Bibel-Foto könnte Trump noch zum Verhängnis werden

dpa / tmxh

19.6.2020 - 00:00

Das Bibel-Foto: Ein Auftritt vor einer Kirche in Washington könnte US-Präsident Trump zum Verhängnis werden.
Patrick Semansky/AP/dpa 

Es sollte ein Zeichen der Stärke sein – und wurde zum genauen Gegenteil. Der Auftritt vor einer Kirche in Washington wird womöglich das Vermächtnis des US-Präsidenten prägen. Auch bei der Wahl im November dürfte die Szene eine Rolle spielen.

Charlottesville, Helsinki, die eingesperrten Kinder an der mexikanischen Grenze. Es gab sie – die Momente, in denen sich auch unter Republikanern Widerstand regte. Inzwischen ist ein weiterer Ort zum Symbol für die umstrittene Politik von Donald Trump geworden: der Lafayette Square im Herzen der Hauptstadt. Während der scheinbar endlose Strom aus Krisen und Skandalen dem Präsidenten sonst nur selten schaden konnte, muss er diesmal um seine Machtbasis fürchten.

Dass ein US-Präsident friedliche Demonstranten mit roher Gewalt von einem Platz vertreibt, nur um für ein Foto zu posieren, liess auch einige derer stutzen, die bisher als treue Gefolgsleute galten. Führende Generäle und Senatoren sahen sich zu Distanzierungen genötigt. Denn die Szene war so entlarvend, dass sie sich kaum einfach durch neue Schlagzeilen überdecken lassen wird. Vielmehr hat sie das Potenzial, in die Geschichtsbücher einzugehen.

Den Weg freigeschlagen

Trumps Vorgehen am Lafayette Square sei ein «unauslöschbarer Moment», sagt Steve Schmidt, der 2008 Berater des damaligen republikanischen Präsidentschaftskandidaten John McCain war. «In nur zehn Minuten hat er sein Amt vollkommen beschämt und ein Sakrileg begangen.» Sogar innerhalb des Weissen Hauses werden intern Befürchtungen geäussert, dass die negativen Auswirkungen jenes Bibel-Fotos von Dauer sein könnten.

Hintergrund waren die landesweiten Proteste gegen Polizeigewalt und Rassismus nach dem Tod des Afroamerikaners George Floyd bei einer Festnahme. In einigen Städten war es zu Ausschreitungen gekommen.
Berichten zufolge wurde Trump aus Sicherheitsgründen kurzzeitig in den Schutzbunker des Weissen Haus gebracht. Gegenüber seines Amtssitzes, am anderen Ende des Lafayette Square, waren aus der historischen St.-Johns-Kirche Flammen aufgestiegen.



Was am folgenden Tag geschah, wurde live im Fernsehen übertragen.
Polizisten gingen mit Schlagstöcken und Tränengas auf Demonstranten los. Ziel der Gewalt war, im wahrsten Sinne des Wortes, dem Präsidenten einen Weg frei zu schlagen. Als dies vollbracht war, ging Trump über den parkähnlichen Platz zu der Kirche und hielt dort für die Kameras eine Bibel hoch. Mehrere Minister begleiteten ihn bei der Aktion. Das Weisse Haus produzierte direkt im Anschluss ein Video, in dem der «Triumph» gefeiert wurde.

Anlass für Rundumschlag

Das Video wird inzwischen nicht mehr gezeigt. Mitarbeiter des Präsidenten üben sich in gegenseitigen Schuldzuweisungen dahingehend, wer was vorgeschlagen habe. Einflussreiche Persönlichkeiten gehen offen auf Distanz. Pentagon-Chef Mark Esper sagte, ihm sei nicht bewusst gewesen, was Trump geplant habe, als er sich ihm angeschlossen habe.

Mark Milley, Vorsitzender des Vereinigten Generalstabs der US-Streitkräfte, entschuldigte sich in einer Stellungnahme für seine Teilnahme. Hochrangige Republikaner wie die Senatoren James Lankford und Ben Sasse verurteilten den Einsatz von Gewalt und die Vereinnahmung der Religion.



Trump nahm die Kritik, wie so oft, als Anlass für einen Rundumschlag.
Wie die Nachrichtenagentur AP von drei Mitarbeitern des Weissen Hauses und des Wahlkampfteams erfuhr, schimpfte er intern, seine Berater hätten ihn nicht angemessen vorbereitet und die Medien würden unfair berichten. Die Äusserungen von Esper und Milley hätten ihn verärgert, wenngleich er – zumindest vorerst – nicht ihre Entlassung wolle, sagten die drei Personen gegen Zusicherung von Anonymität.

Sorge um Umfragewerte

Das Wahlkampfteam muss sich nun um die Umfragewerte sorgen. Wegen seines Umgangs mit der Coronavirus-Krise, die in den USA fast 120'000 Menschen das Leben und mehr als 40 Millionen den Job gekostet hat, droht Trump ohnehin eine abnehmende Unterstützung in einigen nicht ganz so loyalen Wählergruppen. Auch in seinem engsten Umfeld werden derweil Parallelen zwischen den Ereignissen vom Lafayette Square und anderen Tiefpunkten der bisherigen Präsidentschaft gezogen.



Im August 2017 war am Rande von rechtsextremen Demonstrationen in der Stadt Charlottesville ein Mann mit einem Auto in eine Gruppe von Gegendemonstranten gefahren und hatte dabei eine Frau getötet. In den folgenden Tagen hatte Trump mit verharmlosenden Äusserungen wie der, es habe «auf beiden Seiten sehr anständige Leute» gegeben, für Empörung gesorgt – auch innerhalb der Regierung und der eigenen Partei.

Im folgenden Juli hatte Trump bei einem Treffen mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin in Helsinki davon abgesehen zu sagen, dass er den Schlussfolgerungen seiner eigenen Geheimdienste bezüglich einer Einmischung Moskaus in die US-Präsidentschaftswahl von 2016 glaube. In jenem Sommer sorgte auch Trumps radikale Einwanderungspolitik für Schlagzeilen – nicht zuletzt wegen Fotos von kleinen Kindern, die an der Grenze von ihren Eltern getrennt worden waren.

Deutliche Kritik

«Es gibt Momente in den letzten dreieinhalb Jahren, die unserem Selbstverständnis so sehr widersprechen, dass wir innehalten und die grundlegende Frage stellen: Verlieren wir uns gerade selbst?», sagt Eddie Glaude, der an der Universität Princeton das Institut für «African American Studies» leitet. Deutliche Kritik an den Vorgängen rund ums Bibel-Foto kam auch von Trumps Ex-Verteidigungsminister Jim Mattis – und natürlich von den Demokraten.



Der designierte demokratische Präsidentschaftskandidat Joe Biden sagte, die Ereignisse hätten gezeigt, dass aus Sicht von Trump das eigene «politische Schicksal» wichtiger sei als traditionelle amerikanische Werte. «Als Donald Trump das gewaltsame Vertreiben friedlicher Demonstranten anordnete, um ein groteskes und anstössiges Foto zu inszenieren, war dies nicht, wie beabsichtigt, ein Ausdruck von Stärke», sagt Bidens Wahlkampfsprecher TJ Ducklo. Stattdessen sei dies ein Zeichen für «tiefgreifende Schwäche» gewesen.

Zurück zur Startseite