So will Venedig der Touristen-Flut Herr werden

tsha

15.1.2021

Touristen sitzen am 15. Juni 2003 in Venedig, Italien, im Cafe Florian am Markusplatz. (KEYSTONE/Gaetan Bally) === , === : FILM]
Das legendäre Café Florian am Markusplatz: So voll wie auf diesem Archivbild war es im vergangenen Jahr nicht – wegen Corona blieben die Touristen fern.
Bild: Keystone

Die Coronakrise war nur eine kurze Verschnaufpause: Venedig rüstet sich für die Rückkehr der Touristenhorden – mit Hightech und Millionen-Investitionen.

Wer im vergangenen Sommer nach Venedig fuhr, durfte sich so fühlen wie einer jener Touristen aus vergangenen Zeiten, die die Lagunenstadt noch weitgehend für sich allein hatten: Da konnte man um 7 Uhr morgens auf dem Markusplatz stehen, die Sonne am äussersten Zipfel des Lido aufgehen sehen – und wurde dabei nicht von Horden lärmender Tagestouristen ins schmutzige Wasser des Bacino San Marco abgedrängt.

Die Corona-Krise hatte der vielleicht schönsten Stadt der Welt eine Auszeit gegönnt, ihr gleichzeitig aber auch die eigene Abhängigkeit vom Tourismus schmerzhaft vor Augen geführt. Die Händler der unzähligen Souvenirläden, die vor Jahren die Altstadt eroberten, langweilten sich vor ihren ewig gleichen Auslagen, und die Restaurantbesitzer wussten nicht, wen sie mit ihren teils völlig überteuerten Preisen über den Tisch ziehen sollten.



Gäbe es den Begriff des Übertourismus nicht – man müsste ihn für Venedig erfinden. Fast 30 Millionen Touristen überrannten La Serenissima zuletzt jedes Jahr und brachten manchen der nur 50'000 Bewohner der historischen Altstadt nicht selten an den Rand der Verzweiflung.

Kreuzfahrtschiffe müssen draussen bleiben

Damit es in Post-Corona-Zeiten nicht mehr so weit kommt, hat die venezianische Regierung mehrere Massnahmen ergriffen. Grosse Kreuzfahrtschiffe sollen die Stadt nicht mehr wie bislang ansteuern dürfen, ab 2022 will Venedig ausserdem eine Touristensteuer einführen – nachdem der Start der neuen Abgabe wegen der Pandemie in diesem Jahr verschoben wurde.

Und noch etwas soll den Venezianern ein bisschen Ruhe vor Instagramern und Kulturtouristen aus aller Herren Länder verschaffen: moderne Technik. Im September vergangenen Jahres eröffnete auf der kleinen künstlichen Insel Tronchetto, die nahe der Brücke liegt, die das alte Venedig mit dem Festland verbindet, ein Hightech-Kontrollzentrum. Sein Ziel: die Touristenströme zu überwachen und zu steuern.

epa08390768 An aerial view of Piazza San Marco square at sunrise in Venice, northern Italy, 28 April 2020 (issued 29 April 2020), during a nationwide lockdown over the coronavirus disease (COVID-19) pandemic. Despite the lockdown and full absence of people, the scenery of the Italian squares and monuments remain fascinating. EPA/FABIO MUZZI ATTENTION: This Image is part of a PHOTO SET
Gespenstische Leere: der Markusplatz im vergangenen April.
Bild: Keystone

Mithilfe von Kameras, die in der ganzen Stadt installiert wurden, lässt sich erkennen, wo sich gerade besonders viele Touristen aufhalten. Anonym abgegriffene Handydaten geben ausserdem Aufschluss darüber, woher die Besucher stammen. Bislang liessen sich diese Daten nur für Reisende erheben, die über Nacht in Venedig bleiben – die vielen Millionen Tagesgäste aber fielen durch das Raster. In die Analysen aufgenommen werden auch die Bewegungen der vielen Wasserfahrzeug, die die Kanäle der Stadt durchpflügen, sowie der Wasserstand in der Lagune.

Konzepte für die Zukunft

So ergibt sich ein Gesamtbild darüber, was gerade los ist in Venedig – und wo gehandelt werden muss. Dank der gewonnen Daten können nun einzelne Teil der Stadt gezielter abgesperrt werden. Langfristiges Ziel aber ist, es gar nicht erst so weit kommen zu lassen. Die Daten sollen helfen, den Tourismus in Venedig besser zu verstehen, um so Konzepte für die Zukunft zu entwickeln.



Das Problem sei nicht, dass Venedig zu viele Touristen habe, sagte Valeria Duflot, die sich mit ihrem Unternehmen Venezia Autentica auf nachhaltiges Reisen spezialisiert hat, zu CNN: «Das Problem ist, dass alle Besucher zu den selben beiden Orten gehen: Markusplatz und Rialtobrücke.» Mithilfe der 3 Millionen Euro, die die neue Überwachungszentrale gekostet hat, sollen derartige Entwicklungen künftig vermieden werden.

In März begeht Venedig den 1600. Jahrestag seiner Gründung – im Jahr 421 soll San Giacomo geweiht worden sein, die angeblich älteste Kirche der Stadt. Venedig, sagte Marco Bettini, einer der Leiter der neuen Hightechzentrale, zu CNN, werde diesen Tag feiern – «mit Technologie».

Zurück zur Startseite