Afghanische Rache – «Sie werden uns auf jeden Fall töten»

Von Rahim Faiez und Ben Fox

18.5.2021 - 08:33

epa09178788 Afghan National Army (ANA) soldiers attend the graduation ceremony, from the 207 Zafar Corps training center in Herat, Afghanistan, 05 May 2021. At least 376 Afghan National Army graduated after twelve weeks of training. According to reports, some 106 Taliban fighters have been killed and another 37 injured over the last 24 hours in a counterattack by the security forces in Afghanistan's southwestern Helmand province in response to an ongoing large-scale attack by the insurgents since the weekend. The Taliban have significantly ramped up attacks across the country immediately after the United States and NATO forces began the last phase of their pull out of the country on 01 May. EPA/JALIL REZAYEE
Auf der Abschussliste: Afghanische Rekruten am 5. Mai in Herat.
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Während des Krieges leisteten lokale Übersetzer dem US-Militär wichtige Dienste. Nun drohen ihnen die Taliban mit dem Tod. Die USA versuchen mit Sondervisa zu helfen. Der Antrag ist jedoch langwierig.

Von Rahim Faiez und Ben Fox

18.5.2021 - 08:33

Ajasudin Hilal hat in Ostafghanistan als Dolmetscher für die US-Truppen gearbeitet. Während Hunderter Patrouillen und Dutzender Feuergefechte war er an der Seite der US-Soldaten und wurde dafür mit einer Medaille und einem Empfehlungsschreiben belobigt.

Dennoch wurde sein Antrag auf eines der seit 2009 erhältlichen Einwanderungsvisa für afghanische Zivilisten abgelehnt. Er und Tausende weitere, die für die US-Truppen oder die Nato tätig waren, fürchten sich vor Vergeltung der Taliban nach dem bevorstehenden Truppenabzug.

«Wir sind nicht sicher», sagt der 41-jährige sechsfache Familienvater über die Lage der afghanischen Dolmetscher und Zivilisten, die am Krieg beteiligt waren. Die Taliban drohten ihnen bereits, dass «ihr Stiefbruder das Land bald verlassen» werde und sie dann alle getötet würden.

«Sie werden uns auf jeden Fall töten»

Normalerweise versuchen ehemalige Dolmetscher, ihre Identitäten geheim zu halten und nicht in Erscheinung zu treten. Doch angesichts der mit dem bevorstehenden Truppenabzug einhergehenden Unsicherheit, melden sich immer mehr von ihnen zu Wort. «Sie werden uns auf jeden Fall töten», sagt etwa Mohammed Schoaib Walisada, ein ehemaliger Dolmetscher des US-Militärs, bei einer Protestaktion in Kabul.

The mother of the mosque's imam, Mofti Noman, cries inside a car near the mosque after a bomb explosion in Shakar Dara district of Kabul, Afghanistan, Friday, May 14, 2021. A bomb ripped through a mosque in northern Kabul during Friday prayers killing 12 worshippers, Afghan police said. Noman, was among the dead, the spokesman said and added that the initial police investigation suggests the imam may have been the target. (AP Photo/Rahmat Gul)
Ein Soldat mit afghanischen Helfern bei einer Strassenkontrolle in Kabul am 14. Mai 2021.
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Seit 2016 seien mindestens 300 Dolmetscher in Afghanistan getötet worden und die Taliban hätten deutlich gemacht, dass sie auch zukünftig im Visier bleiben würden, sagt Matt Zeller, Ex-Offizier in Afghanistan und Mitgründer der Organisation No One Left Behind, die sich für die Belange der Dolmetscher einsetzt. Da die Taliban die Dolmetscher als Feinde des Islams ansähen, werde es für sie keine Gnade geben.

Die US-Regierung entwickelte bereits 2009 ein Programm zur Vergabe von Sondervisa für afghanische Dolmetscher und andere Zivilisten, die für die US-Regierung oder die Nato gearbeitet haben. Vorbild war ein ähnliches Programm in Irak. Beide Programme werden wegen langwieriger und komplizierter Antragsverfahren kritisiert.

26'500 Visa

Die Massnahmen zur Pandemie-Eindämmung machten die Abläufe zuletzt noch umständlicher. Typischerweise dauert das Verfahren länger als drei Jahre. Die Regierung von US-Präsident Joe Biden überprüft die Programme derzeit: Es werden unter anderem Verzögerungen untersucht sowie die Möglichkeit, Widerspruch gegen abgelehnte Visumsanträge einzulegen.

epa09189034 People buy dried fruits and traditional sweets ahead of Eid al-Fitr amid a third wave of COVID-19 across the country, in Herat, Afghanistan, 10 May 2021. The Taliban on 10 May, announced a three-day nationwide unilateral ceasefire during the festival of Eid al-Fitr this week, marking the end of the Muslim holy month of Ramadan. EPA/JALIL REZAYEE
Ein Markt in Kabul am 10. Mai 2021.
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Washington fühle sich verpflichtet, Dolmetschern und anderen afghanischen Zivilisten zu helfen, die den Krieg – oft unter grossem persönlichen Risiko – unterstützt hätten, sagte US-Aussenminister Antony Blinken im April.

Bereits im Dezember hatte der Kongress weitere 4000 Sondervisa beschlossen. Die Gesamtzahl der Afghanen, die mit ihren unmittelbaren Familienangehörigen in die USA einwandern dürfen, stieg infolgedessen auf 26'500. Rund die Hälfte der Sondervisa ist aber bereits vergeben und Entscheidungen über 18'000 Anträge stehen noch aus.

Nicht geduldet

Noah Coburn, Politikethnologe mit dem Forschungsschwerpunkt Afghanistan, schätzt, dass es mehr als 300 000 afghanische Zivilisten geben könnte, die während der vergangenen zwei Jahrzehnte auf irgendeine Art und Weise für die USA oder die Nato gearbeitet haben.

Es gebe eine Vielzahl von Afghanen, die nach dem von den Taliban entworfenen Gesellschaftsbild nicht geduldet werden würden, sagt auch Adam Bates, Politikberater für eine internationale Organisation, die sich für Geflüchtete einsetzt.

epa09199738 Worshippers react at the scene of an attack that targeted a mosque in the outskirt of Kabul, Afghanistan, 14 May 2021. At least 12 people were killed and 15 others wounded after a planted bomb exploded during Friday prayers inside Haji Bakhshi Mosque in Qala-e-Murad Bek area in Shakardara district of Kabul. EPA/HEDAYATULLAH AMID EPA-EFE/HEDAYATULLAH AMID
Afghanen in Kabul am 14. Mai – eine Bombe hat zuvor zwölf Menschen getötet.
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Die Fürsprache für ehemalige Dolmetscher im Kongress ist unter anderem darauf zurückzuführen, dass Ex-Soldaten sich für sie verbürgen. Er könne sich an keinen anderen Übersetzer erinnern, der sich mit grösserer Hingabe für sein Land und die Sache der Koalition eingesetzt habe, schreibt etwa Walisadas ehemaliger Vorgesetzter in einem Empfehlungsbrief.

«Treue und wertvolle Dienste»

Walisada erhielt ursprünglich eine Zusage für eines der Sondervisa, doch diese wurde zurückgenommen. Die US-Einwanderungsbehörde teilte ihm in einem der Nachrichtenagentur «AP» vorliegenden Brief mit, dass es «nachteilige Informationen gibt, die Ihnen möglicherweise nicht bekannt sind». Walisada legte Widerspruch ein, erhielt jedoch keine Antwort.

epa09179798 A handout photo made available by Afghanistan's Ministry of Defense shows German Brigadier general Mayer (RS) Resolute Support in the north (L) submit a symbol key to Afghanistan Lieutenant colonel Amid Alamyar 209th corps garrison commander (R) during a handover ceremony of Safe Heaven Camp in Balkh northern province of Afghanistan, 05 May 2021.  EPA/Afghanistan's Ministry of Defense / HANDOUT  HANDOUT EDITORIAL USE ONLY/NO SALES
Übergabe: Ein deutscher Brigadegeneral übergibt symbolisch am 5. Mai den Schlüssel des Safe Heaven Camp in Balkh an einen afghanischen Militär.
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Auch Hilals Visumsantrag wurde abgelehnt. Er hatte von Juni 2009 bis Dezember 2012 für das US-Militär aus den Sprachen Paschtu und Dari ins Englische übersetzt. Doch der US-Botschaft zufolge erfüllte er wegen seiner Kündigung durch die in den USA ansässige Vermittlerfirma Mission Essential nicht die Standards «treuen und wertvollen Dienstes».

Warum er nach dreieinhalb Jahren im Dienst entlassen wurde, ist unklar. Hilal sagt, es habe mit einem Streit mit einem Vorgesetzten über einen Arbeitsauftrag begonnen. Die Vermittlerfirma lehnte eine Stellungnahme ab. «Wenn ich keinen treuen und guten Dienst für die US-Armee geleistet habe, warum haben sie mir dann diese Medaille gegeben?», fragt Hilal während eines Interviews in Kabul und hält die Belobigungsmedaille des Militärs hoch.

«Ich konnte mich immer darauf verlassen»

Auch das Empfehlungsschreiben aus dem Jahr 2019 von Thomas Goodman, dem Kommandeur, an dessen Seite Hilal während zahlreicher Patrouillen und Einsätze dolmetschte und feindliche Funksprüche überwachte, findet lobende Worte. «Er war verlässlich und leistete bewundernswerte Arbeit», schreibt Goodman. «Selbst während stundenlanger Feuergefechte verlor er nie die Nerven, und ich konnte mich immer darauf verlassen, dass er an meiner Seite war.»

Fotos eines «AP»-Journalisten, der die Einheit in Ostafghanistan eine Zeit lang begleitete, zeigen Hilal und Goodman umringt von Dorfbewohnern, deren Unterstützung sich damals sowohl die US-Truppen als auch die Taliban sichern wollten. Goodman sagt, er stehe zu seiner Empfehlung, lehnte eine weitere Stellungnahme aber ab.

Das Programm zur Vergabe von Sondervisa erlaubt Antragstellern das Einlegen eines Widerspruchs. Viele sind damit erfolgreich: Rund 80 Prozent der 243 Afghanen, die 2021 im ersten Quartal Einspruch erhoben, erhielten nach dem Bereitstellen weiterer Informationen eine Zusage, wie das US-Aussenministerium mitteilt. Hilals Einspruch wurde jedoch abgelehnt.