

Die offizielle Schweiz sagt, dass du nicht hier sein darfst. Was sagst du dazu?

Ja, sie sagen, ich sei illegal, ich dürfte hier nicht sein.

Aber wir treffen uns, sprechen miteinander, du bist hier.

Ich bin hier. Aber die Behörden haben mich von den 17 Jahren hier die Hälfte der Zeit ins Gefängnis gesteckt. Sechs bis sieben Jahre Knast, nicht am Stück, sondern verteilt, von 2003 bis jetzt. Sie haben mein Leben kaputt gemacht. Was immer ich mache, immer riskiere ich eine Strafe, zum Beispiel, wenn ich Freunde treffe. Ich bin Sans-Papiers. Wenn ich jetzt dann gleich nach draussen gehe, könnte mich die Polizei verhaften und wieder in den Knast stecken.

Und warum kamst du ins Gefängnis?

Meistens, weil ich illegal hier war.

Und wie war das, so lange Zeit eingesperrt zu sein?

Du bist isoliert. Es ist nicht einfach.

Du hast dich trotz all dieser Jahre Haft entschieden, in der Schweiz zu bleiben.

Ja, das ist mein Ziel: Hier zu bleiben. Hier in Europa zu leben. Aber die Migrationsgesetze sind schlimm.

Was meinst du mit schlimm?

Wenn jemand illegal ist, muss er ins Gefängnis. Man versucht, ihn auszuschaffen. Immer wieder gibt es neue Gesetze gegen Flüchtlinge und Ausländer, sie werden immer schärfer. Das Gesetz war 2003 nicht dasselbe wie jetzt, es ist viel schlimmer geworden.

Wie hat sich das für dich ausgewirkt?

Asylsuchende und Abgewiesene bekommen weniger Geld. Die Fristen, um ein Asylgesuch zu stellen und um Rekurs einzulegen, sind kürzer geworden.



In deinem Fall ist es aber so, dass das Gesetz, obwohl es so streng ist, deine Situation nicht verändert: Du bist immer noch hier.

Ich muss nach Orten suchen, wo ich eine Lösung finden kann. Das muss ich selbst herausfinden. Irgendwo im Schweizer Gesetz muss ich eine Lücke finden.

Hat die Polizei versucht, dich auszuschaffen?

Ja. Dreimal.

Und was hast du gemacht?

Einfach verweigert.

Können die Behörden dich nicht zwingen?

Ich bin nicht sicher. Sie haben bereits Leute nach Algerien ausgeschafft. Mit sechs oder sieben Polizisten, mit Gewalt. Aber das klappt nicht mit allen. Ich habe das selbst erlebt.

Was ist passiert?

Ich ging bis zum Flugzeug. Ich sprach direkt mit dem Piloten, und der sagte mir: «Ich brauche dich nicht in meinem Flugzeug. Geh wieder zurück.»

Wie ist dieser Ausschaffungsversuch genau abgelaufen?

Es war Glück. Einfach Glück. Der Pilot war auf meiner Seite. Es gibt aber auch Piloten, die sind auf der Seite der Schweizer Behörden.

Warst du in jenem Moment schon im Flugzeug? Wurdest du gezwungen, einzusteigen?

Ja. Es waren fünf Polizisten. Ich habe dann mit dem Teamleiter der Polizei gesprochen. Er hat mir Geld angeboten, wenn ich fliege, 5'000 Franken. Ich sagte ihm, ich sei nicht in Europa, um Geld zu suchen, sondern um hier zu leben. Das Geld brauche ich nicht. Dann fragte mich der Polizist, ob ich ohne Geld fliegen würde. Ich sagte ja, wenn er mir einen Gefallen tue. Ich wolle mit dem Piloten reden. Ich ging mit dem Teamleiter zum Flugzeug, wir warteten auf den Piloten. Der Teamleiter nahm zwei Tafeln Schokolade mit, für den Piloten. Er wollte positive Stimmung machen. Aber trotzdem war der Pilot auf meiner Seite.

Und was hat der Pilot gesagt?

«Ich will ihn nicht in meinem Flugzeug.» Und der Teamleiter sagte, ich solle ruhig bleiben, wir würden nun wieder zurück zum Flughafen gehen. Das war am Flughafen Genf.

Und jetzt bist du zurück ...

Ja, ich bin zurück. Aber ich hatte nur Stress. Ich hatte nochmals einen Termin beim Migrationsamt. Sie sagten mir, wie viel Geld sie mir geben würden, wenn ich in mein Heimatland zurückkehre.

Und was willst du? Wo willst du leben?

Ich bin schon eine sehr lange Zeit meines Lebens hier in der Schweiz, fast mein ganzes Erwachsenenleben. Als ich das letzte Mal im Gefängnis war, habe ich versucht, ein Härtefallgesuch zu stellen. Das wurde abgelehnt.

K.: «Ja, ich bin zurück. Aber ich hatte nur Stress. Ich hatte nochmals einen Termin beim Migrationsamt. Sie sagten mir, wie viel Geld sie mir geben würden, wenn ich in mein Heimatland zurückkehre.»
Emilio Nasser/Instagram: @emiiinasser

Was bedeutet diese Situation für dein Leben in der Schweiz?

Es ist schwer. Ich bin Sans-Papiers. So kannst du keine normale Arbeit suchen, niemand darf dich einstellen. Du kannst keine Wohnung mieten. Man hat offiziell weder Arbeit noch einen Platz zum Leben. Man muss Leute kennen und herumfragen. Und es wartet wieder Gefängnis auf einen. Das Schweizer Gesetz macht mich zum Illegalen.

Wie hast du trotzdem Arbeit und Unterkunft gefunden, obwohl es nicht erlaubt ist?

Weil ich seit langem hier bin und viele Leute kenne. Ich rede mit meinen Freunden. Aber es ist nicht einfach. Ich gehe einmal pro Woche in meine Unterkunft zum Unterschreiben. Die Wohnmöglichkeiten für Sans-Papiers in Zürich sind eine Katastrophe, 20 bis 50 Männer in einem grossen Raum, in einem Bunker, ohne Licht und ohne Internet. Du sitzt einfach in einem Loch. Niemand von all den Leuten besitzt etwas, manchmal nicht einmal zu essen. Die Schweiz nimmt nicht viele Flüchtlinge auf. Im Kanton Zürich gibt es 200'000 Sans-Papiers. Vielleicht die Hälfte davon ist untergetaucht.

Was würdest du am Schweizer Gesetz konkret verändern, wenn du könntest?

Ausländerinnen und Ausländer hier können nichts verändern. Sie können nicht wählen. Auch wenn ich eine B- oder C-Bewilligung hätte, könnte ich trotzdem nicht wählen und nichts verändern. Man kann sich in einen Verein integrieren, in eine Gruppe. Seit elf Jahren kämpfen wir bei der ASZ um Bleiberecht. Ich kämpfe dafür, hier zu bleiben.

Du wartest schon so viele Jahre ... Hast du dabei etwas gelernt?

Ja, ich habe viele Sachen gelernt. Als ich im Knast war, kam ich mir fast vor wie ein Anwalt. Ich habe andere Leute beraten, ich kenne so viele Gesetze.

Wovon lebst du?

Ich kriege keine Nothilfe.

Was bekommst du dann?

Gar nichts. Ich habe im Ausschaffungsgefängnis 5'000 Franken gespart. Ich habe dort gearbeitet. Deshalb sagten die Behörden, ich bekomme keine Nothilfe.

Ist die Ausschaffungshaft tatsächlich der einzige Ort, wo du legal arbeiten darfst?

Es gibt dort drin nicht für alle 50 bis 70 Leute Arbeit, es sind auch nicht alle motiviert. Meine Chance war, dass ich gut Deutsch spreche und Kontakte mit Beamten knüpfen konnte. Deshalb hatte ich einen Job, bei dem ich Geld verdienen konnte, im Hausdienst. Aber nicht alle Leute wollen diese Arbeit machen. Ja. Aber ich habe draussen auch gearbeitet. Zum Beispiel zwei Jahre in einem Restaurant.

Es gibt also Arbeit, auch wenn man keine Papiere hat?

Arbeit schon, aber du bekommst vielleicht deinen Lohn nicht. Oder wenig. Fünf bis zehn Franken pro Stunde. Du arbeitest den ganzen Tag für 100 Franken. Und du brauchst das Geld. Arbeit ist also sehr schwierig zu finden, man muss Leute kennen und Kontakte haben.

Doch es gibt diese Schattenökonomie.

Ja. Ich bin in einem Gruppenchat. Es kommt vor, dass jemand für ein bis zwei Tage Leute sucht. Zum Zügeln, Putzen, für Aushilfsarbeiten.

Ist es eine Form von Widerstand, trotz alledem in der Schweiz zu bleiben?

Ich sage das immer so, aber trotzdem brechen sie dich. Zuerst bist du hier, dann kommt die Polizei, verhaftet dich und gibt dir 90 Tage Knast. Du warst mit voller Kraft dabei, und dann, im Knast, ist plötzlich alles fertig.

Was ist das Schwierigste an dieser Situation? Die Zeit im Gefängnis oder die Angst, dass die Polizei dich aufgreift?

Beides. Wenn du draussen bist, versuchst du immer, einen freien Weg ohne Polizeikontrolle zu finden. Es ist dauernder Stress, besonders auf der Strasse. Und wenn du drinnen bleibst, bist du nur in einem kleinen Zirkel, nur am Telefon, und hast kaum Kontakt mit anderen Leuten. Aber die Zeit im Knast ist auch schwer. Beides ist schwierig.

Das Interview mit Sans-Papiers K. erschien zuerst in der «Papierlosen Zeitung». Die Zeitung ist ein Projekt der Autonomen Schule Zürich (ASZ). An ihr arbeiten Menschen mit und ohne Ausweis zusammen. Sie erscheint mit regelmässigen Updates online und einmal pro Jahr gedruckt als Beilage zur Wochenzeitung WOZ.

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