Basar der Verzweiflung

Das grosse Feilschen um Gesichtsmasken

AP/tafi

5.4.2020

Mit Wild-West-Methoden und zu Mondpreisen werden derzeit Gesichtsmasken auf dem Weltmarkt gehandelt. 
iStock

Im internationalen Geschacher um Gesichtsmasken und anderen medizinischen Bedarf ist sich jeder selbst der Nächste. Davon profitieren einige teils zwielichtige Anbieter, die mittlerweile Fabelpreise aufrufen.

Jeder braucht sie, jeder will sie. Und wer schneller und skrupelloser ist und mehr Geld in die Hand nimmt, bekommt den Zuschlag. Das Feilschen um Gesichtsmasken und andere medizinische Ausrüstung ist in der Corona-Krise zu einem echten Problem geworden.

Das merkte zuletzt auch die deutsche Hautpstadt Berlin, als 200'000 Schutzmasken für die Berliner Polizei aus Asien plötzlich weg waren. Innensenator Andreas Geisel (SPD) warf den USA vor, sie konfisziert zu haben und sprach von einem «Akt moderner Piraterie» und «Wild-West-Methoden».

Tatsächlich scheinen solche Methoden kein Einzelfall zu sein. In den USA etwa versuchen sogar die einzelnen Staaten, sich im Bieterwettstreit mit Anbietern in China, Südkorea und anderswo gegenseitig auszustechen, um an Masken zu geraten. Und auch einzelne Gesundheitsdienstleister mischen mit.

Mondpreise und Kriminelle

Verantwortliche berichten dort von zwielichtigen Mittelsleuten, nie aufgetauchten Lieferungen und drastisch gestiegenen Preisen.
In den USA verfügt die Bundesregierung in Washington noch über einen – dramatisch schwindenden – Vorrat an Masken, Beatmungsgeräten und Einmalhandschuhen.

Welcher Staat oder welche Krankenhäuser sie bekommen, wird streng reglementiert und hängt mitunter auch davon ab, ob sich die Gouverneure mit Präsident Donald Trump gut stellen. Der sagte am Samstag, er würde vom New Yorker Gouverneur Andrew Cuomo und anderen gerne ein deutlicheres Danke hören.

Auch der Gouverneur von Kalifornien, Gavin Newsom, sagte, es herrschten Methoden wie im Wilden Westen. Masken und Beatmungsgeräte kosten mittlerweile zehnmal so viel wie normal. Und viele versuchen, über Umwege an das begehrte Gut zu kommen. Der Gouverneur von Massachusetts, Charlie Baker, bat Robert Kraft, den Besitzer des Football-Teams New England Patriots, um Hilfe und der holte mit dem Team-Flugzeug mehr als eine Million Masken aus China.

Und die Kontakte in den Ländern, aus denen die Masken kommen, sind auch nicht immer ganz koscher. «Jeder kennt jemanden, der jemanden in China kennt», sagt Aubrey Layne, der als Finanzminister von Virgina die Anbieter überprüfen soll. Oft treffe man dabei auf Menschen mit zumindest fragwürdigen Qualifikationen, aber gleichzeitig sei oft die Zeit zu knapp, um wirklich tiefergreifende Prüfungen zu machen.

Wild-West-Methoden

Daniel Durand ist eigentlich Arzt, aber in seiner Funktion als Innovationsbeauftragter des Krankenhausverbundes LifeBridge Health in Maryland nun auch in einer Rolle, die er sich nie hätte vorstellen lassen. Er muss im Chaos auf dem weltweiten Markt versuchen, Masken für seine Kliniken zu organisieren. Denn in den USA stehen nicht nur die Bundesregierung und die einzelnen Staaten im Bieterwettstreit, sondern auch die einzelnen Krankenhausbetreiber wie jener von Turand, die ihre eigenen Mitarbeiter ausstatten wollen.

Medizinische Masken vom Typ N95 hätten früher weniger als einen Dollar pro Stück gekostet, sagt er. Mittlerweile seien nirgendwo mehr für unter 3,70 Dollar zu finden und das sei noch ein Schnäppchen. Es gebe genügend Käufer, die bereit seien, bis zu 10 Dollar pro Stück auf den Tisch zu legen.



Schon wenn er nur ein paar Nachfragen stelle, würden die Mittelsleute, mit denen er in Kontakt sei, sofort drohen, ihre Ware eben an andere Krankenhäuser zu schicken. «Und dann höre ich, dass Leute Millionen für Lieferungen zahlen und nichts taucht auf», sagt Turand.

Wegen dieser Zustände wird der Ruf in den USA immer lauter, die Käufe zu zentralisieren. Doch Trump machte bisher keine Anstalten in diese Richtung. Die aktuelle Situation sei komplett frustrierend, sagte der republikanische Gouverneur von Maryland, Larry Hogan. «Wir haben alles aufgekauft, was wir auf dem offenen Markt in die Hände bekommen konnten», sagte er. Jeder biete gegen jeden, es gebe nur wenig Angebot und keine echte Koordination, wie es weitergehen solle.

Mediziner nähen Masken selber

Brendan Williams, Präsident des Verbands der Pflegeheime in New Hampshire, klagte, dass sein kleiner Staat nicht mit anderen kaufkräftigeren Bietern mithalten könne. «Wenn ein solches darwinistisches Gerangel entsteht wie im «Herr der Fliegen», dann weiss ich nicht, was ich dazu sagen soll. Es ist unvorstellbar, dass das die Situation ist, in der wir uns gerade befinden.»

Einige Staaten schaffen in der Not bereits ihre eigenen Produktionsstätten. Das Unternehmen LifeBridge Health von Daniel Durand funktionierte ein Gebäude im Grossraum Baltimore zu einer Fabrik um. Durand, eigentlich ein Onkologe, brachte 40 Kollegen bei, wie sie die Masken nähen sollten. Sie sollen nun helfen, die Krankenhäuser in Maryland auszustatten und so die Wild-West-Methoden zu umgehen.

Coronavirus-Krise – eine Chronologie

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