Angst vor einer personellen Todesspirale im Weissen Tollhaus

Von Zeke Miller und Jonathan Lemire, AP

7.3.2018

US-Präsident Donald Trump gehen die Mitarbeiter aus. Seit seinem Amtsantritt sind 40 Prozent des Personals gegangen. «Ich mag Konflikte», sagt er dazu. Mitarbeiter finden ihn illoyal.

Donald Trump war einmal der Star einer Reality-Show im Fernsehen, in der er mit dem Finger auf einen Kandidaten deutete und das Verdikt sprach: «You're fired» - «Sie sind gefeuert.» Im realen Leben als Präsident der Vereinigten Staaten scheint es im Weissen Haus ähnlich zuzugehen, mit einem Unterschied: Viele Mitarbeiter gehen von sich aus.

So auch Wirtschaftsberater Gary Cohn am Dienstag, dessen Einwände gegen Trumps Crash-Kurs mit Strafzöllen auf Stahl- und Aluminiumeinfuhren ungehört blieben. Cohns Stellvertreter Jeremy Katz hat bereits im Januar das Weisse Haus verlassen. Zudem hat auch Kommunikationsdirektorin Hope Hicks ihren Abgang angekündigt - der vierte Wechsel in diesem Amt seit Trumps Amtsantritt.

Längst wird das Arbeitsklima im Weissen Haus mit einem Tollhaus verglichen, mit einem Chef, der kaum jemandem traut, sich selten vor seine Mitarbeiter stellt und dafür oft ihre Qualifikation in Zweifel stellt. Auf seine Art ging Trump auf die personellen Querelen und Turbulenzen im seiner Schaltzentrale ein: Das Weisse Haus sei kein Ort des «Chaos, nur grossartiger Energie». Er sei ein strenger Chef und er sehe gerne, wie sich seine engsten Mitarbeiter über politische Fragen streiten: «Ich mag Konflikt.»

Aus dem Weissen Haus ist hinter vorgehaltener Hand zu hören, dass Trump schon mal zweifelnde Mitarbeiter gedrängt habe, zu bleiben. Die Angst vor einem «Brain Drain» geht um, einer Situation, in der die besten Köpfe nicht mehr oder gar nicht erst im Weissen Haus arbeiten wollen. Trump trat dem am Dienstag öffentlich entgegen. «Jeder will im Weissen Haus arbeiten», sagte er zu Cohns Rücktritt. «Jeder will ein Stück vom Oval Office.»

Die Realität sieht anders aus. Im Weissen Haus sind viele Stellen frei - einige wurden von Trump nie besetzt und für andere fanden sich trotz mehrfacher Ausschreibungen keine geeigneten Mitarbeiter. Kathryn Dunn-Tenpas, eine Analystin des Brookings-Instituts, die Personalwechsel in der Führungsetage des Weissen Hauses analysiert, sagt, der Abgang von Personal habe in gut einem Jahr 40 Prozent erreicht. «Diese Art Wechsel führt zu einer Menge Störungen», erklärt sie mit Verweis auf den Verlust von institutionellem Wissen, Erfahrung und Beziehungen zum Kongress. «Das kann man nicht wirklich seinem Nachfolger hinterlassen.»

Personalfluktuation im Weissen Haus hat es immer gegeben. Das Ausmass unter Trump lässt aber einen Insider vom Potenzial einer «Todesspirale» sprechen - wobei jeder Abgang die Nervosität steigert und den nächsten vorbereitet.

Mehrere Mitarbeiter, die ihren Namen nicht genannt wissen wollen, sagen, dass sie ihre Kündigung erwägen, zum Teil aber auch deswegen bleiben, weil sie keine Ahnung haben, wer ihr Nachfolger sein könnte. Als Teamplayer blieben sie daher länger, als sie eigentlich wollten. Einige sagten aber auch, sie näherten sich dem Punkt, an dem sie hinschmeissen werden.

Martha Joynt Kumar vom White House Transition Project, das Personalwechsel im Weissen Haus begleitet, sagt, die Unterbesetzung habe unter Trump bereits ein Ausmass erreicht, in dem ein Mitarbeiter schon mal mehrere Stellen ausfüllt. Als Beispiel nennt sie Johnny DeStefano, der Abteilungsleiter für Personal, Öffentlichkeitsarbeit, politischer sowie zwischenstaatlicher Angelegenheiten sei. «Diese vier Positionen wurden in den meisten Regierungen jede von einem Assistenten des Präsidenten oder dessen Stellvertreter geleitet», sagt Kumar.

Neues Personal ist schwer zu finden, sagen Mitarbeiter des Weissen Hauses. Die Zahl derer, die für einen Job in der Zentrale der Macht qualifiziert und zugleich bereit seien, dort zu arbeiten, sei geschrumpft. Als Aussenstehender kommentiert Michael Steel, ehemaliger Berater von Exgouverneur Jeb Bush und des früheren Repräsentantenhausvorsitzenden John Boehner: «Vor allen Dingen hat Präsident Trump kaum Loyalität mit derzeitigen und früheren Mitarbeitern gezeigt, und alle wissen das.»

Als Jobkiller erweisen sich neben anderen Turbulenzen die Russland-Ermittlungen von Sonderermittler Robert Mueller, sagen Insider. Diese könnten rechtliche und sehr teure Konsequenzen haben. Und etliche Bewerber befürchteten inzwischen, es könnte ihrer Karriere eher schaden, für Trump zu arbeiten.

Die Stimmung im Weissen Haus ist daher auf einem Tiefpunkt. Einige Mitarbeiter sagen, der Abgang von Stabssekretär Rob Porter Mitte Februar sei dafür der Auslöser. Porter sei beliebt gewesen, und die Vorwürfe gegen ihn wegen häuslicher Gewalt, die zu seinem Ausscheiden führten, hätten die meisten überrascht. In seinem Job habe Porter einigen Fortschritt dabei erzielt, etwas Ordnung in die chaotischen Entscheidungsfindungsprozesse zu bringen.

Zudem ist über Porter auch Stabschef John Kelly ins Zweilicht geraten, der bisher als Stabilisator im turbulenten West Wing galt. Einige Mitarbeiter sagen, Kelly habe im Fall Porter glatt gelogen.

Am Samstag hatte Trumps sich selbstironisch zu den Vorgängen im Weissen Haus geäussert. «In einem Job musste ich eine halsabschneiderische Riege von Charakteren managen, die unbedingt Fernsehzeit haben wollten, völlig unvorbereitet für ihre Rollen und Jobs waren und jede Woche Angst hatten, dass ihre Ärsche gefeuert werden, und im anderen war ich Gastgeber eines riesigen Fernseh-Hits», sagte er beim Gridiron Dinner, einem jährlich stattfindenden Festessen mit Journalisten und Regierungsmitarbeitern. Letztere lachten wohl durchaus verlegen: Der Witz, soviel war klar, ging auf ihre Kosten.

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