So wurde Neuseeland wieder ein ganz normales Land

Von Rebekah Lyell und Carola Frentzen, dpa

7.5.2021 - 10:36

Fans cheers as New Zealand band Six60 perform at Eden Park in Auckland, New Zealand, Saturday, April 24, 2021. Six60 is being billed as the biggest live act in the world since the coronavirus pandemic struck after New Zealand stamped out the spread of the virus, allowing life to return to normal. On Saturday, the band played a remarkable finale to their latest tour, performing in front of 50,000 people at the first-ever concert at Auckland's Eden Park.(AP Photo/David Rowland)
Fans der Band Six60 feiern deren Autritt am 24. April im Eden Park in Auckland. 
Bild: AP Photo/David Rowland

Nicht nur in der Schweiz sehnen die Menschen die Normalität herbei. Neuseeland macht schon heute vor, wie das sein könnte – inklusive Grossveranstaltungen. Aber die grosse Freiheit hat einen Preis.

Von Rebekah Lyell und Carola Frentzen, dpa

7.5.2021 - 10:36

Als Matiu Walters den Hit «Forever» anstimmt, gibt es kein Halten mehr: Im ausverkauften Eden Park in Auckland tanzen und feiern 50'000 Fans der neuseeländischen Rockband Six60 und recken die Arme in die Luft. Schutzmasken? Keine zu sehen. Abstandsregeln? Gibt es ebenfalls nicht.

Es ist der 24. April 2021. Noch vor zwei Jahren wäre das Konzert ausserhalb des Pazifikstaats kaum eine Nachricht wert gewesen. Aber in Zeiten einer Pandemie gehen solche Bilder um den Globus. Und in der Schweiz reibt man sich verwundert die Augen.

Während in der Schweiz weiterhin strenge Kontaktbeschränkungen gelten, lebt ein kleines Land am anderen Ende der Welt in einer fast vergessen gegangenen Normalität. Zwar hat man schon viel davon gelesen und gehört, dass wohl keine andere Nation das Coronavirus so erfolgreich bekämpft hat wie Neuseeland – aber erst Fotos und Videos wie jenes vom Six60-Konzert machen die Diskrepanz so deutlich.

New Zealand band Six60 perform at Eden Park in Auckland, New Zealand, Saturday, April 24, 2021. Six60 is being billed as the biggest live act in the world since the coronavirus pandemic struck after New Zealand stamped out the spread of the virus, allowing life to return to normal. On Saturday, the band played a remarkable finale to their latest tour, performing in front of 50,000 people at the first-ever concert at Auckland's Eden Park.(AP Photo/David Rowland)
Ein ganz normales Konzert: Die neuseeländische Rockband Six60 spielt im Eden Park in Auckland vor vollen Rängen. 
Bild: AP Photo/David Rowland

Massenveranstaltungen wie diese rufen vielen Neuseeländern in Erinnerung, mit welch massiven Beschränkungen andere Länder noch immer gegen steigende Infektionszahlen kämpfen.

«Wir schauen die Nachrichten und manchmal lesen wir Dinge und denken: Wow! Das öffnet unsere Augen dafür, was für ein Glück wir haben, in Neuseeland und so sicher zu sein», sagt Kyah Te Kira-Nolan, die in den vergangenen Monaten häufig Grossveranstaltungen wie Sportevents und Konzerte besucht hat.

Sportevents und Food-Festivals

Während die Schweiz sich erst langsam an Grossveranstaltungen herantastet, lockte in Neuseeland das «Wildfoods Festival» im März schon rund 10'000 Gäste nach Hokitika auf der Südinsel. Auf der Speisekarte standen wie immer gewöhnungsbedürftige Delikatessen wie die Maden des dickwanstigen Huhu-Käfers, frittierte Grashüpfer und Sau-Zitzen, die ohne Abstandsregeln im grossen Freundeskreis verzehrt werden konnten.

Den America's Cup, den Titelverteidiger Neuseeland im März zum vierten Mal für sich entschieden hat, feierten Zehntausende Segelfans in der Metropole Auckland. Und auch die Spiele im «Super Rugby Aotearoa»-Wettbewerb begeistern allwöchentlich bis zu 20'000 Fans in voll besetzten Stadien.

«Es ist schon verrückt, wenn man darüber nachdenkt, dass wir hier praktisch ein ganz normales Leben führen, während der Rest der Welt zu Hause sitzt und Homeoffice und Homeschooling macht», sagt die Kindergärtnerin Kate Liddington. Statt Corona-konformer Begrüssung per Fuss oder Ellbogen schütteln sich die Neuseeländer ganz normal die Hände.

Manche können die Gelegenheiten, bei denen sie eine Maske trugen, genau aufzählen – nämlich nur in Flugzeugen und anderen öffentlichen Verkehrsmitteln. Wie kann das sein?

Der Preis der Freiheit

Nun: Auch in dem Inselstaat gab es einen strengen Lockdown, nämlich von März bis Mai 2020. Darauf folgte eine clevere Strategie mit genauen Kontaktverfolgungen und dem erklärten Ziel, das Virus nicht nur kleinzuhalten, sondern gänzlich auszumerzen. Zu diesem Zweck schloss die Regierung von Ministerpräsidentin Jacinda Ardern vor 14 Monaten auch die Grenzen.

Reisen sind mühsam und nur mit triftigem Grund möglich. Das ist der Preis, den die Menschen für ihre ansonsten grosse Freiheit zahlen müssen. Mittlerweile können sie immerhin wieder quarantänefrei nach Australien und ab dem 17. Mai auch auf die Cookinseln reisen.

New Zealand Prime Minister Jacinda Ardern, center, reacts during the swearing-in ceremony to appoint the new executive at Government House in in Wellington, New Zealand, Friday Nov. 6, 2020. 05 November, 2020. Prime Minister Ardern told her new Cabinet members they will govern during
Regierungschefin Jacinda Ardern hat im vergangenen Jahr einen strengen Lockdown durchgesetzt. 
Bild: Mark Mitchell/NZ Herald via AP

Seit Beginn der Pandemie leben die fünf Millionen Einwohner also ein wenig wie Asterix und Obelix in ihrem gallischen Dorf, nach dem Motto: «Die ganze Welt ist von einem Virus gebeutelt. Die ganze Welt? Nein! Eine von unbeugsamen Neuseeländern bevölkerte Nation hört nicht auf, dem Eindringling Widerstand zu leisten.» Ardern nennt das Volk entsprechend stolz ihr «Team of five million».

Wenn es doch einmal hier und da einen Corona-Fall gibt, wird das betroffene Gebiet umgehend unter einen strengen, aber meist auch sehr kurzen Lockdown gestellt. Im Rest des Landes geht das Leben weiter seinen normalen Gang.

Die Sorge um die Verwandten im Ausland ist gross

«Erst wenn wir abends die Nachrichten schauen, werden wir daran erinnert, was überall sonst los ist. Besonders jetzt mit diesen schrecklichen Szenen aus Indien», sagt Laura Mills aus der Hafenstadt Greymouth auf der Südinsel. Sie sei sehr glücklich über Neuseelands Umgang mit der Pandemie, betont die Journalistin. Aber gleichzeitig fühle sie sich schon ziemlich abgeschnitten vom Rest der Welt.

Nachdenklich meint sie: «Meine Eltern sind in Grossbritannien. Und wenn es so weitergeht wie jetzt, werden Jahre vergehen, bevor sie mich oder ihre Enkel wiedersehen können.»