Wie man keine Pilze findet

Caroline Fink

14.9.2020 - 00:08

Hallimasche und Helmlinge wachsen auf einem Baumstrunk.
Bild: Caroline Fink

Seit Jahren wünsche ich mir, im Wald ein Körbchen Steinpilze oder Pfifferlinge zu finden. Ohne Erfolg. Immerhin weiss ich nun, warum es mit meinem Sammlerglück hapert. Und wie sich dies ändern liesse.

In meinem engsten Umfeld gibt es mehrere Leute, die finden Pilze. Immer und überall. So scheint es mir zumindest. Sie fahren mit dem Bike eine Runde im Wald und kommen mit einem Dutzend Steinpilzen zurück.

Sie gehen auf einen Sonntagsspaziergang und füllen abends fünf Einmachgläser mit Eierschwämmchen. Gehe ich hingegen in den Wald, so finde ich: nichts. Jedenfalls nichts an essbaren Pilzen.

Was mich schon vermuten liess, dass ich mit einer negativen Aura auf die Gewächse einwirke. Dass diese sich quasi verbergen oder fliehen, sobald ich auftauche.

Meine Pilz-Aura

Wobei das früher ganz anders war: Als ich mit den Grosseltern «i'd Schwümm» – wir lebten in berndeutschem Gebiet – ging, fand ich Schirmlinge, Maronenröhrlinge, Schopf-Tintlinge. Ein Trost, würde dies doch bedeuten, dass sich meine Pilz-Aura im Lauf des Lebens nochmals verändern kann.

Kürzlich dann lagen vier winzige, getrocknete Eierschwämmchen bei mir daheim auf der Küchenablage. Ich hatte sie zum Trocknen dorthin gelegt. Meine Putzfee – ebenfalls erfolgreiche Pilzsammlerin – strahlte. «Oh, du hast schöne Pilze gefunden!» Ich sagte: «Ja ja.» Ohne zu erklären, wie ich zu diesen gekommen war.

Viele sind es, doch leider keine Pfifferlinge.
Bild: Caroline Fink

Nämlich so, dass wir zu zweit durch den Wald gekraxelt waren, und mein Gegenüber die Schwämmchen entdeckte, während ich pilzblind eine Armlänge daneben gestanden hatte. Er schenkte sie mir. Vielleicht aus Mitgefühl. Und weil er derjenige ist, der per Bike genauso viele Pilze wie Trails findet.

Waldstücke in einem bestimmten Muster abwandern

Mittlerweile habe ich indes auch bemerkt, was echte Sammler von mir unterscheidet: Sie gehen mit System vor. Sie wandern Waldstücke in einem bestimmten Muster ab. Machen ab Spätsommer Kontrollgänge. Fahren für ein ganzes Wochenende ins Berner Oberland, um fette Beute zu machen. Ja sie setzen sogar Waypoints auf den Landeskarten ihrer Smartphones, um die besten Plätzchen nächstes Jahr wiederzufinden.

Und ich? Ich mache von all dem nichts. Ich träume von einem Chrättli voller Pfifferlinge und stolpere zweimal pro Herbst vor Einbruch der Dunkelheit neben dem Weg eine halbe Stunde lang durch den Wald.

Wobei ich zugeben muss, dass es eine Tätigkeit gibt, bei der auch ich Pilzen begegne: beim Fotografieren im Wald. Wahrscheinlich, weil ich dann diszipliniert vorgehe und mir Zeit nehme.

Nebelkappen, wie andere Pilzarten auch, bilden aufgrund ihres Wuchsbildes einen sogenannten «Hexenring».
Bild: Caroline Fink

Einmal fand ich, mit der Kamera in der Hand, sogar einen ganzen Ring von Pilzen, einen sogenannten Hexenring. Oder Schwämme, die wie Korallen aussehen. Um welche Pilzarten es sich dabei handelt, interessiert mich dann nicht. Am Ende des Tages will ich diese ja weder sammeln noch essen, sondern fotografieren. Hauptsache Licht und Schärfentiefe stimmen.

Doch wer weiss, vielleicht werde ich diesen Herbst ja mal so auf Pilzsuche gehen, wie sonst bei der Arbeit – mit System und einem Plan. Das Ziel und dessen erfolgreiche Umsetzung vor Augen: ein halbes Dutzend Steinpilze. Plus Eierschwämmchen fürs Einmachglas. Jawohl.

Zur Autorin: Caroline Fink ist Fotografin, Autorin und Filmemacherin. Selbst Bergsteigerin mit einem Flair für Reisen abseits üblicher Pfade, greift sie in ihren Arbeiten Themen auf, die ihr während Streifzügen in den Alpen, den Bergen der Welt und auf Reisen begegnen. Denn von einem ist sie überzeugt: Nur was einen selbst bewegt, hat die Kraft, andere zu inspirieren.

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