Val Grande – ein Ort von Krieg und Frieden

Caroline Fink

4.11.2019 - 17:00

Der wilde Rio Pogallo sprudelt frei durch die Buchenwälder das gleichnamigen Tals.
Bild: Caroline Fink

Im italienischen Val Grande vermischt sich die grösste Wildnis der Alpen mit einem erschütternden Kapitel menschlicher Geschichte. So ist das Gebiet heute weit mehr als ein Nationalpark: Es ist ein Plädoyer für den Frieden und eine Erinnerung ans Erinnern.

Wir wandern seit zwei Tagen kahle Bergrücken hoch, rasten auf Gipfeln im Nordwind und kraxeln Felsgrate hinab. Auf und ab geht es, hinter uns die Po-Ebene, deren Weite im Dunst verschwindet, rund um uns Gipfel wie Zähne aus okkerfarbenem Gras und Fels, darunter mächtige Täler mit Teppichen aus Buchenwäldern.

Wir sind im Val Grande. Jenem italienischen Nationalpark, der sich zwischen Domodossola und Locarno an die Schweizer Grenze schmiegt. Die grösste Wildnis der Alpen.

Ein Ort, wo nachts der Ruf von Eulen durch stille Täler hallt und wir tagsüber während fünf Tagen auf kein einziges Dorf treffen werden. Einsam, wild, archaisch schön ist dieser Winkel der Alpen. Und wenn wir abends im Schein der Solarlampe vor dem Zelt sitzen und auf dem Gaskocher Pasta mit Steinpilzen und getrockneten Tomaten kochen, meinen wir uns im Paradies.

Am Rande des Nationalparks, im hintersten Valle Cannobina, zieht früh morgens Nebel über die Talflanken.
Bild: Caroline Fink

Oder zumindest an einem Ort, an dem sich tun lässt, was der US-amerikanische Naturschützer John Muir vor über hundert Jahren empfahl: «Break clear away, once in a while, and climb a mountain or spend a week in the woods. Wash your spirit clean.»

Hie und da kommen wir an zerfallenen Alphütten vorbei. Einmal gar an einem zweistöckigen Haus, umrankt von Farn und Efeu, über den Mauern blauer Himmel anstatt eines Dachs.

An einem schief hängenden Fensterladen aus Metall entdecken wir eine Reihe von Einschusslöchern. Wir wundern uns und schlagen abends im Zelt das historische Kapitel des Wanderführers auf. Lesen von italienischen Partisanen, die im zweiten Weltkrieg gegen Nazis und Faschisten kämpften und deren Hochburg das Val Grande war.



Hier, in Alphütten, Felskuhlen und Wäldern, versteckten sich über 450 Partisanen und leisteten Widerstand gegen die Übermacht der Faschisten. Bis es zum «Rastrellamento» kam: der Durchkämmung.

Wir lesen von Nazis, die in einem Maiensäss namens Pogallo – direkt unter uns im Talboden – ein Hauptquartier einrichteten und mit 1700 Soldaten das gesamte Gebiet durchkämmten. Wir lesen davon, wie fast alle Partisanen starben. Manche im Kampf, andere auf der Flucht im Wald, wieder andere als Gefangene, gefoltert und exekutiert; 18 Partisanen mussten in Pogallo ihr eigenes Grab ausheben, bevor die Nazis sie erschossen.

Während den folgenden drei Tagen ziehen wir weiter über Grate und durch Buchenwälder, baden in glasklaren Becken eines Wildbachs, hören in der Stille Vögel zwitschern und Hirsche röhren und fragen uns immer wieder:

Wie konnte diese menschliche Brutalität inmitten dieses Orts des Friedens stattfinden? Und wie war dies in Westeuropa vor solch kurzer Zeit noch möglich? Meine Grossmutter war damals 14 Jahre alt und sie lebt heute noch.

Wo einst Alphütten standen, wachsen heute Birken und Farn; hier im Val Pogallo.
Bild: Caroline Fink

Irgendwann fällt mir der brasilianische Fotograf und Humanist Sebastião Salgado ein. Er erlebte 1994 per Zufall den Völkermord in Ruanda. Danach sagte er, die Menschheit hätte es nicht mehr verdient zu leben. Seine Arbeit veränderte sich radikal:

Anstatt sozialkritischer Reportagen aus Krisengebieten fotografierte er fortan jahrelang die Kraft der Erde: Eisberge, Täler, Gipfel, Robben, Wale, Ozeane. Dies habe ihn Hoffnung und Lebenskraft schöpfen lassen, sagte er später. «Zu spüren, dass die Erde mit ihren Wundern überdauern wird, selbst nach dem Ende der Menschheit.»

Auch die Wildnis des Val Grande ist ein Beispiel dafür: dass der Friede überdauern und das Leben siegen wird. Immer. Dennoch bin ich froh um die Kapellen am Wegrand rund um Pogallo. Sie erinnern daran, was war. Und damit auch daran, was nie mehr sein soll. Weder hier noch anderswo.

Zur Autorin: Caroline Fink ist Fotografin, Autorin und Filmemacherin. Selbst Bergsteigerin mit einem Flair für Reisen abseits üblicher Pfade, greift sie in ihren Arbeiten Themen auf, die ihr während Streifzügen in den Alpen, den Bergen der Welt und auf Reisen begegnen. Denn von einem ist sie überzeugt: Nur was einen selbst bewegt, hat die Kraft, andere zu inspirieren.

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