Fragwürdiger Erfolg

China hat die Armut besiegt – dennoch gibt es keinen Grund zum Feiern

Von Sven Hauberg

1.12.2020

Eine Bäuerin und ihr Kind im Dorf Langde in der chinesischen Provinz Guizhou: Die Region gilt als eine der ärmsten des Landes. (Archivbild)
Eine Bäuerin und ihr Kind im Dorf Langde in der chinesischen Provinz Guizhou: Die Region gilt als eine der ärmsten des Landes. (Archivbild)
Bild: Keystone

Eigentlich eine gute Nachricht: China hat eigenen Angaben zufolge die extreme Armut im Land besiegt. Doch das Problem ist noch lange nicht gelöst.

Man sollte sich nicht täuschen lassen von den Glitzerfassaden, die Städte wie Shanghai oder Peking nachts zum Leuchten bringen: In vielen Teilen Chinas herrscht noch immer bittere Armut. Glaubt man allerdings offiziellen Parteiverlautbarungen, dann hat das Land seit wenigen Tagen die Armut besiegt – zumindest die Armut in ihrer extremen Form. 

Die letzten Regierungsbezirke des Landes seien von der nationalen Armutsliste gestrichen worden, meldete die staatliche chinesische Nachrichtenagentur Xinhua vergangene Woche. Neun Bezirke hätten sich zuletzt noch auf der Liste befunden, alle in der Provinz Guizhou. Guizhou, im Südwesten Chinas gelegen, gilt als eine der ärmsten Regionen des Landes. Obwohl die Provinz reich an natürlichen Rohstoffen ist, hatte Guizhou in den vergangenen Jahren nur wenig vom chinesischen Wirtschaftsboom profitiert.



In den neun ärmsten Bezirken in Guizhou, das zeigen nun die offiziellen Daten, sei das durchschnittliche Jahreseinkommen auf knapp 11'500 RMB gestiegen (rund 1580 CHF). Damit lägen die Bezirke deutlich über der nationalen Armutsgrenze von 4000 RMB (550 CHF).

«Jahrtausende altes Problem gelöst»

Ende 2019, so Xinhua, hätten noch 52 chinesische Bezirke als arm gegolten. Bereits Anfang November, so offizielle Angaben, seien Bezirke in sechs weiteren Provinzen von der nationalen Armutsliste gestrichen worden. China habe «das Jahrtausende alte Problem der extremen Armut» gelöst, zitiert Xinhua den Sozialwissenschaftler Gao Gang.

Dass die Erfolgsmeldungen bei der Bekämpfung der Armut ausgerechnet jetzt verkündet werden, ist kein Zufall: Bis Ende dieses Jahres, so hatte Staats- und Parteichef Xi Jingping im Oktober 2015 verkündet, müsse die Armut im Land besiegt werden. Jetzt, nur wenige Wochen vor Ablauf dieser selbstgesetzten Frist, will China dieses Ziel erreicht haben – ein Schelm, wer Böses dabei denkt.



Zumal die Einkommen in China weiter extrem ungleich verteilt sind. So verkündete das staatliche Statistikbüro im vergangenen Jahr, dass die durchschnittlichen Haushaltseinkommen in den Städten mehr als zweieinhalbmal höher seien als auf dem Land. Vor allem in den Ostküstenstädten Peking und Shanghai konzentriert sich viel Reichtum, während die Einkommen in kleineren Städten deutlich niedriger ausfallen. Würden ausserdem die Standards der Weltbank, nach denen Menschen mit einem Jahreseinkommen ab 2000 US-Dollar nicht mehr als arm gelten, auf China übertragen, hiesse das: Noch immer sind 27 Prozent der Chinesen arm, wie das «Wall Street Journal» kürzlich vorgerechnet hat.

«Einzelne Familien leben noch immer im Elend»

Dass die Armut in China längst nicht bekämpft ist, hat die Regierung selbst mehrfach eingestanden. So sagte etwa Premierminister Li Keqiang noch im Mai, dass rund 600 Millionen Chinesen, also rund 40 Prozent der Bevölkerung, weniger als 1000 RMB (knapp 140 CHF) im Monat verdienen würden. Und das chinesische Wirtschaftsmagazin «Caixin» schreibt, dass die nun veröffentlichten Zahlen lediglich Durchschnittswerte seien. Das verdecke die Tatsache, dass «einzelne Familien oder Gemeinschaften noch immer im Elend leben».



Die offizielle Propaganda ficht das freilich nicht an. In den vergangenen 40 Jahren, so die offizielle Leitlinie, habe die Kommunistische Partei (KPCh) 700 Millionen Menschen aus der Armut geholt. Damit sei das Land für 70 Prozent der weltweiten Erfolge im Kampf gegen die Armut verantwortlich. Ein Argument, das nicht jeder so gelten lassen will.

«Es wäre zutreffender zu sagen, dass die KPCh nach der Gründung der Volksrepublik 1949 drei Jahrzehnte lang Hunderte Millionen Chinesen in der Armut gefangen hielt», schreiben die China-Experten Mareike Ohlberg und Clive Hamilton in ihrem Buch «Die lautlose Eroberung». Erst als die Partei den Menschen erlaubt habe, Eigentum zu besitzen und ein Unternehmen zu gründen, «befreite sich das chinesische Volk selbst aus der Armut».

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