Wenn die Wasserlilie rostet – der schwierige Umgang mit millionenschwerer Kunst

Nicolai Morawitz

9.12.2018

Mit einem Picasso auf Tuchfühlung: Chef-Restaurator der Fondation Beyeler Markus Gross.
Fondation Beyeler

Wie Gemälde von Rembrandt, Van Gogh oder Picasso restauriert werden — davon haben die meisten Menschen noch eine Vorstellung. Doch wie sieht es bei zeitgenössischer Kunst aus, die mit ganz unterschiedlichen Materialien und Gestaltungsformen arbeitet? «Bluewin» hat beim Chef-Restaurator der Basler Fondation Beyeler nachgefragt.

Kunstwerke, die zerfallen, Installationen, die zerbröseln: Diese Verfallsmomente geben spätestens seit der legendären «Fettecke» des deutschen Künstlers Joseph Beuys Anlass zur Diskussion:

Der Fall endete in den 1980er jahren sogar vor Gericht: Die Fettecke war eine Skulptur, welche Beuys 1982 aus fünf Kilogramm deutscher Markenbutter angefertigt hatte. Das Werk fiel nach Beuys' Tod allerdings einer Reininungsaktion in der Düsseldorfer Kunstakademie zum Opfer. Sehr zum Missfallen einer der Meisterschüler Beuys' – er verklagte das Bundesland Nordrhein-Westfalen schliesslich.

Die Posse um die Fettecke ist zwar längst vergessen, doch sie gibt Aufschluss darüber, vor welchen Herausforderungen die Kunstwelt auch noch heute steht.

Markus Gross wird mit seinen Mitarbeitern in den nächsten Jahren einige Elemente der "Waterlilies" Installation im Seerosenteich des Museums ersetzen. 
Bluewin/mn

Kein Material «von der Stange»

«Künstlerinnen und Künstler gebrauchen heute sämtliche Materialien, die sie auf dem Markt finden», sagt Markus Gross. Er ist der Chef-Restaurator bei der Basler Fondation Beyeler. Dies können laut Gross Materialien aus der Industrie oder aus dem Handel sein. Das Schwierige dabei: Oft hat man mit diesen alltäglichen Materialien noch keinerlei Erfahrungen.

So ist das Kunstwerk, vor dem Gross an diesem Herbstmorgen steht, auch nicht etwa auf einer Leinwand aufgetragen oder aus Bronze geformt. Der Restaurator blickt vor der Fondation Beyeler auf einen grossen Seerosenteich, in dessen Tiefen eine ausgefeilte Technik schlummert.

Was es genau damit auf sich hat und vor welche Schwierigkeiten die «Waterlilies» vom Künstler Philippe Parreno das Museum stellen, erfahren Sie im Video:

Die technischen Komponenten der Waterlilies sollen in den kommenden Jahren nach und nach ersetzt werden. Am Erscheinungsbild der Installation verändere sich dadurch aber nichts, versichert Gross.

Andere zeitgenössische Kunst zeigt sich da weitaus anfälliger. Der Verfall kann teilweise sogar bewusst angelegt sein. Der Schweizer Konzeptkünstler John Armleder arbeitete 2017 für eine Installation mit Kohle, Glas und Kerzen. Ein anderer Schweizer, Dieter Roth, machte sich ab den 1960er Jahren mit Schimmelbildern einen Namen und schuf dafür sogar ein Museum.

Der amerikanische Künstler Dan Colen dagegen beklebte Leinwände mit Kaugummi und Konfetti. Robert Gober fand für sein Werk Gefallen an Donut-Kringeln – allesamt keine Objekte mit hoher Halbwertszeit.

Künstlerwille entscheidend

In welcher Form Werke erhalten werden sollen, darüber wird in der Kunstszene viel diskutiert. «Das Kunstwerk ist das, was zählt», sagt Markus Gross. Es gelte bei der Restaurierung herauszufinden, was der Künstler damit wollte, und dies sei entsprechend bei der Erhaltung zu berücksichtigen.

Bei sich zersetzenden Kunstwerken werde der klassische Restaurator immer versuchen, das weiterzuführen, was der Künstler eigentlich wollte, so Gross. Deshalb stehe man auch mit dem Schöpfer der Waterlilies in regelmässigem Kontakt, sagt der Restaurator. Das sei ein grosser Vorteil der zeitgenössischen Kunst: Wenn die Künstlerinnen und Künstler noch lebten, stünden sie als wichtigste Ansprechpartner bereit.

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