Etwas Schweissgeruch und ganz, ganz viel Flirten

Von Bruno Bötschi

4.7.2021

Der Eingang des Clubs Hive in Zuerich, aufgenommen am Freitag, 3. Juli 2020. (KEYSTONE/Ennio Leanza)
Ein Abend im Club: Warum Antidepressiva schlucken, wenn das Tanzen gegen den Corona-Blues schneller hilft?
Bild: Keystone

Tanzen verbindet, Tanzen macht glücklich. Unser Autor nutzte an diesem Wochenende die Gelegenheit, nach einer langen Durststrecke endlich wieder tanzen zu gehen. Ein Augenschein.

Von Bruno Bötschi

4.7.2021

Endlich wieder die Nacht um die Ohren schlagen. Endlich wieder in der Schlange stehen. Covid-Zertifikat und Identitätskarte vorweisen, einmal die Tasche herzeigen und rein geht es: in den Club.

Gestern Samstagabend erwachte die Zürcher Clubkultur zum zweiten Mal innert Wochenfrist aus ihrem tiefen Corona-Schlaf. Nach dem ewig langen Lockdown sind die Nachtlokale endlich wieder offen. Ich selber tanze zum ersten Mal seit ganz langer Zeit wieder einmal in einem Club – und zwar im Hive in Zürich.

Bum. Bum. Bum. Bum. Tanzen, als gäbe es keinen Morgen mehr.

Ich habe doppeltes Glück. Mein Name steht auf der Gästeliste. Ein Freund von mir ist DJ. Ich bin deshalb schneller drin, als viele andere Gäste. Sie müssen stattdessen draussen vor dem Eingang in der Schlange warten. Die ist allerdings deutlich kürzer als noch in der Woche davor, als das Hive Wiedereröffnung feierte.

Es wird gelacht, es wird geflirtet

Bereits beim Hineingehen fällt mir auf: Die Stimmung der Menschen ist ausnehmend gut. Es wird gelacht, es wird geflirtet. Miesepeter scheinen an diesem Abend keine unterwegs. Und das ist gut so.

Ich will in dieser Nacht einfach wieder einmal ein paar Stunden tanzen. Denn das macht mir viel mehr Spass als neben schwitzenden Menschen in schlecht belüfteten Fitnesscentern Muskelaufbau zu betreiben.

Bum. Bum. Bum. Bum. Tanzen, als gäbe es keinen Morgen mehr.

Musik ist wunderbar, sie trifft den Bauch, greift den Brustkorb an, schüttelt den Oberkörper durch. Während langen Clubnächten geht es eben nicht nur um Hemmungslosigkeit – und wenn, dann muss es nicht immer gleich in einer bewusstseinserweiternden Form unter Zuführung irgendwelcher Pillen sein.

Bereits beim Anstehen vor dem Club fällt auf: Die Stimmung der Menschen ist ausnehmend gut. Es wird gelacht, es wird geflirtet.
Bild: bb

Natürlich könnte ich es mir an diesem Samstagabend wie so oft in den letzten Monaten daheim auf dem Sofa gemütlich machen und irgendeine neue Netflix-Serie reinziehen. Ich könnte ein Buch lesen, mit Freunden etwas kochen oder zusammen in ein Restaurant essen gehen.

Ich könnte noch viele andere nette Dinge tun – mache ich auch oft. Aber heute will ich einfach: tanzen, ausgelassen tanzen. Mit meinen Freundinnen und meinen Freunden. Weil es uns Spass macht, weil wir es wieder einmal brauchen, das Schütteln im Takt. Genau, warum Antidepressiva schlucken, wenn das Tanzen gegen den Corona-Blues besser und schneller hilft?

Bum. Bum. Bum. Bum. Tanzen, als gäbe es keinen Morgen mehr.

Es ist kurz nach Mitternacht, vorsichtig justiere ich mich für ein paar nächtliche Stunden. Ich trinke an der Bar einen Wodka-Orange, dann stehe ich auch schon auf der Tanzfläche. Ich gebe zu, anfänglich ist es mir in der Magengegend noch etwas flau: so viele Menschen und alle ohne Masken.

Doch schon bald ist mir, als spüre ich auf dem Dancefloor Hoffnung auf ein zurückgewonnenes Stück Freiheit. Auf eine Zeit nach Corona.

Aufbruchstimmung der lustvollen Art

Momoll, die Stimmung auf der Tanzfläche ist gut, nein, wunderbar. Es wird viel gelacht, es wird geschäkert. Und, wie mir scheint, öfters als sonst geredet. Aufbruchstimmung der lustvollen Art.

Es scheint als dürsten die Menschen nach anderen Menschen, nach neuen Bekanntschaften, nach Zusammensein, nach Nähe. Und trügen die muskelbepackten Security-Männer und die Barmitarbeiterinnen und -mitarbeiter nicht alle eine Maske, hätte ich wohl schon nach kurzer Zeit vergessen, dass wir in durchaus komplizierten Zeiten leben.

Club goers party at the MAD (Moulin a Danse) night club on the first evening after COVID-19 measures were eased enabling the reopening of discotheques at full capacity and without mask upon presentation of COVID certificates in Lausanne, Switzerland, early Saturday, June 26, 2021. (KEYSTONE/Valentin Flauraud)
Auch im Club Mad in Lausanne wird nach der Lockerung der Covid-19-Massnahmen jetzt wieder getanzt und geflirtet.
Bild: Keystone

«Wann war dein letztes Mal?», fragt mich eine Frau, als ich das zweite Mal an der Bar stehe und ein Mineralwasser bestelle. Ich überlege kurz, dann antworte ich: «Irgendwann vor zwei Jahren war ich zum letzten Mal hier. Und du?» – Antwort: «Bei mir muss es im Sommer 2020 gewesen sein, da war ich ein- oder zweimal da.»

Bum. Bum. Bum. Bum. Tanzen, als gäbe es keinen Morgen mehr.

Ausgehen macht glücklich, sich die Nacht um die Ohren zu schlagen, beschwingt. In der vergangenen Nacht habe ich es noch ein grosses Stück mehr genossen als vor der Corona-Pause. Und deshalb bleib ich diesmal auch ein Stündchen länger also normal. Denn wer weiss, was noch kommen wird.

In dieser Nacht jedoch lasse ich mir die Stimmung nicht vermiesen von irgendwelchen Zukunftsängsten. Ich tanze so lange wie mich meine Füsse tragen und geniesse es, dass ein Stück Normalität zurückgekehrt ist.

Und etwas Schweissgeruch.