Corona-Trend – Wandern hinterlässt Spuren in den Wäldern

Carolin Gissibl und Elke Richter, dpa

19.8.2020 - 09:25

Wald statt Ballermann: Wegen Corona gönnen sich Menschen vermehrt eine Auszeit, gerne im vermeintlich ruhigen Idyll. Nicht immer wird dabei Rücksicht auf die Natur genommen. Doch es gibt auch positive Folgen.

Wasser plätschert, es riecht nach Bärlauch entlang des Böhlbaches im Steigerwald. Ein idyllisches Fleckchen im deuschen Landkreis Hassberge. Jedoch nicht während des Lockdowns:

Autos aus Regionen wie Hamburg und Berlin parken die Wege zu, ein Anwohner trug auf seinem Liegestuhl im Garten einen Gehörschutz.

Der Andrang am Böhlgrund war auch Folge einer Werbung der Bayerischen Staatsforsten in Ebrach mit zehn «Coronavirus-Ausflugstipps». Doch ähnliche Situationen zeigten sich in den letzten Monaten vielerorts in Bayern – nicht nur dort, wo Erholungssuchende bewusst hingeschickt wurden.

Immer mehr Waldbesucher

«Der Wald stärkt das Immunsystem, und «Wald-Baden» wirkt sich positiv auf die Psyche aus», erklärt Forstbetriebsleiter Ulrich Mergner den Grund, warum man die Ausgangsbeschränkung nutzte, um Besucher zu locken. Es scheint unbestritten, dass mehr Menschen in Corona-Zeiten in den Wald gehen.

Einen entsprechenden Anstieg registrieren nicht nur die Bayerischen Staatsforsten, sondern auch der Waldbau-Professor Michael Suda von der Technischen Universität München. Er hat ab Ende April sechs Wochen lang Waldbesucher befragt und ebenso wie eine Untersuchung in Baden-Württemberg herausgefunden, dass die Zahl der Besucher und Besuche deutlich angestiegen ist.



Zwischen Bäumen und Büschen könnten die Menschen abschalten, die Störungen durch Autolärm, Gestank, Stress und Hektik würden reduziert. Dazu kämen die nachgewiesenermassen gesundheitsförderlichen Aspekte wie eine vermehrte Ausschüttung von Endorphinen oder Bildung von Abwehrzellen.

Besucherandrang durch die Coronakrise

Und ein dritter Faktor ist laut Suda entscheidend: «Der Wald ist die letzte konsumfreie Zone. Sie können in den Wald gehen und haben kein Geld dabei und es macht nichts. Das macht ganz viel Erholung aus, dass man nicht an Konsum denken muss, sondern sich auf andere Dinge, auf das Grün um einen herum, konzentrieren kann.»

In Bayern sind laut Bund Naturschutz (BN) und Landesbund für Vogelschutz (LBV) vor allem stadtnahe Wälder, der Bayerische Wald und die Alpenregion Besuchermagneten. «Zu Beginn von Corona gab es durch den vermehrten Besucherandrang regelrechte Aufschreie im Alpenraum», erinnert sich Ralf Straussberger vom BN.

Interessanterweise scheinen sich viele Menschen besonders an jenen Zeugen der Zivilisation zu stören, die zeigen, dass auch andere Menschen im Wald unterwegs sind – kleine Papierfetzen etwa. «Dabei geht der grösste Teil der Waldbesucher total verantwortlich mit dem Wald um», betont Suda. «Der Wald ist ein total wichtiger, wertgeschätzter Ort.»

Nur ein verschwindend geringer Anteil der Besucher hinterlasse Müll oder ritze Kritzeleien in Baumrinden – was allerdings in der Öffentlichkeit oft stark wahrgenommen werde.

Besucher hinterlassen Müll

So spielte in den Medien nicht nur der Besucherandrang im Einzugsgebiet von München eine grosse Rolle, wo vor allem die Oberländer über vollgeparkte Strassen, Müll und Lärm klagten. Auch im Nationalpark Berchtesgaden gab es Aufregung. Zum Beispiel sollen Hunde von Spaziergängern den gerade erst aus dem Winterschlaf erwachten Murmeltieren nachgestellt haben. In einem anderen Fall schossen Unbekannte mit einer Pistolenarmbrust auf einen Auerhahn.



Hinzu kommen die verzweifelten Versuche des Nationalparks, der grossen Beliebtheit einer Gumpe Herr zu werden. Das zur Selbstdarstellung bei Instagram beliebte Fotomotiv hatte zur Folge, dass die zuvor eher versteckt liegende Wasserstelle heuer überrannt wurde – samt zertrampelter Vegetation, illegalen Lagerfeuern und verbotenem Zelten.

«Wir haben nicht nur den Eindruck, dass sich zahlenmässig mehr Menschen im Wald aufhalten, sondern viele Besucher verhalten sich auch anders», resümiert auch LBV-Vorsitzender Norbert Schäffer und spricht von einem «Rückschlag». «Müll in der freien Natur zum Beispiel war eigentlich ein Problem, das wir gelöst hatten.» Auch der BN berichtet, dass laut Forstarbeitern wesentlich mehr Abfall in den Wäldern liege.

Mehr Aufklärung nötig

«Wenn die Leute hierzulande Ferien machen, ist das zu begrüssen, da die Fliegerei eine grosse Klimabelastung verursacht», betont Straussberger. Der Bund Naturschutz plädiert dafür, touristische Hotspots und Tagestourismus zu vermeiden. «Lieber ein paar Tage bleiben, auf das Auto verzichten und öffentliche Verkehrsmittel nutzen», sagt Straussberger.

Und an die Verhaltensregeln halten: In Gebieten, in denen sich Wiesenbrüter oder Auerwild, Birkwild und Schwarzstorch aufhalten, gebe es eigentlich die Vorschrift, dass die Wanderer auf dem Weg bleiben sollen. «Immer wieder wird uns aber berichtet, dass die Leute sich dort kreuz und quer bewegen», sagt Straussberger. «Die machen das ja nicht, weil sie die Tiere verscheuchen oder absichtlich stören wollen, sondern sie wissen es nicht.» Daher sei die durch Corona vermehrten Sommerferien im Wald auch eine Gelegenheit, die Menschen für die Natur zu sensibilisieren.

«Dabei sind Gebietsbetreuer und Ranger wichtiger als je zuvor», sagt Schäffer vom LBV. «Das Bedrückendste für mich: Ich kenne viele Ranger, die ausgebildet sind für ein sachlich-konstruktives Gespräch und die von manchen Menschen aggressiv angegangen werden.» Schäffer zufolge gab es in letzter Zeit eine Reihe von Fällen, in denen Wanderer und Mountainbiker Naturschutzbeauftragte oder Ranger auslachten, einfach stehenliessen, dumm anredeten oder gar handgreiflich wurden.

Die vielen Zugriffe auf die Homepage des LBV bestätigen aber auch das steigende Interesse an der Natur: «Wir haben Werte erreicht, die kannten wir bisher nicht», sagt Schäffer. Vor allem Seiten über Vogelartenbestimmung und Vogelbeobachtung würden die Leute anklicken. «Wir haben die Menschen nun draussen. Sie schauen sich unser Land genauer an, weil sie eben nicht in Spanien oder Griechenland sind. Das müssen wir als Chance sehen, um zwischen Natur, Lebensraum und den Menschen zu vermitteln.»

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