Wo die Schweiz ihre exotischen Seiten zeigt

Artur Kilian Vogel

1.7.2020 - 18:00

Donaudelta? Nein. Um unberührte Flussgebiete zu finden, genügt eine Reise in den Kanton Aargau.
Bild: Schweiz Tourismus

Wieso Mauritius? Wieso Malediven? Traumstrände gibt es auch an Schweizer Seen. Ein neues Buch zieht 60 überraschende Vergleiche.

Ferien im Ausland? Im Moment wollen viele darauf verzichten und lieber in der Schweiz bleiben. Eine gute Entscheidung, denn wie hatte Johann Wolfgang Goethe gesagt? «Sieh das Gute liegt so nah.»

Um diesen Satz zu beweisen, veröffentlichte der ehemalige Chefredaktor des Berner «Bund» und Globetrotter Artur Kilian Vogel am 6. Mai 2020 auf den Webseiten der Tamedia-Zeitungen 14 überraschende Vergleiche zwischen Orten in der Schweiz und der Welt.

Leserangebot: «Eine Weltreise durch die Schweiz»

Die Leserinnen und Leser von «Bluewin» können das Buch «Eine Weltreise durch die Schweiz» unter dem Codewort bw20ws zum Spezialpreis von Fr. 29.90 statt 34.90 (inkl. Porto und Verpackung) bestellen. Entweder direkt über die Homepage: www.woerterseh.ch, per E-Mail: leserangebot@woerterseh.ch oder telefonisch unter: 044 368 33 68. Achtung: Codewort nicht vergessen.

Die Geschichte hat Gabriella Baumann-von Arx, Verlegerin des Wörterseh-Verlages, derart gut gefallen, dass sie ihn bat, den Beitrag zu einem Buch mit 60 Vergleichen auszubauen. Dieses ist nun in kürzester Zeit entstanden.

Die Rocky Mountains beispielsweise lägen im Berner Oberland, kann man da lesen, die Seychellen im Vallée de Joux oder der Mekong im Bodensee. Oder wie wäre es mit einer Fahrt im Orient-Express von Zweisimmen durchs Saanenland und das Pays d’Enhaut nach Montreux? Die «Weltreise durch die Schweiz», geschrieben mit einem Augenzwinkern und mit prächtigen Fotos untermalt, ist ab dieser Woche im Buchhandel erhältlich.

«Bluewin» publiziert exklusiv sechs Vergleiche aus dem Buch. Leserinnen und Leser können den Bildband zu einem Spezialpreis kaufen (siehe obiges Leserangebot). Bei den Vergleichen handelt sich um einen originalen Textauszug. Deshalb erfolgten keine Anpassungen gemäss «Bluewin»-Regeln.

Monte Carlo

Zugegeben: Das Casino fehlt. Es befindet sich im nicht allzu weit entfernten Montreux. Und die Jachten sind kleiner. Auch eine boulevardpressetaugliche Fürstenfamilie gibt es am Lac Léman nicht. Aber ansonsten hat der Hafen von Lausanne-Ouchy etwas von Monte Carlo. Sogar die vornehmen Hotels aus dem neunzehnten Jahrhundert fehlen nicht: Das neugotische »Château d’Ouchy« und das »Beau-Rivage Palace« genügen auch verwöhnten Gästen.

Monte Carlo? Nein, Lausanne-Ouchy.
Bild: Switzerland Tourism, swiss-image.ch / Stefan Tschumi

Der Stadtstaat Monaco hat knapp vierzigtausend Einwohner, die Stadt Lausanne etwa hunderttausend mehr. Und an beiden Orten stammen große Teile der Bevölkerung aus dem Ausland: in Lausanne dreiundvierzig Prozent, in Monaco fast achtzig Prozent. Nur sind sie aus unterschiedlichen Gründen hier. Denn Monaco ist ein Steuerparadies, was man von Lausanne nun wirklich nicht sagen kann.

Orient-Express

Unter anderem dank Agatha Christie hat der Orient-Express einen legendären Ruf. Der Luxuszug verkehrte ab 1883 von Paris nach Konstantinopel (heute Istanbul). Später bestand ein ganzes Netz von Luxuszügen ab Paris und einigen Häfen am Ärmelkanal mit Zielen am Mittelmeer, in Mittel- und Südosteuropa.

Die letzte »Orient«-Verbindung wurde 2009 eingestellt. Aber das Flair solcher Luxus-Bahnreisen lässt sich weiterhin erleben: Die MOB, die Compagnie du Chemin de Fer Montreux Oberland Bernois, betreibt seit mehr als hundert Jahren eine Bahnverbindung durch die teils sanfte und saftig grüne Hügellandschaft, teils raue Bergwelt zwischen Zweisimmen im Berner Oberland und Montreux am Genfersee, den sogenannten Goldenpass.

Orient-Express? Nein, der Goldenpass Classic der MOB.
Bild: MOB

Ein spezieller MOB-Zug mit Wagen im Stil der Belle Époque, dem Orient-Express nachempfunden, lässt die Zeit Agatha Christies aufleben. Nur das kulinarische Angebot (»auf Reservierung servieren wir Ihnen ein kaltes Essen am Platz«) kann mit dem Original leider nicht mithalten.

Martinique

Die französische Karibikinsel Martinique könnte vereinfacht mit drei Worten charakterisiert werden: Strände, Palmen, Vulkan. Dieser ist 1400 Meter hoch, heißt Mont Pelé (»kahler Berg«) und erhebt sich kegelförmig im Hinterland der Hafenstadt Saint-Pierre. Am 8. Mai 1902 eruptierte er, und eine bis achthundert Grad heiße Glutwolke aus Magmen, Aschen, Gasen und Gesteinsbrocken vernichtete die Stadt; dreißig- bis vierzigtausend Menschen kamen um. Das neu aufgebaute Städtchen zählt heute ungefähr ein Sechstel der damaligen Bevölkerung.

Martinique? Nein, der Niesen am Thunersee.
Bild: Foto Zihlmann, stock.adobe.com

Der 2362 Meter hohe Niesen am Thunersee, ein gewaltiger Kegel, sieht ähnlich aus wie der Mont Pelé, ist aber vergleichsweise harmlos. Man kann mit einer Bahn auf den Gipfel fahren. Die Treppe entlang des Bahntrassees ist mit 11 674 Stufen, 3,4 Kilometern Länge und einem Höhenunterschied von fast 1700 Metern die längste der Welt. Betrachtet man den Niesen vom anderen Seeufer aus, hat man mit einigem Glück sogar eine Palme im Vordergrund, denn zwischen Oberhofen und Merligen herrscht ein mildes Mikroklima.

Donaudelta

Das Donaudelta ist als Höhepunkt einer Flusskreuzfahrt auf der Donau ein beliebtes Ziel vieler Schweizer. Drei Donau-Arme fließen hier ins Schwarze Meer. Das Delta liegt zum größten Teil auf rumänischem, zu einem kleineren auf ukrainischem Territorium; mehr als viertausend Quadratkilometer sind Naturschutzgebiet. 5200 Tier- und Pflanzenarten sind bisher katalogisiert worden; hier befinden sich das weltweit größte Schilfrohrgebiet und ein Vogelschutzreservat mit riesigen Pelikankolonien.

Donaudelta? Nein, hier fliessen Reuss und Limmat zusammen.
Bild: Switzerland Tourism, swiss-image.ch / Roland Gerth

Um unberührte Flussgebiete zu finden, genügt allerdings eine Fahrt in den Aargau: Die Gegend um Gebenstorf, wo sich Reuss und Limmat in die Aare ergießen, ist die Heimat einer reichen Tier- und Pflanzenwelt und seit dreißig Jahren als Landschaft von nationaler Bedeutung geschützt. Fünfundzwanzig Kilometer reussaufwärts bei Rottenschwil AG befindet sich ein weiteres Naturschutzgebiet, jenes der Stillen Reuss, die sich mit ihrem See, den Mooren, Auen und Amphibienlaichplätzen zu einem biologisch vielfältigen Stillgewässer von europäischer Bedeutung entwickelt hat.

Feuerland

Die Rheinschlucht zwischen Ilanz und Reichenau im Bündnerland wird zwar touristisch als »Swiss Grand Canyon« angepriesen. Die spektakuläre Landschaft mit ihren wilden Schluchten, kahlen, schroffen Abhängen und dem frei fließenden Vorderrhein erinnert aber eher an die archaischen Territorien Feuerlands an der Südspitze des amerikanischen Kontinents in Chile und Argentinien. Seitentäler mit ungezügelten Gebirgsbächen laden zum River-Rafting.

Feuerland? Nein, die Rheinschlucht in Graubünden.
Bild: Glacier Express, swiss-image.ch / Stefan Schlumpf

Kanuten kommen ebenso zu ihrem Vergnügen wie Wanderer auf dem Wanderweg entlang des Flusses. In der Rheinschlucht gibt es sogar Orchideen, etwas, was sie Feuerland voraushat. Dafür würde man am Vorderrhein vergeblich nach Pinguinen Ausschau halten. Wer die Rheinschlucht weder wandernd noch rudernd erkunden möchte, kann dies bequem in einem Panoramawagen des Glacier Express tun, dessen Linie direkt durch die Schlucht führt.

Baikalsee

Der Baikalsee liegt in Sibirien im asiatischen Teil Russlands nahe der Provinzhauptstadt Irkutsk. Er ist, mit knapp 32 000 Quadratkilometern Fläche, etwa drei Viertel so groß wie die Schweiz, aber »nur« der weltweit siebtgrößte Süßwassersee; mit bis zu 1642 Metern jedoch der tiefste. Entsprechend ruhig liegt er da, ein Symbol für die weitgehende Absenz menschlicher Einflüsse. Das Verwaltungsgebiet Irkutsk ist nämlich mehr als doppelt so groß wie ganz Deutschland, aber nur zweieinhalb Millionen Menschen leben dort.

Baikalsee? Nein, das Badehaus Chez-le-Bart am Neuenburgersee.
Bild: Switzerland Tourism, swiss-image.ch / Martin Mägli

Am Ufer des Baikalsees zu sitzen und hinauszuschauen oder aber auf einem Schiff über die spiegelglatte Wasserfläche zu gleiten, ist pure Meditation. Der Neuenburgersee ist zwar (mit 218 Quadratkilometern) der größte See, der ganz in der Schweiz liegt. Im Vergleich zum Baikalsee ist er aber nur ein Teich. Trotzdem kann man an ruhigen Abenden an manchen Strandabschnitten, zum Beispiel in Chez-le-Bart, Gemeinde La Grande Béroche NE, eine ähnliche Stille und Erhabenheit erleben.

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