China zwingt Uiguren zum Schuften für den Export

19.12.2018 - 16:57, AP

In chinesischen Umerziehungslagern sollen Angehörige muslimischer Minderheiten angeblich wie Sklaven arbeiten.
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Hunderttausende Angehörige von Minderheiten werden in der chinesischen Region Xinjiang ihrer Freiheit beraubt. Viele von ihnen müssen laut Zeugen Zwangsarbeit leisten. Die dabei hergestellten Produkte werden offenbar auch in den USA verkauft.

Das Umerziehungslager in der Stadt Hotan ist nur eines von vielen. Die Gesamtzahl der inhaftierten Uiguren liegt Schätzungen zufolge bei bis zu einer Million. Die Regierung in Peking will die Betroffenen dazu bringen, ihre Sprache und ihren Glauben aufzugeben, sich einer politischen Indoktrinierung zu unterwerfen. Doch damit nicht genug: Recherchen haben gezeigt, dass die Insassen auch arbeiten müssen – zum Teil ohne Bezahlung.

Die Nachrichtenagentur AP hat in einem Fall die von einer lagerinternen Fabrik ausgehenden Lieferwege verfolgt. Ergebnis: Die Textilprodukte der Hetian Taida Apparel landeten auch beim US-Unternehmen Badger Sportswear. Die Kleidungsstücke der in Statesville in North Carolina ansässigen Firma werden im ganzen Land verkauft, unter anderem an Sportmannschaften und an Hochschulen.

«Beitrag zur Bekämpfung der Armut»

Ob ein konkretes T-Shirt tatsächlich aus Xinjiang stammt oder nicht, lässt sich in der Regel kaum ermitteln. Die Recherchen verdeutlichen vielmehr, wie schwer es heute angesichts von global ausgerichteten Lieferketten ist, Einfluss auf Produktionsbedingungen zu nehmen. Badger-Chef John Anton liess am Sonntag mitteilen, sein Unternehmen werde der Sache nachgehen und die entsprechenden Bezüge bis auf Weiteres stoppen.

Das chinesische Unternehmen Hetian Taida bestätigte auf Anfrage, dass es eine Fabrik innerhalb eines «Umerziehungslagers» betreibe. Auf diese Art werde den Menschen, die von der Regierung als «unproblematisch» eingestuft würden, dort eine Arbeitsmöglichkeit gegeben, sagte Firmen-Leiter Wu Hongbo der AP per Telefon. «Wir leisten einen Beitrag zur Bekämpfung der Armut.»

Aus der Luft gegriffen?

Ist diese Textilfabrik ein Arbeitslager? Die Regierung widerspricht.
Ng Han Guan/AP/dpa

Nach offizieller Darstellung der chinesischen Behörden erhalten Uiguren, Kasachen und andere überwiegend muslimische Minderheiten in den Lagern Möglichkeiten zur beruflichen Ausbildung. Dies wird als Teil des Plans beschrieben, die betroffenen Menschen in die «moderne, zivilisierte» Welt zu integrieren. Die Insassen hätten dafür eine Einverständniserklärung abgegeben, heisst es.

Die Regionalverwaltung in Xinjiang liess eine Bitte um Stellungnahme unbeantwortet. Das Aussenministerium in Peking erklärte am Montag, es gebe in den internationalen Medien «viele unwahre Berichte» über die Ausbildungszentren. «Diese Berichte beruhen komplett auf Gerüchten oder sind aus der Luft gegriffen», sagte Ministeriumssprecherin Hua Chunying in einem täglichen Pressebriefing, ohne direkt auf die Recherchen der AP einzugehen.

Zeugen widersprechen der Regierung

Adilgazy Yergazy hat seine jüngeren Brüder seit einem Jahr nicht gesehen. Sie wurden in eines der Lager gebracht.
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Rund ein Dutzend Menschen bestätigten der AP allerdings, dass Zwangsarbeit in den Lagern in Xinjiang an der Tagesordnung sei. Einige waren selbst inhaftiert, andere haben Angehörige oder Freunde, die betroffen sind. Die inzwischen im Exil lebenden Uiguren und Kasachen berichten, dass es bei der Bezahlung je nach Fabrik Unterschiede gebe – in einigen werde zumindest der ortsüblich Mindestlohn gezahlt, in anderen dagegen gar nichts.

Einer der Zeugen erklärten gegen Zusicherung von Anonymität, dass allein in seinem Bezirk mehr als 10'000 Menschen – und damit etwa zehn bis zwanzig Prozent der Inhaftierten – in Fabriken arbeiten würden. Einige bekämen dafür nur ein Zehntel von dem, was sie vor ihrer Festnahme verdient hätten. Anderen Zeugen zufolge werden mitunter hochqualifizierte Akademiker in der Ausübung einfachster Tätigkeiten «geschult».

Wie Sklaven behandelt

Rushan Abbas' Schwester Glushan ist Ärztin – und muss nun wohl in einem der «Ausbildungszentren» schufften.
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Ein ins Ausland geflüchteter ehemaliger Reporter des Senders Xinjiang TV sagt der AP, dass während seiner einmonatigen Haft im vergangenen Jahr jüngere Insassen jeden Morgen in eine Zementfabrik sowie in Schreinerbetriebe in der Umgebung gebracht worden seien. «Das Lager hat ihnen überhaupt kein Geld gegeben, nicht einen einzigen Cent», sagt er. Selbst für Kleinigkeiten wie Seife oder Bettzeug hätten sie ihre Familien anrufen und um Unterstützung bitten müssen.

Die in Washington lebende Uigurin Rushan Abbas sagt, ihre Schwester, die Ärztin Dr. Gulshan Abbas, sei in Xinjiang festgenommen und in eines der sogenannten Ausbildungszentren gebracht worden. «Amerikanische Unternehmen, die aus solchen Regionen importieren, sollten sich darüber im Klaren sein, dass diese Produkte von Menschen stammen, die wie Sklaven behandelt werden.»

Der Ehemann der Kasachin Mainur Medetbek wurde im Februar während eines Besuchs in China festgenommen und in ein Lager gesteckt. Dort arbeitet er nach Angaben der Frau nun in einer Textil-Fabrik. Nur selten und nur unter Aufsicht dürfe sie ihn sehen, beklagt sie. «Sie behaupten, sie hätten einen Job für ihn gefunden. Aber aus meiner Sicht ist das ein Konzentrationslager.»

Die Inhaftieren sollen in den Fabriken nur ein Zehntel von dem erhalten, was sie vor ihrer Verhaftung an Lohn bekamen.
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Reaktionen aus den USA

In den USA regt sich derweil auch auf politischer Ebene Kritik an den Zuständen in Xinjiang. Der republikanische Abgeordnete Chris Smith, Mitglied des Ausschusses für internationale Beziehungen im Repräsentantenhaus, forderte das Weisse Haus am Montag auf, alle Importe von chinesischen Unternehmen mit Verbindungen zu Internierungslagern zu verbieten.

«Es ist nicht nur so, dass die chinesische Regierung mehr als eine Million Uiguren und andere Muslime einsperrt und sie zwingt, sich von ihrer Religion loszusagen und der Kommunistischen Partei Treue zu schwören», sagte Smith. «Jetzt beutet sie auch noch ihre Arbeitskraft aus.»

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