Ratlosigkeit und Nervosität Bitterer Winter für Kiew: Ein Durchbruch liegt in weiter Ferne

Carsten Hoffmann und Andreas Stein, dpa/phi

3.12.2023 - 13:43

Ukraine: Massive Zerstörungen durch russischen Angriffskrieg

Ukraine: Massive Zerstörungen durch russischen Angriffskrieg

Seit mehr als 21 Monaten führt Russland einen Angriffskrieg gegen die Ukraine. Die Zerstörung im Land ist massiv: Mehr als 170 000 Gebäude wurden beschädigt oder zerstört.

02.12.2023

Wenn die Lage auf dem Gefechtsfeld die Stärke an einem möglichen Verhandlungstisch bestimmen soll, sieht es für Kiew und den Westen Europas zunehmend düsterer aus: Die Ukraine ist unter Druck.

Carsten Hoffmann und Andreas Stein, dpa/phi

3.12.2023 - 13:43

Keine Zeit? blue News fasst für dich zusammen

  • Die Gegenoffensive bis weit in das von Russland besetzte Gebiet ist vorerst gescheitert.
  • Der Ukraine fehlt es an Waffen, Munition, Geld und in absehbarer Zeit auch an Soldaten.
  • Von einem Patt in einem Stellungskrieg, ähnlich wie im Ersten Weltkrieg, ist nun die Rede.

Der ukrainische Versuch einer Gegenoffensive bis weit in das von Russland besetzte Gebiet ist vorerst gescheitert. Ein militärisch wichtiger Durchbruch zum Asowschen Meer – quer durch den von Kreml-Truppen eroberten Landkorridor zur Halbinsel Krim – scheint in weiter Ferne.

Gut 21 Monate nach dem russischen Einmarsch machen sich Ratlosigkeit und Nervosität in Kiew breit, während westliche Hilfe nachlässt. Der Ukraine fehlt es an Waffen, Munition, Geld und in absehbarer Zeit auch an Soldaten.

Geht die erklärte Strategie des Westens, die Ukraine zur Verteidigung und Rückeroberung ihrer Gebiete zu befähigen, mindestens aber aus einer Position der Stärke mit Russland verhandeln zu lassen, noch auf? «Wir müssen auf die Langstrecke vorbereitet sein», sagte Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg jüngst in Berlin.

Ein ukrainischer Soldat steht vor einem Unterstand in der Frontstadt in der Region Charkiw.
Ein ukrainischer Soldat steht vor einem Unterstand in der Frontstadt in der Region Charkiw.
Efrem Lukatsky/AP

Der Verlauf des Krieges sei nicht vorhersehbar, doch seien «Geschehnisse rund um einen Verhandlungstisch untrennbar verbunden mit der Situation auf dem Gefechtsfeld». Der russische Präsident Wladimir Putin müsse erkennen, dass er auf dem Schlachtfeld nicht gewinnen könne.

Eine Patt-Situation?

Von einer empfindlichen Niederlage ist Putin – nach der militärischen Schmach in den ersten Monaten seines Angriffskriegs – aber entfernt. Nach den Vorjahres-Erfolgen bei Kiew, Charkiw und Cherson hatte Walerij Saluschnyj vor einem Jahr im britischen «Economist» gesagt: «Ich brauche 300 Panzer, 600 bis 700 Schützenpanzer, 500 Haubitzen. Dann ist es komplett realistisch, zu den Linien vom 23. Februar zurückzukommen.»

Anfang des Monats sagte Kiews Oberkommandierender nun der Zeitschrift: «Es wird höchstwahrscheinlich keinen tiefen und schönen Durchbruch geben». Von einem Patt in einem Stellungskrieg, ähnlich wie im Ersten Weltkrieg, ist nun die Rede. 

Von Robotyne sin d es noch mehr als 20 Kilometer bis nach Tokmak.
Von Robotyne sin d es noch mehr als 20 Kilometer bis nach Tokmak.
DeepStateMap

Der ukrainische Vorstoss blieb in den dichten Minenfeldern und im Feuer der russischen Artillerie stecken. Zwar meldete Saluschnyj pünktlich zum ukrainischen Unabhängigkeitstag am 24. August noch die Rückeroberung des Dorfes Robotyne im Süden. Seitdem gab es dort jedoch kaum noch Bewegung und die für den Vormarsch wichtige Stadt Tokmak liegt immer noch gut 20 Kilometer entfernt in russischer Hand.

Ukrainische Soldaten verärgert

Inzwischen machen sich Soldaten in der ukrainischen Presse verärgert Luft. So sagte der in Deutschland ausgebildete Kompaniechef Mykola Melnyk dem Internetportal censor.net: «Der gesamte Plan der grossen Gegenoffensive basierte auf einfachen Dingen: die Moskowiter/Russen sehen die Bradley, Leopard und hauen ab. Das ist es.»

(Link zum obigen Post)

Seine neu aufgestellte 47. Brigade habe Robotyne bereits am ersten Einsatztag nehmen sollen. Stattdessen brauchten die ukrainischen Truppen gut zweieinhalb Monate. Die Front verläuft bis heute nicht weit von den Ruinen des Dorfes entfernt.

Melnyk verlor gleich beim ersten Angriff sein linkes Bein, als er auf eine Mine trat. «Alle zehn Meter gab es eine Explosion, Explosion, Explosion. Davon wurde der Himmel schwarz. So etwas hab ich noch nicht einmal in Filmen gesehen», beschreibt der 38-Jährige den Tag seiner Verwundung. Im zivilen Leben Jurist, hofft er nun mit Hilfe einer Prothese wieder gehen zu können.

Die aktuelle Lage

In der Ostukraine setzten die russischen Truppen die ukrainische Armee massiv unter Druck. In der zerstörten Industriestadt Awdijiwka sind die ukrainischen Soldaten von einer Einkreisung bedroht.

Die Lage bei Awdijwka.
Die Lage bei Awdijwka.
DeepStateMap

Im Gebiet Charkiw hat sich die Front bedenklich der Stadt Kupjansk genähert.

Die Lage bei Kupjansk.
Die Lage bei Kupjansk.
MilitaryLand

Ein waghalsiger ukrainischer Vorstoss im Gebiet Cherson über den Fluss Dnipro bindet zwar russische Truppen, doch stehen die Ukrainer unter russischem Dauerbombardement mit tückischen russischen Gleitbomben und Artilleriegranaten – mit hohen Verlusten.

Die Lage am Dnipro.
Die Lage am Dnipro.

Entlang aller Frontabschnitte will der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj nun verstärkt Schutzräume und Befestigungen ausbauen.

Experte: Ukraine weiter unterstützen

Der deutsche Militärexperte und Ukraine-Kenner Nico Lange kann kein «Patt» in der Situation erkennen und bezeichnet die Lage als dynamisch. «Was wir erleben werden, hängt auch davon ab, wie wir die Ukraine weiter unterstützen», sagte er der dpa.

«Putin hat auch ganz erhebliche militärische Probleme – wir sollten der Ukraine schnell dabei helfen, ihn in der Ukraine jetzt zu stellen und ihm keine Zeit für Erholung, Neuorganisation und Neuaufbau geben. Das Problem würde auch für uns dadurch nur grösser, länger und teurer.»

Berechnungen des ukrainischen Journalisten Wolodymyr Dazenko zufolge lag der Höhepunkt der westlichen Waffenlieferungen im Januar/Februar. Seitdem ebbten die Nachschublieferungen ab.

Hohe Verluste

Während Russland monatlich im Schnitt gut 200 neue oder modernisierte Panzerfahrzeuge an die Front bringen könne, seien es auf der ukrainischen Seite nur rund 60. Bei Artilleriegeschützen erhalte Kiew ein Zwölftel der russischen Menge. Und unterstützt von Nordkorea und Iran verfüge die russische Artillerie über mehr als das Doppelte an Granaten.

Ukrainische Soldaten klagen über eine stärker werdende russische Überlegenheit bei Überwachungs- und Angriffsdrohnen in Frontnähe. Russische Störsignale verhindern teils den Einsatz westlicher Präzisionswaffen. Bei der ukrainischen Luftverteidigung hängt alles am westlichen Nachschub.

Auch die höhere Zahl verletzter und getöteter russischer Soldaten ist womöglich nicht entscheidend. Westliche Beobachter gehen davon aus, dass die russische Armee bereits über 120'000 Tote hat, während das ukrainische Militär über 70'000 Gefallene zu beklagen hat. Nur scheint auch die russische Mobilisierung erheblich wirksamer zu sein.

Spannungen in der Politik

Das Durchschnittsalter ukrainischer Soldaten soll inzwischen bei Mitte 40, in einigen Brigaden sogar bei Mitte 50 liegen. Trotz Aufforderungen von Saluschnyj und anderen scheut sich die Regierung weiter, die 18- bis 27-Jährigen einzuziehen.

Immerhin stellte Selenskyj dem Militär jetzt eine Reform der Einberufungsgesetze in Aussicht. Die Ankündigung der Reform gilt als Zugeständnis an die Soldaten, die seit dem Beginn des russischen Angriffskriegs vor rund 21 Monaten grösstenteils ohne Ablösung an der Front im Einsatz stehen.

Die Unzufriedenheit mit dem Kriegsverlauf führt auch zu Spannungen in der Politik. Der Präsident weigert sich, einen Misserfolg der Gegenoffensive öffentlich einzugestehen. Er wies Saluschnyj nach dessen Interview deutlich zurecht und warnte die Befehlshaber vor politischen Ambitionen.

Carsten Hoffmann und Andreas Stein, dpa/phi