Corona und die Kultur (2)

«Wir müssen uns neu erfinden, das tut immer gut»

Von Bruno Bötschi

14.2.2021

«Drive-In Festival du Lied» am 25. Juli 2020 in Charmey FR: Die Corona-Pandemie verändert die Kultur. Nur wie? Und wie geht es danach weiter?
«Drive-In Festival du Lied» am 25. Juli 2020 in Charmey FR: Die Corona-Pandemie verändert die Kultur. Nur wie? Und wie geht es danach weiter?
Bild: Keystone

Die Corona-Pandemie trifft die Kulturbranche brutal hart – sowohl wirtschaftlich als auch künstlerisch. Wenig wird bleiben, wie es war. Eine Umfrage in zwei Teilen unter Schweizer Kulturschaffenden.

Ein Jahr der Absagen – unzählige Konzerte, Theateraufführungen, Kunstausstellungen, DJ-Sets und Festivals wurden in den vergangenen zwölf Monaten verschoben, nochmals verschoben, abgesagt.

Die Kultur wird vom Bundesrat nicht als «systemrelevant» eingestuft. Aber Kultur ist menschlich relevant. In dieser für viele Künstler*innen und Veranstalter bisher absolut unvorstellbaren Situation wollte die Redaktion von «blue News» wissen:

Was wird aus der Kultur nach der Corona-Pandemie: Kahlschlag oder Chance?

Der erste Teil der Umfrage erschien gestern Samstag, 13. Februar. Die Statements unter anderem von Komikerin Nadja Sieger alias Nadeschkin und den Berner Musikern Lo & Leduc finden sie hier.


«Einen Kahlschlag sehe ich nicht als Chance»

Andreas Homoki, Intendant des Zürcher Opernhauses

Bild: Daniel auf der Mauer

«Es ist klar, dass vor allen Dingen freie Künstler, aber auch subventionierte Kulturinstitutionen den Verlust ihrer Existenzgrundlage auf Dauer nicht verkraften werden. Wie gross der Schaden ist, hängt unmittelbar damit zusammen, wie lange Kulturveranstaltungen aufgrund der Corona-Pandemie noch verboten beziehungsweise eingeschränkt werden.

Wenn dies über den Sommer hinausgeht, rechne ich mit einer nachhaltigen und irreparablen Beschädigung nicht nur der Kulturlandschaft, sondern nahezu aller Aspekte unseres Zusammenlebens.

Ich gehöre nicht zu denen, die einen Kahlschlag als Chance sehen. Wenn ich überhaupt in der Pandemie für die Kultur eine ‹Chance› sehen kann, dann für das Live-Erlebnis, das wir meines Erachtens nach der Pandemie umso mehr schätzen werden. Das gemeinsame Erleben von Kunst und Kultur und der Austausch darüber wird nicht nur von mir schmerzlich vermisst.»


«Kultur ist Heroin für den Geist»

Martina Hügi, Slam-Poetin und Kabarettistin

Bild: Mira Andres

«Mensch macht Kultur macht Mensch. Kultur lässt uns in eine Fantasiewelt eintauchen, in der weder Masken noch Zölle existieren; in der Realitäten gegen Wunschkonzerte eingetauscht werden.

Kultur ist Heroin für den Geist, gibt uns ein nachwirkendes High und jede*r wird zum Hero. Gerade in Krisen brauchen wir dieses mentale Aufputschmittel, damit wir mit gesunden Gedanken Schwieriges besser ertragen können. Auf uns wartet eine Kulturflut, hoffe ich!

Genau darum und sowieso: Leben ohne Kultur ist wie eine Intensivstation. Steril und kalt.»


«Ich brauche Bühnenluft!»

Sibylle Aeberli, Sängerin, Gitarristin, Schauspielerin, Komponistin und Texterin

Bild: zVg

«Im Moment erfahre ich grosse Solidarität in der Szene, sei es von Veranstalter*innen oder von anderen Kulturschaffenden. Die Netze und Kontakte werden enger geknüpft.

Wir müssen uns neu erfinden, das tut immer gut. Aber ich hoffe sehr, dass sich ein Teil unseres analogen Lebens wieder einstellt. Ich brauche Bühnenluft! Sowohl auf den Brettern als auch im Publikum!»


«Es ist eine Riesen-Chance»

Jonny Fischer, Cabaret Divertimento

Bild: zVg

«Es ist im Moment so schwierig zu planen oder zu hoffen, dass auch diese Frage sehr schwierig ist. Aber: Ich glaube, es ist eine Riesen-Chance. Alle Leute müssen schon sehr lange auf Kultur verzichten.

Der Leidensdruck wird bewirken, dass das Publikum jedes Konzert, jeden Auftritt noch viel mehr feiern wird als zuvor. Ich bin überzeugt, die ersten 20 bis 50 Shows nach der Pandemie werden für Bühnenkünstler*innen die besten ihrer Karriere.»

«Ich habe gelernt loszulassen»

Martin Bohata/Mar Dean, DJ und Event-Organisator

Bild: zVg

«Alles, worauf ich seit 24 Jahren hinarbeite und viel Zeit, Energie und Geld reingesteckt habe, wurde mir auf einen Schlag unter den Füssen weggezogen. Das machte mich zum Teil schon sehr ohnmächtig.

Mittlerweile habe ich aber gelernt loszulassen und die Situation anzunehmen, anstatt dem nachzutrauen, was mal gewesen ist. Denn nichts bleibt, wie es mal war. Das sieht man an der Geschichte der Menschheit: Nach jeder Katastrophe war es nicht mehr so wie vorher. Und von dem gehe jetzt auch mal aus. Wenn es irgendwann dann wieder losgeht, schauen wir dann weiter.»


«Originalität wird aus dem Programm kippen»

Hanspeter «Düsi» Künzler, Journalist und Musik-, Kunst- und Fussball-Spezialist

Bild: zVg

«Ich hoffe, dass es nicht gleich läuft wie mit meinen Fitness-Fimmeln: Wenn man ausgesetzt hat, dauert es Jahre, bis man wieder in Fahrt kommt. Viele Musiker*innen haben im Lockdown aufregende Werke geschaffen. Dagegen wird die Live-Szene, so befürchte ich, Jahre brauchen, um sich zu erholen.

Manches Lokal wird geschlossen bleiben. Künstler*innen, die ihre Tourneen letztes Jahr verschieben mussten, balgen sich nun mit denen, die heuer neue Alben promoten wollen, um die geschrumpften Termine. Kommerzielle Überlegungen werden den Ton angeben, Originalität aus dem Programm kippen.»


«Das Nachholbedürfnis wird immens gross sein»

Nina Burri, Kontorsionistin/Schlangenfrau

Bild: zVg

«Ein Künstler ist für den Schweizer Normalbürger leider immer noch ein Mysterium und darum im wahrsten Sinne des Wortes ‹unfassbar›. Man kann Kunst und oft auch die Kultur schlecht einordnen im bürgerlichen oder 08/15-Denken. Man kennt die Seite hinter dem Vorhang nicht: den Aufwand für ein Theaterstück, die unzähligen Proben und Trainings hinter einer kurzen Performance, den genauen Lohn dafür.

Alles ist sehr individuell und wird darum von viele Menschen gerade in der Krise als ‹systemunrelevant› abgetan: ‹Ach die Künstler*innen, jetzt kommen die auch noch, die sollen doch auch einmal untendurch, bekommen ja sonst schon zu viel Aufmerksamkeit, schmarotzen jetzt fürs Nichtstun!› Solches und Ähnliches liest man allzu oft in den Kommentar-Spalten.

Für den Lohn, den wir Künstler*innen nehmen, würde manch einer nicht einmal aufstehen am Morgen. Auch hört man im Gegensatz zu ebenfalls gebeutelten Branchen kaum etwas von uns in den Medien. Wahrscheinlich, weil es manch ein Künstler schon aufgegeben hat öffentlich zu kämpfen, und wir uns Krisen, in denen es schlecht läuft, eher gewohnt sind.

Aber wer bis jetzt durchgehalten hat und sich irgendwie über Wasser halten konnte, wird auch wieder zurückkommen. Das Nachholbedürfnis der Menschen an Zusammenkommen, Geniessen, Live-Performances und Events wird immens gross sein. Die Krise hat auch viele neue Möglichkeiten gebracht Kunst und Kultur zu vermitteln, etwa via Internet. Aber es geht nichts über den direkten Kontakt zwischen Publikum und Akteur, Sänger, Tänzer oder Zirkusartist.

Meine Hoffnung besteht darin, dass die Leute nach so langer Abstinenz endlich begreifen, wie wichtig Kultur und Kunst ist im Leben jedes einzelnen Menschen. Wir Künstler*innen und die Institutionen haben dann die Chance zu zeigen, dass Trash-TV, eine Samstagabend-Show mit eingespieltem Applaus, Streaming von Online-Konzerten oder die 100. Quizshow das Live-Erlebnis niemals ersetzen können.

Da ich an Dualität in allen Dingen glaube, müsste nach einer so langen Durststrecke, diesem ‹Low›, bald ein ‹High› folgen, mit einer grossen Nachfrage für künstlerische Angeboten. Dann muss man bereit sein und überzeugen. Das ist unsere Chance.

PS: Ein wahrer Künstler ist und bleibt auch dann ein Künstler wenn er/sie/es nichts mit seiner Kunst verdient, und dennoch weitermacht.»


«Die Zwangspause kann auch eine Chance sein»

Alain Mehmann, Mitinhaber Klaus Club, Zürich

Bild: Jan Hedlund

«Egal, wo und wann: Musik, Tanzen und Feiern waren seit jeher ein wichtiger Teil der menschlichen Interaktion. Insofern ist für mich nicht die Frage, ob es im Nachtleben wieder wird wie früher, sondern wann.

Dass es bis dahin zu einem Kahlschlag bei Clubs und Bars kommt, glaube ich nicht, auch wenn viele aufgrund der hohen Fixkosten ums Überleben kämpfen. Insofern kann die Zwangspause auch eine Chance sein, sei es um sich neu zu erfinden, um Kraft zu tanken oder einfach nur wegen dem riesigen Nachholbedürfnis, welches die Gäste haben werden.»


«Ich erreiche Leute, die noch nie an meinen DJ-Gigs waren»

Maurizio Colella, DJ und Musik-Entrepreneur

Amanda Nikolic

«Durch unsere Live-Streamings mit sechs Millionen weltweiten Zuschauern*innen erreiche ich Leute, die noch nie an meinen Live-DJ-Gigs waren. Es fehlen bald ein Jahr die Touring-Einnahmen von den Gigs. Nicht nur die aktuellen Songs, auch mein Backkatalog spülen zum Glück weiterhin ein Gehalt eines Top-Managers rein.»

«Nie die Hoffnung verlieren»

Tino Andrea Honegger, Produzent, Regisseur und Musicaldarsteller

Bild: zVg

«Auf den ersten Blick bedeutet die Situation für uns Kulturschaffende ‹Rien ne va plus›. Aber auf den zweiten Blick birgt die Krise auch Chancen. Trübsal blasen bringt nichts. Aus dem Fenster schauen und auf bessere Zeiten warten ist vergebene Liebesmüh. Aufgeben? Nein!

Jedes Ende ist auch der Anfang einer neuen Reise. So habe ich die Zeit genutzt und ein Buch geschrieben, um anderen Mut zu machen. Der Titel ist mein Credo und spiegelt meine Geisteshaltung wider: ‹Scheiss drauf – jetzt erst recht!› In meinem Buch beschreibe ich, wie man gegen alle Widerstände sein Ding durchziehen kann und nie die Hoffnung verliert.»


Der erste Teil der Umfrage erschien gestern Samstag, 13. Februar, auf «blue News».

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