Wenn das Foto das Einzige ist, das bleibt

Sulamith Ehrensperger

10.9.2020 - 06:50

«Herzensbilder» schenkt professionelle Familienfotografien. Dort, wo ein Kind oder Elternteil schwer krank ist oder wo ein Kind zu früh oder still geboren wird.
«Herzensbilder» schenkt professionelle Familienfotografien. Dort, wo ein Kind oder Elternteil schwer krank ist oder wo ein Kind zu früh oder still geboren wird.
Bild: Teresa Hess

Teresa Hess macht ehrenamtlich Fotos von Sternenbabys und Kindern, die schwer krank oder zu früh geboren werden. Als «Fotoengel» ist sie plötzlich mittendrin, in den schwierigsten Lebensmomenten einer Familie.  

Den Hochzeitskuss, den Babybauch, das erste Lächeln eines Kindes: Teresa Hess fotografiert meist die glücklichsten Momente im Leben von Brautpaaren und Familien. Als Familienfotografin trete sie bei ihrer Arbeit in einen sehr privaten Raum ein: «Manchmal bin ich die Erste, die den Namen des ungeborenen Kindes erfährt, und oft begleite ich Menschen von der Hochzeit bis zur Geburt ihrer Kinder über mehrere Jahre hinweg.»

Doch nicht nur das perfekte Glück, auch Sturm, Krisen und Trauer im Leben von Familien fängt die 31-Jährige mit ihrer Kamera ein: Auf der Neonatologie, auf Intensiv- oder Krebsstationen etwa, wenn Familien die wohl schwierigsten Lebensmomente erleben. Wenn sie ihr Kind für immer gehen lassen müssen oder es mit einer lebensbedrohenden Krankheit zu kämpfen hat.

Jedes Schicksal, das sie begleitet, ist anders

Teresa Hess ist Teil von «Herzensbilder», einem Verein, der Familien von schwerkranken, behinderten oder zu früh geborenen Kindern ein Shooting mit einem Profi-Fotografen schenkt. Jedes Schicksal, das sie begleitet, ist anders, die Zukunft meist ungewiss. Da sind Eltern, die wissen, dass sie ihr Kind im Bauch verlieren werden und sich Schwangerschaftsfotos wünschen, oder Sternenkinder, Babys, die vor, während oder kurz nach der Geburt sterben müssen und den Eltern oft nur ein einziges Foto bleibt. «Da, wo die Engel in Weiss nichts mehr ausrichten können, können wir immerhin noch Bilder schenken. Wir können etwas geben, etwas Bleibendes, um der Trauer Raum zu schenken.»

Teresa Hess rückt auch Neugeborene ins beste Licht. Ihr Studio ist speziell für Babyfoto-Shootings eingerichtet.
Bild: Teresa Hess

Einer ihrer ersten Einsätze als «Herzensbilder»-Fotografin kam ganz unerwartet vor sechs Jahren an einem Samstagabend. Sie genoss gerade ihren freien Abend, als sie der Aufruf erreichte: «Ich habe mich sofort angesprochen gefühlt.» Es ging um Zwillingsfrühchen im Aargau, das eine würde es nicht schaffen, hiess es. «Meine Gedanken auf dem Weg drehten sich tatsächlich um die Lichtverhältnisse. Ich dachte unentwegt daran, wie ich es anstellen sollte, würdevolle Bilder dieses kleinen Schatzes zu zaubern.»

Doch vor Ort angekommen seien all diese Gedanken wie weggeblasen gewesen, die Emotionen übernahmen. Im ersten Moment habe sie die Trauer der Familie gespürt, doch zu ihrem grossen Erstaunen auch Erleichterung. «Das Mami der Zwillinge drückte meine Hand und sagte: ‹Danke, dass Sie da sind.› Dieser Satz in Verbindung mit all den Emotionen, die in dem Moment über mich hereinbrachen, hat sich wie ein Mantra eingebrannt.» Seither denke sie bei jedem Einsatz: «Danke, dass ich da sein darf.»

«Es hat mir das Herz zerrissen»

Hinter ihren unermüdlichen Einsätzen steht eine sehr persönliche Geschichte: Aus eigener Erfahrung wisse sie, wie es ist, wenn die Familie plötzlich in einen Sturm gerate. «Ich habe immer gespürt, dass mein Mami etwas bedrückt, sie konnte es aber nie aussprechen.» Bis ihr die Mutter eines Tages im Vertrauen erzählte: «Dass sie meine kleine Schwester bei der Geburt verloren hatte. Es hat mir das Herz zerrissen. Ich habe mich einfach hilflos gefühlt.» Zu diesen Zeiten war das Thema ein grosses gesellschaftliches Tabu. «Meine Eltern haben auch offen zugegeben, dass sie sich darüber nicht ausgetauscht haben. Das Kind wurde ihnen genommen, was blieb, war das Schweigen.»

Teresa Hess ist Familien- und Hochzeitsfotografin in Zürich. Sie sagt von sich selbst: «Ich bin mit der analogen Kamera in der Hand aufgewachsen und der daraus entstandene Wunsch, den Beruf Fotografin zu erlernen, wurde mir erfüllt.»
Bild: Teresa Hess

Bei ihren Einsätzen als «Herzensbild»-Fotografin erlebt Hess viele Abschiede für immer, wie auch Geschichten, die doch gut ausgehen. Da war dieser zarte Junge, bei dem pränatal ein Herzfehler diagnostiziert wurde und die Ärzte nach der Geburt noch weitere Fehlbildungen entdeckt hatten. «Die Informationen, die ich zu diesem Einsatz erhielt, klangen so ernüchternd, dass ich erwartete, eine am Boden zerstörte Familie vorzufinden», erinnert sich Hess. «Ich bin mit angezogenen Schultern in diesen Raum gekommen und habe die Kamera schützend vor mich gehalten.»

Doch die Eltern und die Grossmutter des kranken Babys lächelten sie an. In diesem Moment seien alle negativen Gedanken von ihr abgefallen: «Da war so viel Liebe in diesem Raum, dass ich mir nicht vorstellen konnte, dass dieser kleine Kämpfer es nicht schaffen könnte.» Anderthalb Jahre später trafen sie sich am Pfäffikersee zu einem Familien-Shooting. Dem Jungen gehe es heute gut – nach mehreren schweren Operationen.

«Es ist gut und wichtig, was du machst»

«Ich bin ein hoffnungsloser Optimist, es ist wirklich furchtbar», sagt die Fotografin lachend über sich selbst. Ihr Optimismus trägt sie auch durch die zuweilen nahegehenden Einsätze als «Fotoengel». Rückhalt findet Hess beim «Herzensbilder»-Team, das einander immer wieder von neuem bestärkt, wenn sich jemand zu einem Einsatz auf den Weg macht: «Natürlich dürfen wir keine Informationen über die Einsätze weitergeben, doch es reicht schon, wenn man mit einem ‹es ist gut und wichtig, was du machst› das Spital betreten darf.»

Mit «Herzensbilder» möchte Teresa Hess Familien in herausfordernden Lebenssituationen etwas Bleibendes schenken. Als «Fotoengel» übernimmt sie meist Notfalleinsätze.
Mit «Herzensbilder» möchte Teresa Hess Familien in herausfordernden Lebenssituationen etwas Bleibendes schenken. Als «Fotoengel» übernimmt sie meist Notfalleinsätze.
Bild: Teresa Hess

Sicher spiele auch ein bisschen mit rein, dass sie selber keine Kinder habe: «Natürlich fühle ich zutiefst mit den Familien, aber ganz sicher geht es einem noch näher, wenn man selber ein Kind geboren hat und dieses als Mutter oder Vater zu beschützen hat.»

Fotos, die das kurze Dasein eines Kindes würdigen

Mit Babys und Kindern habe sie früher so gar nichts anzufangen gewusst, erzählt Hess. «Noch während meiner Ausbildung zur Fotografin habe ich das Weite gesucht, sobald ein Baby-Shooting auf dem Programm stand. Doch die Kinder haben mich seltsamerweise immer geliebt.» Diese Berührungsängste liessen nach, als zwei ihrer engsten Freunde Eltern wurden und Hess merkte, wie viel Freude es ihr machte, diese Momente einzufangen. «Das hat mir das Herz aufgehen lassen. Ich wusste gar nicht, dass man so viel Liebe für ein so kleines Wesen haben kann.» Sie habe nach vielen Unterhaltungen mit Hebammen, Ärzten und anderen Fotografen ihre eigene Kommunikation mit Babys gefunden: «Ich wäre vielleicht die perfekte Neugeborenen-Mami, aber danach hätte ich keinen Plan», scherzt sie.

Bei «Herzensbilder» könne sie Familien in herausfordernden Lebenssituationen etwas geben: Fotos, die das kurze Dasein eines Kindes würdigen und den Eltern helfen, ihre Erinnerungen zu bewahren. Das Vertrauen dieser Familien, sie in solch intimen Momenten an ihrem Leben teilhaben zu lassen, sei für sie so wertvoll, wie die Augenblicke, die sie mit ihren Fotos greifbar macht.



«Bluewin» hat mit «Herzensbilder»-Gründerin Kerstin Birkeland gesprochen, die den Verein nach dem Tod ihres Sohnes ins Leben gerufen hat. Dieser erste Teil erschien am 4. SeptemberWeitere Informationen finden Sie auf herzensbilder.ch.

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