Westen berät über Umgang mit Erdogan

dpa/toko

24.10.2021 - 16:43

Der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan empfängt Bundeskanzlerin Angela Merkel am Präsidentenpalast Huber Villa in Istanbul.
Der Westen berät über den Umgang mit dem türkischen Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan.
Francisco Seco/AP/dpa (Archivbild)

Erdogan brüskiert die Nato-Partner und erklärt zehn Botschafter zu unerwünschten Personen. Damit droht ihnen die Ausweisung. Hintergrund ist deren Einsatz für einen inhaftierten Kulturförderer. Doch Erdogan dürfte auch die Innenpolitik im Blick haben.

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24.10.2021 - 16:43

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan hat mit der angedrohten Ausweisung von zehn Botschaftern die Beziehungen des Westens zur Türkei vor eine neue Belastungsprobe gestellt. Die betroffenen Staaten, darunter Deutschland und die USA, berieten am Sonntag über eine angemessene Reaktion auf Erdogans Ankündigung, ihre Botschafter zu unerwünschten Personen zu erklären.

Erdogan hatte zuvor im westtürkischen Eskisehir gesagt, er habe das Aussenministerium angewiesen, die zehn Botschafter zur «Persona non grata» zu erklären. Ein solcher Schritt bedeutet in der Regel die Ausweisung der Diplomaten.

Hintergrund der Äusserungen Erdogans ist eine Erklärung der Botschafter von Anfang der Woche. Darin fordern sie die Freilassung des türkischen Unternehmers und Kulturförderers Osman Kavala. Der 64-Jährige sitzt seit 2017 in Istanbul in Untersuchungshaft, obwohl der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) schon 2019 seine Freilassung angeordnet hatte.

Kavala wird beschuldigt, die regierungskritischen Gezi-Proteste in Istanbul 2013 unterstützt und einen Umsturzversuch angezettelt zu haben. Ihm wird ausserdem «politische und militärischen Spionage» im Zusammenhang mit dem Putschversuch von 2016 vorgeworfen. Kritiker sehen die Vorwürfe als politisch motiviert.



Aus Kreisen des deutschen Auswärtigen Amts in Berlin hiess es zur Ankündigung Erdogans: «Wir haben die Äusserungen des türkischen Staatspräsidenten Erdogan sowie die Berichterstattung hierüber zur Kenntnis genommen und beraten uns derzeit intensiv mit den neun anderen betroffenen Ländern.» Aus dem US-Aussenministerium hiess es, man suche «Klarheit vom Aussenministerium der Türkei».

Die Augen sind nun auch auf den türkischen Aussenminister Mevlüt Cavusoglu gerichtet, der zurzeit in Südkorea ist. Setzt er die Anweisung seines Chefs um, wäre es ein drastischer Schritt, der die Beziehungen des Nato-Partners Türkei zur EU sowie zu den USA stark belasten würde – und das eine Woche vor dem G20 Gipfel in Rom. Dort hofft Erdogan eigentlich auf ein bilaterales Treffen mit US-Präsident Joe Biden.

Schon am Dienstag mussten die Botschafter wegen der Erklärung im türkischen Aussenministerium vorstellig werden. Der deutsche Botschafter Jürgen Schulz wurde dabei von seinem Geschäftsträger vertreten. Der Aufruf wurde von der Türkei als Einmischung in innere Angelegenheiten verstanden, er sei «masslos» und «inakzeptabel», wurde ihnen deutlich gemacht.

Gerade Deutschland und die Türkei hatten sich eigentlich wieder angenähert, nachdem unter anderem die Inhaftierung deutscher Staatsbürger 2017 zu einem tiefen Zerwürfnis in den bilateralen Beziehungen geführt hatte. Erst vergangene Woche hatte Bundeskanzlerin Angela Merkel bei ihrem Abschiedsbesuch bei Erdogan die Wichtigkeit der deutsch-türkischen Beziehungen betont.

Die Beziehungen zu den USA wiederum sind schon jetzt belastet. Nach wie vor streiten die Nato-Partner wegen des Kaufs des russischen Raketenabwehrsystem S-400 durch die Türkei. Bidens Vorgänger Donald Trump hatte deswegen Sanktionen gegen Ankara verhängt und die Türkei vom Programm des hochmodernen Kampfflugzeugs F-35 ausgeschlossen. Ankara hatte gerade erst zugesagt, als Ersatz über den Kauf anderer Kampfflugzeuge in den USA zu verhandeln.

Deutsche Politiker verurteilten das türkische Vorgehen scharf. Bundestagsvizepräsidentin Claudia Roth (Grüne) forderte Sanktionen und einen Stopp von Rüstungsexporten. Man müsse dem «autoritären Kurs Erdogans international die Stirn bieten», sagte sie der Deutschen Presse-Agentur. Von einer «aussenpolitischen Eskalation» sprach der CDU-Aussenexperte Norbert Röttgen gegenüber der «Süddeutschen Zeitung». Der FDP-Aussenpolitiker Alexander Graf Lambsdorff schrieb auf Twitter, eine mögliche Ausweisung von zehn Botschaftern «wäre unklug, undiplomatisch und würde den Zusammenhalt des Bündnisses schwächen.» Die AFD sieht den Fehler aber auch bei der Bundesregierung und warf dem Auswärtigen Amt «Polit-Aktivismus statt Diplomatie» im Umgang mit Ankara vor.

Erdogan (67) dürfte mit seiner scharfen Rhetorik – wie auch 2017 – auch innenpolitische Ziele verfolgen. Damals kam ihm eine aussenpolitische Krise gelegen, denn er konnte vor dem Verfassungsreferendum die Reihen hinter sich schliessen.

Ein ähnliches Kalkül könnte er nun wieder verfolgen. Im eigenen Land steht Erdogan unter anderem wegen der schwierigen wirtschaftlichen Lage unter Druck. Die türkische Lira verliert immer weiter an Wert. Die Türken leiden zudem unter einer hohen Inflation, vor allem Lebensmittel werden immer teurer. Erdogan wirkte zudem zuletzt angeschlagen. Spekulationen um seinen Gesundheitszustand waren neu befeuert worden, nachdem er im Juli während einer Rede einnickte.

Ein Konflikt mit dem Westen liesse Erdogan stark erscheinen, das Thema Kavala eignet sich dafür besonders gut. Der Philantrop ist nicht nur in der Türkei für seinen Einsatz für die Zivilgesellschaft bekannt, sondern auch in Europa. Mit seiner Organisation Anadolu Kültür arbeitet Kavala unter anderem mit dem Goethe-Institut und anderen deutschen Stiftungen zusammen. Der Inhaftierte stammt aus einer Unternehmerfamilie, hat sich aber seit den 90er Jahren vor allem dem kulturellen Austausch verschrieben.

Erdogan ist solches Engagement zutiefst suspekt. Er sieht Kavala als Teil eines internationalen Netzwerks, um Unruhen in seinem Land zu schüren. Unklar ist, ob und wann der Präsident seine Botschafter- Ankündigung wahr macht. Schaden dürfte er damit schon jetzt angerichtet haben. Die regierungsnahe Tageszeitung «Takvim» druckte am Sonntag vorsorglich die Fotos der zehn Diplomaten mit Namen auf ihre Titelseite und schrieb dazu auf Türkisch: «Auf Wiedersehen»

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